Warum eine Malerin nach 33 Jahren ihr Atelier aufgibt

Zu Pfingsten lädt Martina Schubert zum letzten Mal nach Auerswalde ein. Dann zieht sie weg. Die Kunst will sie aber nicht aufgeben.

Auerswalde.

Alles muss raus - unter diesem Motto stehen zu Pfingsten die Tage des offenen Ateliers bei Martina Schubert im Lichtenauer Ortsteil Auerswalde. Denn nach 33 Jahren verlässt die Künstlerin das Dorf und veranstaltet sozusagen einen Abschiedsverkauf.

Zurück bleiben Freunde, die sie über drei Jahrzehnte begleitet haben. Als sie 1984 mit ihrem Mann und den beiden Söhnen von Karl-Marx-Stadt nach Auerswalde zog, kannte sie kaum jemanden. Aber sie habe sich schnell im Dorf heimisch gefühlt - auch weil sie anders war. "Meine Gefühle habe ich immer in Bildern ausgedrückt", sagt die couragierte Frau. Als ihr Mann sie wenig später verließ, malte sie Bilder in grau: ein Zimmer ohne Decke, sie selbst nackt, ungeschützt. "So habe ich mich damals gefühlt, allein mit den beiden Jungs." Ihr Jüngster kam mit spastischen Lähmungen zur Welt. "Das war und ist eine Herausforderung", sagt die Mutter. Sie habe sich im Elternaktiv, in Behindertenverbänden engagiert. Jetzt lebt er mit 36 Jahren in seiner eigenen Wohnung und "ist stolz darauf", sagt Martina Schubert.


Ihre künstlerische Ader verwirklichte sie als selbstständige Schrift- und Reklamemalermeisterin. Sie entwarf auch Bühnenbilder und Kulissen, spielte Theater und begeisterte immer wieder Menschen für die Malerei und die Kunst, erläutert sie. Sie fand viele Freunde und Gleichgesinnte. Mit der Gründung der Dorfgalerie vor knapp 30 Jahren habe sie sich einen Traum erfüllt. Sie brachte viele Künstler nach Auerswalde. Sie habe eigentlich alles erreicht, was sie sich vorgenommen habe. "Jetzt ist es Zeit zu gehen", sagt sie. Denn als sie vor acht Jahren einen komplizierten Beinbruch erlitt, habe sie gespürt, wie schwer es ist, auf einem Dorf zu leben. "Wir haben keine Kaufhalle, keine Sparkasse mehr, keine Post", sagt Schubert. Für Ältere sei es besonders schwer. Selbst Bänke zum Ausruhen fehlten. Sie wage einen Neuanfang, weil sie sich noch jung genug dazu fühle, ergänzt sie.

Martina Schubert zieht im Sommer in eine Atelierwohnung in Leipzig-Lindenau. Im sogenannten Hafenkombinat hofft sie, wieder Gleichgesinnte zu finden. Sie wolle malen, schreiben, künstlerisch aktiv sein. Sie freue sich auf neue Herausforderungen, fügt sie hinzu. In Leipzig wohne auch ihr jüngster Sohn, den sie dann öfters sehen kann.

"Doch der Wegzug fällt mir auch schwer", sagt Martina Schubert. Zurück bleiben Schüler und Senioren, die sie künstlerisch betreut hat, Bilder, Grafiken und viele Geschichten, die sie in einem Buch aufgeschrieben hat. Es heißt "Ewige Sommer" und ist eine Liebeserklärung an das Dorf Auerswalde. Weggelassen hat sie größere Schicksalsschläge wie die verheerende Explosion 2010, als ihr Haus teilweise zerstört wurde. Sie beschreibt vielmehr, wie ihr Hund an einem Morgen 250 Schafe aus der LPG auf den kleinen Bauernhof getrieben hat. Sie erzählt von ihrem Küchentisch, der so viel erlebt hat: Ihre Kinder bemalten dort Ostereier. Sie kochte Marmelade ein. Der Liebste vergnügte sich mit ihr auf dem Holz. Und als Künstlerkollege Bernd Käppler 2014 starb, heulten dort die Freunde um ihn. "Alles hat seine Zeit", sagt Martina Schubert. Jetzt sei die Zeit reif für Leipzig.

Offene Ateliers Martina Schubert öffnet am Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr ihr Atelier, Auerswalder Hauptstraße 59. Zu Gast sind Seidenmalerin Sabine Bemmann (Sa.) und Grafiker Johannes Hoyer (So.). Sie stellt ihr Buch "Ewige Sommer" vor. Nächste Lesung ist am 8. Juni, 19 Uhr, im Haus Kontakt, Auerswalder Hauptstraße 193.

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