Warum Fahrradfahrer in Chemnitz gefährlich leben

Mitglieder eines Automobilclubs haben in der Innenstadt Verkehrsverstöße gezählt. Ihre Ergebnisse decken sich mit der Polizeistatistik.

Jörg Petzold (rechts) und Frank Simon vom ACE beobachten an der Kreuzung Bahnhofstraße/Brückenstraße/Augustusburger Straße das Verhalten von Fahrrad- und Autofahrern. Zu gefährlichen Situationen sei es aber nicht gekommen. Auch in diesem Fall hielt der Autofahrer an.

Für Sie berichtet: Michael Brandenburg

Es gibt Großstädte, in denen wesentlich mehr Fahrradfahrer unterwegs sind als in Chemnitz. Trotzdem kommt es hier immer wieder zu Konflikten zwischen Radlern und anderen Teilnehmern am Straßenverkehr, die nicht immer glimpflich ausgehen. Zwischen 260 und 270 Unfälle pro Jahr, an denen Radfahrer beteiligt sind, registriert die Polizei in der Stadt schon seit einiger Zeit regelmäßig. Dabei wurden jeweils rund 200 Menschen verletzt, etwa jeder vierte von ihnen schwer. 2017 und 2016 gab es je ein Todesopfer.

An annähernd 70 Prozent dieser Unfälle waren in den Jahren seit 2015 außer den Radlern auch Pkw-Fahrer beteiligt, in weniger als jedem 20. Fall waren es Fußgänger oder andere Radfahrer, wie die Pressestelle der Polizeidirektion auf Anfrage mitteilte. Damit liegt der Anteil der Radfahrer-Unfälle mit Pkw in Chemnitz über dem bundesdeutschen Durchschnittswert. Dabei war schon dessen Höhe von reichlich 60 Prozent dem Auto Club Europa (ACE) Anlass für seine diesjährige Verkehrssicherheitsaktion. Unter der Überschrift "Fahr mit Herz!" will der nach eigenen Angaben zweitgrößte Mobilitätsclub Deutschlands mit Sitz in Stuttgart bei Auto- und Radfahrern um gegenseitigen Respekt im Straßenverkehr werben. Um repräsentative Zahlen als Grundlage für die Kampagne zu erhalten, finden dieser Tage in hunderten Städten der Bundesrepublik Verkehrszählungen statt, bei denen ACE-Mitglieder Verstöße und leichtsinniges Verhalten von Auto- und Radfahrern registrieren.

Aus diesem Grund standen vier Vertreter des ACE-Kreises Sachsen Süd am Donnerstagnachmittag eine Stunde lang mit Strichlisten an der Kreuzung Bahnhofstraße/Brückenstraße/Augustusburger Straße. Zwei von ihnen beobachteten besonders das Verhalten der Radfahrer, welche die Kreuzung überquerten. Sie erfassten beispielsweise, wie viele Radler ohne Helm, auf der Straße anstatt auf dem Radweg oder mit Handy am Ohr unterwegs waren.

Die beiden anderen Beobachter vom Auto-Club hatten hauptsächlich die Autofahrer im Blick. Bei ihnen achteten sie auf den Schulterblick vor dem Rechtsabbiegen, das Weglassen des Blinkens und ebenfalls auf Telefonieren am Lenkrad ohne Freisprecheinrichtung. Rotlichtverstöße wurden bei motorisierten und nicht motorisierten Zwei- und Vierradfahrern gleichermaßen vermerkt.

Die ACE-Mitglieder hielten aber niemanden an und stellten ihn zur Rede. Zumindest bei Autofahrern wäre das auch so gut wie nicht nötig gewesen, wie die anschließende Auswertung der Strichlisten ergab. In geschätzt 1000 Kraftfahrzeugen, die innerhalb einer Stunde die Kreuzung passierten, hätten nur vereinzelt Fahrer den Schulterblick oder das Blinken vergessen. Nur einen Vorfahrtsfehler und einmal Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung stellten die Kontrolleure fest. Eine wirklich gefährliche Situation für Radfahrer sei aber nicht beobachtet worden - zumindest in dieser Stunde. "Das liegt sicher auch daran, dass diese Kreuzung sehr übersichtlich ist", sagte Jörg Petzold vom ACE-Kreisvorstand.

Etwas weniger positiv fiel allerdings die Bilanz für die Radfahrer aus: Von 161 beobachteten Radlern hätten immerhin zehn das Rot-Signal der Ampel ignoriert. 19 Radfahrer benutzten den Fußgängerüberweg und sieben die Straße anstatt des Überweges für Radfahrer. Voraussichtlich Ende September/Anfang Oktober soll die bundesweite Abschluss-Statistik der ACE-Aktion vorliegen, kündigte Petzold an.

Deren Chemnitzer Ergebnisse decken sich zumindest teilweise mit der Statistik der Polizei. Demnach ist ein zunehmender Teil der Radfahrer-Unfälle auf die Benutzung der falschen Fahrbahn oder Straße zurückzuführen. Dazu zählt auch das Fahren auf Radwegen entgegen der vorgeschriebenen Richtung. Weitere Hauptursachen für Unfälle mit Radfahrern sind laut Polizei Fehler beim Anfahren vom Straßenrand, beim Herausfahren aus Grundstücken und Linksabbiegen.

