Warum französische Musiker in Hartmannsdorf spielen

Ein Autor verfolgt die Route von ehemaligen Kriegsgefangenen. Nach einer Wanderung hat er neue Mitstreiter gefunden.

Hartmannsdorf.

Nelly Burban, Musiklehrerin und Leiterin einer Musikschule in Frankreich, sowie sechs ihrer Schüler treten am Mittwoch in der Hartmannsdorfer Kirche auf. Die Gruppe ist mit einem Programm aus Chansons, Pop- und Filmmusik auf Konzertreise durch acht Städte und Gemeinden in Frankreich, Deutschland und Tschechien. Die Orte waren im Zweiten Weltkrieg ab 1940 Stationen des französischen Kriegsgefangenen Joseph Santerre. Sein Großneffe Laurent Guillet veröffentlichte 2011 das Buch "Il s"appelait Joseph" ("Sein Name war Joseph"). Darin widmet sich der 1970 geborene Historiker und Schriftsteller der Lebens- und Leidensgeschichte Santerres.

Um das Buch verfassen zu können, hat der Autor fast zwei Jahre in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und Tschechien geforscht. Er geht davon aus, dass sein 1905 in der Bretagne geborener Großonkel in Hartmannsdorf im deutschen Kriegsgefangenen-Stammlager Stalag der Wehrmacht an der Ziegelstraße interniert war und in einem Steinbruch gearbeitet hat. Bis zu Santerres Tod im Februar 1945 in einem Zwangsarbeitslager der Nationalsozialisten im böhmischen Oberleutendorf/Litvinov bei Brüx/Most folgten weitere Stationen, so im Vogtland.


Die Konzertabende reihen sich ein in ein weiteres Projekt Guillets. Um, wie er sagte, "anhand des Schicksals von Joseph Santerre an die vielen zivilen und militärischen Opfer aller Nationalitäten zu erinnern, die während der Kriege umgekommen sind", plante er die "längste Schnitzeljagd der Welt." Dafür arbeitete er eine Route aus, die auf den Spuren seines Großonkels von dessen Geburtsort in der Bretagne über rund 2000 Kilometer durch Frankreich, Deutschland bis ins tschechische Most führt. Er passiert unter anderem Bad Liebenwerda, Mühlberg an der Elbe, Hartmannsdorf, Lengenfeld und Plauen. Guillet hat den Weg nach eigenen Angaben in 83 Tagen zu Fuß zurückgelegt und in den drei Ländern mehr als 500 Mitstreiter für das historische und kulturelle Friedensprojekt gewonnen.

Einer von ihnen ist Nelly Burban. Die 54-Jährige stammt wie er aus dem Ort Malansac im Nordwesten Frankreichs. Sie interessiere sich für Geschichte und engagiere sich für den Frieden. Sie habe in ihrem Heimatort eine Musikschule aufgebaut, sagt Guillet. Die für das Publikum kostenlosen Konzerte im Rahmen seines Projektes zur Völkerverständigung bestreite sie mit einigen ihrer Musikschüler. Die sechs Begleiter seien zwischen 16 und 67 Jahre alt. Burban habe Musik studiert, ihre Mitstreiter seien Studentinnen, ein Schüler, eine Auszubildende und ein Rentner. In dem Programm mit Liedern und Musikstücken aus unterschiedlichen Genres zeigten sie ihr Können, so Guillet.

Für den Auftritt in Hartmannsdorf hatte die Gruppe um einen Raum mit guter Akustik gebeten. Den stellt die evangelische Kirchgemeinde zur Verfügung. Burban und ihre Begleiter haben bereits Auftritte in Konzertsälen, Mehrzweckhallen, Kapellen und Kirchen absolviert. Sie seien gespannt auf die Kirche. Die Kommune unterstütze das Vorhaben ebenfalls, sagte Carina Arnold, Sekretärin in der Gemeindeverwaltung. Die Verwaltung habe Plakate drucken lassen. Denn Guillet habe seit 2012 den Ort mehrfach besucht und sei durch sein Buch und sein Friedensprojekt bekannt, so Arnold. Zum Konzert sind laut Guillet alle Altersgruppen eingeladen. "Großeltern, Eltern, Kinder und Enkelkinder." Der Abend werde unterhaltsam und zugleich eine großartige Gelegenheit, die Menschen unterschiedlicher Nationalität einander näherbringen, betonte der Schriftsteller.

Ihm liege dabei an der "Weitergabe des Gedenkens und der Geschichte an gegenwärtige und künftige Generationen". "Die Zuhörer können ihre Bildung bereichern, etwas über unser Land erfahren, Lieder in französischer Sprache hören und zur Pflege der Freundschaft zwischen den Völkern beitragen", erklärte er.

Das Konzert in der Hartmannsdorfer Kirche am Kirchweg 3 beginnt am Mittwoch, 10. Juli, um 19 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos.

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