Warum Fußball Kultur ist

Für den CFC folgt die Woche der Entscheidung. Heute tagt die Mitgliederversammlung des Vereins, am Freitag entscheiden die Stadträte über den Millionenzuschuss der Kommune. Ist der Profi-Fußball in Chemnitz noch zu retten? Und warum könnte das wichtig sein? Eine Betrachtung.

Die verbalen Geschütze vor der Stadtratssitzung am Freitag wurden schon in Stellung gebracht - ein Chemnitzer Aktivist sprach in einer Erklärung von "Brosamen für die Kultur" und von "Sportfaschisten" und hatte es überhaupt schon immer gewusst, dass das neue Stadion teurer wird und die Geldsorgen des CFC damit nicht vorbei sind. Da schlagen selbst die CFC-Ultras auf der Fanpage des Clubs versöhnlichere Töne an, fordern die Unterstützung der CFC-Anhänger selbst und mahnen: "Eine kleine Bitte von unserer Seite: Unterlasst es, euch mit Stadion-Gegnern oder gar CFC-Feinden im Netz zu bepöbeln. Die kommen jetzt natürlich wieder aus allen Löchern geschossen, ist doch klar. Das bringt aber alles nix."

Das bringt tatsächlich nichts, und doch wird es wieder die - immerhin höchst unterhaltsamen - Grabenkämpfe zwischen Sport- und Kulturanhängern geben. Dabei wäre das gar nicht nötig. Denn Fußball ist längst selbst Teil der Kultur, nicht nur der Popkultur, Sport und Kultur sollten zu mehr als friedlicher Koexistenz fähig sein.


Der italienische Schriftsteller und Philosoph Antonio Gramsci, der argentinische Revolutionär Che Guevara, der Schriftsteller Eduardo Galeano aus Uruguay, der französische Philosoph Albert Camus - allesamt nicht verdächtig, der Kultur etwas wegnehmen zu wollen - waren begeisterte Fußballer und Fußballfans. "Alles, was ich über Moral und die Pflichten der Menschen weiß, verdanke ich dem Fußball", schrieb Camus im Jahr 1957. Er kannte zwar den hochkommerzialisierten Profifußball der Gegenwart noch nicht, aber ein Rest dieses Idealismus - für Antonio Gramsci war der Fußball "das Reich der menschlichen Treue, das im Freien errichtet wird" - ist dem Fußball nicht einmal mit viel Geld auszutreiben. Mit so wenig Geld, wie es der CFC hat, schon gar nicht. Albert Camus spielte als Torwart in einer algerischen Mannschaft. Dort hat er gelernt, "dass der Ball nie aus der Richtung kommt, aus der man ihn erwartet". Diese Erfahrung, bekennt Camus, habe ihm in seinem Leben viel geholfen.

Dass der Ball aus einer anderen als der erwarteten Richtung kommt, bewies einmal mehr auch der CFC. Nachdem er der Stadt ein neues Stadion abgetrotzt hatte, mit dem alles besser werden sollte, wurde es finanziell eher schlimmer. Und ganz überzeugend klingt es leider nicht, dass das Millionendefizit erst fünf vor zwölf aufgefallen sein soll. Monatliche Kontoauszüge und ein einfaches Haushaltsbuch mit Ausgaben- und Einnahmenseiten helfen viel, wenn man sich kein Controlling leisten mag. Allerdings: So wie jeder, der sich - im wahrsten Sinne des Wortes - durch eigenes Verschulden privat verschuldet hat, Hilfe und eine zweite, dritte oder vierte Chance für sich in Anspruch nehmen darf, so darf dies auch ein Verein - selbst dann, wenn das Verschulden dort ein kollektives ist.

Für eine Entscheidung der Stadträte gelten aber natürlich noch andere Kriterien - finanzielle Möglichkeiten im Allgemeinen, finanzielle Notwendigkeiten im Besonderen, der Geldbedarf infrastruktureller, sozialer, kultureller und anderer sportlicher Projekte - die zum Teil nie in die Lage kämen, so viele Schulden anzuhäufen, weil es ihnen schlicht und einfach an Geld dafür fehlt.