Kommentar: Nichts erzwingen

Als Autofahrer und auch als Fußgänger hat man in Chemnitz mitunter den Eindruck, als gäbe es für Fahrradfahrer überhaupt keine Regeln. Auf jeder Straße, jedem Geh- und Radweg können sie einem unvermittelt aus jeder beliebigen Richtung begegnen - oft mit beängstigender Geschwindigkeit. Umgekehrt gibt es immer auch Autofahrer, die gedanken- und rücksichtlos Radlern die Vorfahrt nehmen oder den Weg versperren. Doch letztlich nützt es niemandem, stur auf sein gutes Recht zu pochen und freie Fahrt zu erzwingen. Autos bekommen Kratzer, Radfahrer und Fußgänger schlimmere Blessuren. Gerade in einer Stadt, deren Bevölkerung immer älter wird, brauchen wir viel mehr Gelassenheit, Rücksicht und Respekt voreinander.

5Kommentare
👍1👎0 Insel 15.08.2018 Die Artikelüberschrift könnte etwas überspitzt auch so lauten: "Autoclub behauptet aufgrund selbstausgedachter Kriterien, dass Radfahren gefährlich ist".
Es fehlt mir ein Hinweis, warum das Vorgehen des ACE beim Zählen und Auswerten sinnvoll und zuverlässig ist. Anhand des Artikels argwöhne ich wie "christophdoerffel" das Gegenteil.

Meiner Ansicht nach hätte die Freie Presse diese Aktion kritischer hinterfragen sollen.
👍2👎0 christophdoerffel 11.08.2018 Für alle, die die Verkehrssituation für Radfahrer an besagter Kreuzung verstehen wollen (und Herrn Brandenburg), habe ich mir die Mühe gemacht mal alle Ampeln, Radverkehrsführungen und kritischen Punkte einzuzeichnen.

https://www.velomobilforum.de/forum/index.php?threads/radfahrerbashing-in-der-freien-presse.52793/#post-945353

Negativbeispiel zur Radverkehrsführung an der Kreuzung:
Für eine einfache Weiterahrt von der Brückenstraße (Stadtseite, durch Zweirichtungsradweg völlig legal) zur Bahnhofsstraße muss ein Radfahrer 6(!) Ampeln überqueren, wobei er häufig zwischen den Spuren einen Stopp einlegen muss. Man vergleiche die Haltung zu den Ampelschaltungen des motorisierten Verkehrs:

https://www.freiepresse.de/chemnitz/warum-die-gruene-welle-in-chemnitz-so-selten-funktioniert-artikel10168068
👍6👎1 christophdoerffel 10.08.2018 Der ACE sucht sich eine Kreuzung aus bei der die Radverkehrsführung kaum zu verstehen ist, die Ampelschaltungen für Radfahrer eine Katastrophe und das innere der Autos kaum einzusehen, um seine These vom Kampfradler zu beweisen.

Die Freie Presse übernimmt die Aussagen auch noch 1:1, ohne z.B. beim ADFC oder VCD eine zweite Meinung einzuholen.

Meinungsmache vom Feinsten.
👍7👎0 Hinterfragt 10.08.2018 Na, schau an, einem bin ich wohl schon auf die Füße getreten ...
👍11👎1 Hinterfragt 10.08.2018 Ein sehr guter Artikel.
Da ich selbst auch beide Verkehrsmittel nutze kenne ich die "Zustände".
Was mit sehr oft aufstößt ist dabei auch, dass viele meiner Radfahrkollegen oft die falsche Riichtunjgsbahn nutzen ((z.B. Zwickauer Straße stadtauswärts linke Bahn).
Was ich bei der Zählung allerdings vermisse ist das Verhalten der Fußgänger. Vielmals "latschen" diese oder stehen zum Quatschen auf den Radwegen, diese sind schon extra markiert und vielmals in rötlicher Farbe gestaltet.
Aber auch die Fußgänger, die träumend mit Handy am Ohr einfach dahinspazieren ohne auf den Weg zu schauen, haben schon oft zu Notbremsungen geführt.

Was mir auch schon aufgefallen ist, ist dass viele Radwege irgendwie nicht richtig durchdacht wurden oder vom "grünen Tisch" aus konzipiert sind:
- Aus Richtung Chemnitz nach Leipzig im CC, da steht zwar ein Wegweise nach der Tunnelausfahrt (Leipzig geradeaus) nur wie? Da ist ein Absperrgitter! Wenn man die Absenkung linker Richtung nimmt, muss man dann erst als Geisterfahrer fahren um die gegenüberliegende Absenkung zu erreichen.
- Donauwörther Str. aus Richtung Leipzig nach Chemnitz, man wird vorm CC in den Tunnel geleitet, danach fährt man am Ungerpark auf der Linken Seite. Dass an der Ampel Donauwörther Straße die Straßenseite gewechselt werden muiss, ist nicht klar erkenntlich, auch kommt man wenn man die Verkehrszeichengenau beachtet nicht mal bis zum Amelknopf und Radüberweg (Schild Radfahrer verboten) und die Ampelschaltung ist ein Witz (nach Auslösen der Anforderung haben die Fahrzeuge aus Chemnitz kommend stellenweise schon 2 Rotphasen, aber die Ampel für Fußgänger/ Radfahrer schaltet nicht auf Grün (schneller geht es nur, wenn aus der Donauwörther Straße ein Fahrzug richtung Chemnitz abbiegen will).
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