Der erste Teil seiner Reise von Australien nach Deutschland dauerte am längsten. In seiner Heimatstadt Perth war Eric May in den Flieger gestiegen, 20 Stunden später verließ er in London die Maschine. Doch der Wissenschaftler ist lange Flüge gewohnt. Auf die Frage, wie er die Zeit in der Luft verkraftet habe, winkt er lächelnd ab. Um von Perth in...
Der erste Teil seiner Reise von Australien nach Deutschland dauerte am längsten. In seiner Heimatstadt Perth war Eric May in den Flieger gestiegen, 20 Stunden später verließ er in London die Maschine. Doch der Wissenschaftler ist lange Flüge gewohnt. Auf die Frage, wie er die Zeit in der Luft verkraftet habe, winkt er lächelnd ab. Um von Perth in die nächste Stadt in Australien zu gelangen, dauert es fünf Stunden - nicht per Auto oder mit dem Zug, sondern mit dem Flieger, erzählt er. Da waren der zweieinhalbstündige Anschlussflug von der britischen Hauptstadt nach Prag und die Fahrt mit dem Auto weiter nach Chemnitz nur noch ein Katzensprung für den Physiker.
Seit Anfang Dezember ist der Australier in der Stadt. Eingeladen hat ihn Markus Richter, der an der Technischen Universität den Lehrstuhl für Technische Thermodynamik inne hat. May ist Professor an der University of Western Australia in Perth. Beide Wissenschaftler arbeiten schon viele Jahre zusammen und nehmen derzeit an einem neuen, internationalen Austauschprogramm der TU teil. Mit dem Visiting Scholar Program wolle man "renommierte internationale Forscherinnen und Forscher nach Chemnitz holen" und die länderübergreifende Forschungsarbeit stärken, sagt Rektor Gerd Strohmeier. Für ihren Aufenthalt in Chemnitz erhalten die Wissenschaftler ein Stipendium. In der ersten Runde des Programms haben sieben Uni-Professoren Kollegen aus der Ukraine, Polen, Australien, Tunesien, Russland und Südafrika eingeladen.
Eric May bleibt drei Monate in Chemnitz und arbeitet mit Markus Richter zusammen. Insbesondere wollen sie ein Buch zu thermodynamischem Grundlagenwissen und über flüssiges Erdgas schreiben. "Es soll ein Standardwerk werden, das sich an Experten und Studenten im Masterstudium wendet", so May. Ein solches Buch gebe es noch nicht. Außerdem wird der Australier die Doktorarbeit einer Chemnitzer Studentin betreuen und in den Laboren arbeiten, sagt Richter. Von einem Experten wie May erhoffe er sich dabei wertvolle Hilfe, so Richter.
Trotz der Arbeit an der Uni bleibt für den Australier aber auch noch etwas Zeit, um Chemnitz, Sachsen und Deutschland kennenzulernen. May ist zum ersten Mal im Osten von Deutschland. Die Weihnachtsmärkte in Dresden, Leipzig und Chemnitz hat er im Dezember besucht. Auf dem Chemnitzer Markt sei er sogar zwei- oder dreimal gewesen, verrät der 43-Jährige. Dort habe es ihm sehr gut gefallen, sagt er. Die Tradition der Weihnachtsmärkte finde er an der deutschen Kultur am besten. Einem Hobby habe er aber leider noch nicht nachgehen können. "Ich fahre gern Ski", sagt May. Doch der fehlende Schnee im Erzgebirge vor Weihnachten machte dem Vorhaben vorerst noch einen Strich durch die Rechnung.
Über Weihnachten und Silvester haben sich auch für ihn und Markus Richter die Labore der TU geschlossen. "Meine Familie ist zu Besuch", verrät Eric May, der sich für seinen Aufenthalt in Chemnitz eine Wohnung gemietet hat. Mit seiner Frau und den drei Kindern hat er das Weihnachtsfest bei Markus Richter in Bochum verbracht. Anschließend ging es nach Köln und dann in die Hauptstadt. Neujahr verbrachten die fünf Australier in Berlin. Im Gegensatz zu ihm spreche seine Frau, eine Englischlehrerin, etwas Deutsch, da sie als Studentin einige Zeit in Deutschland lebte, berichtet er. Bis Ende Januar bleibt die Familie in Deutschland. Da in Australien Sommer ist, haben die Kinder und seine Frau Ferien, sodass der mehrwöchige Aufenthalt möglich wird, erzählt er. Für seine Kinder sei die Reise ans andere Ende der Welt nicht nur ein Abenteuer. "Sie werden viel lernen. Das ist gut für ihre Entwicklung", sagt May.
Für Markus Richter ist der Aufenthalt des Forschers aus Australien eine Auszeichnung für die Chemnitzer Uni: "Eric ist einer der schlauesten Köpfe des Landes." Er gehöre zu den führenden Forschern weltweit für flüssiges Erdgas, berichtet Richter. In Australien gibt es große Vorräte des Stoffes. "Es wird in viele Länder exportiert, etwa nach Japan", sagt May. Flüssiges Erdgas werde in Zukunft sehr wichtig, weil die wachsenden Wirtschaftssysteme viel Energie benötigten, erklärt der Australier. Erdgas habe dabei einen großen Vorteil, fügt Markus Richter hinzu. "Es ist der sauberste Brennstoff."
Seit Februar 2019 ist Richter in Chemnitz. Der Ruf auf den Lehrstuhl für Technische Thermodynamik erreichte ihn wenige Tage nach den fremdenfeindlichen Ausschreitungen im Spätsommer 2018. Er habe sich hier "auf Anhieb sehr willkommen gefühlt", so Richter. Mittlerweile haben er und seine Frau, die noch im Ruhrgebiet arbeitet, ein Haus am Stadtrand erworben. "Das hätten wir nicht getan, wenn es uns hier nicht gefallen würde und wir nicht auf Dauer bleiben möchten."
Die Diskussion wurde geschlossen.