Aber die Diskussion könnte vielleicht ein ganzes Stück unaufgeregter und sachlicher verlaufen, wenn sich alle Beteiligten dessen bewusst sind, dass sie im selben, stadtkulturellen Boot sitzen. Dies würde auch bedeuten, dass der CFC als immerhin ganz gut bezahlter und bezahlender Profi-Verein sich als Teil städtischer Kultur und städtischen Lebens begreift. Zumindest ansatzweise geht diese späte Einsicht aus der Erklärung hervor, mit der Vorstand und Aufsichtsrat ihre Ämter zur Verfügung stellten, klingt aber erst einmal eher nach einem Lippenbekenntnis, dem Taten folgen sollten. Mit dem neuen Stadion hat der Verein von der Stadt und aus Steuergeldern einen ziemlichen Vertrauens- und Geldvorschuss erhalten. Dass er das Geld nur schrittweise zurückzahlen kann, ist verständlich - Vertrauen aber kann man jederzeit zurückzahlen, und zwar indem sich der Verein selbst ins städtische Leben einbringt. Indem er sich offen und ehrlich mit sich selbst und seinen Finanzen und kritisch mit manchen seiner Fans auseinandersetzt, indem er sich aktiv an der Kultur- und Integrationspolitik, am städtischen Leben eben beteiligt, auch wenn das nicht auf dem Fußballplatz stattfindet. Dass die Zuschauerzahlen nicht so hoch sind wie geplant und gewünscht, liegt wohl nicht am Spiel der Mannschaft, sondern sicher auch an der Akzeptanz des Clubs in der Stadt.

Wie städtische Politiker und Bürgerschaft den Verein sehen und beurteilen, liegt auch daran, wie sympathisch und mit welchem Gesicht er in der Stadt agiert. Dass die CFC-Profis bis auf eine prominente Ausnahme noch gar nicht darüber nachgedacht hatten, ob und wie sie dem Verein helfen könnten, ist zwar eine ehrliche, aber auch eine bezeichnende Auskunft.

Es ist verständlich und höchst berechtigt, wenn Kritiker darauf verweisen dass auch andere Sportvereine Unterstützung brauchen, dass das Geld für den CFC wohl "bei Kultur und Bildung fix wieder reingespart" werde. Andererseits: So wie Kunst und Kultur bringt der Sport und besonders der Fußball Menschen "von der Straße weg", erzeugt einen Aufmerksamkeitseffekt für die Stadt, den man nicht über-, aber auch nicht unterschätzen sollte und der durchaus mit dem der Kunstsammlungen zu vergleichen ist. Und der Sport schafft eine Bühne dafür, dass "die schädlichsten Antriebe… Eifersucht, Streit und Neid … zu Konkurrenzen organisiert" werden, wie der Fußballphilosoph Günter Gebauer schreibt, in einem öffentlichen "Schauspiel der Gerechtigkeit" - na gut, von diesem Abseitstor mal abgesehen.

Die Faszination, die von der Kunst ausgeht, ist ganz ähnlich der, die der Fußball ausübt - auch wenn dies auf den ersten Blick, zum Beispiel auf die Akteure und Konsumenten, nicht so erscheint. Doch genauso wie die Kunst, ganz gleich ob Musik, Literatur, Theater oder Bildende Kunst - wenn sie will - ein Leuchten jenes Anarchismus ist, den wir brauchen, um Visionen für unser alltägliches Leben miteinander zu entwickeln, genauso hat der Fußball - trotz aller Kommerzialisierung - noch immer dieses anarchische Element. Vielleicht auch deshalb, weil sich elf Spieler oder Spielerinnen trotz aller mehr oder weniger erzwungenen Ausrichtung auf Erfolg und Markt nie so sehr disziplinieren und gleichschalten lassen, als dass nicht doch Überraschungen möglich wären, die das Leben schön und spannend machen, die Hoffnung auch auf anderen Spielfeldern geben.

Wenn es womöglich auch nicht so weit gehen wird wie einst beim göttlichen Pelé: Anfang 1969 wurde im Bürgerkrieg zwischen Nigeria und der Provinz Biafra ein 48-stündiger Waffenstillstand verkündet, damit die Kämpfer die Gelegenheit hatten, Pelé in einem Freundschaftsspiel in der nigerianischen Hauptstadt Lagos zu sehen. Doch damit das so war und bleibt und wird, braucht es Typen auf und neben dem Fußballplatz, die sich mit ihren Fans, ihrer Stadt, mit dem Leben hier und jetzt identifizieren, an diesem Leben teilnehmen - mit Lust und Energie, mit Fantasie, aber auch mit Demut und Bescheidenheit. Dann würden manche Entscheidungen vielleicht nicht so schwer fallen und es wären Kompromisse möglich, an die man zuvor gar nicht gedacht hat. Man würde es trotzdem nicht allen recht machen können - aber gerade der Fußball lehrt ja den Umgang auch mit Niederlagen.

Und am Ende sollte es sein wie im Lied jener Kinder, denen Eduardo Galeano sein wunderbares Fußballbuch "Der Ball ist rund" gewidmet hat. Sie sangen nach jedem Straßen-Kick: "Ob gewonnen, ob besiegt, wir haben uns ganz arg vergnügt."

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