Warum Straßenbäume schon jetzt ihre Rinde verlieren

Die Stämme vieler Platanen im Stadtbild haben sich in den vergangenen Tagen entblättert. Normaler Vorgang oder Resultat von Trockenheit?

Zuweilen sah es aus, als hätte jemand große schwarze und braune Papierfetzen in der Innenstadt verteilt. Tatsächlich stammten diese Fetzen aber von Bäumen, genauer: von den Platanen, die sich in größerer Anzahl unter anderem entlang der Straße der Nationen finden lassen - und die ihre Rinde verlieren.

Bei den Gewächsen handelt es sich um Ahornblättrige Platanen, informiert die Stadtverwaltung. Die Art ist vor etwa 350 Jahren aus der Kreuzung von Platanen aus Nordamerika sowie Exemplaren aus Südeuropa und Australien entstanden und gilt als winterhart. Markant sind die Blätter, die denen des Ahorn ähneln - und die sogenannte Schuppenborke. Die äußerste Schicht wird regelmäßig in relativ großen Platten abgesprengt - so, wie in den vergangenen Tagen und Wochen. "Das ist kein Krankheitssymptom, sondern eine natürliche und prägende Eigenschaft der Platane", teilt das Rathaus mit. Der Vorgang sei bei allen Platanen in Chemnitz zu beobachten, heißt es weiter. In der Stadt wachsen derzeit etwa 700 Platanen. Wegen ihrer Robustheit würden sie im Zentrum bevorzugt gepflanzt, während am Stadtrand der Fokus auf einheimischen Arten liege.

Also alles wie immer? Nicht ganz, meint der Chemnitzer Baum-Experte Sergej Sanwald. Der Zeitpunkt für den Abwurf der Borke sei sehr früh in diesem Jahr. "Normalerweise passiert das erst im August oder September." Ursache ist aus seiner Sicht die extreme Trockenheit der vergangenen Wochen. "Die Bäume stehen unter Stress und werfen überflüssigen Ballast ab, um ihr Überleben zu sichern", erklärt der 70-Jährige, der früher für den Umweltverband BUND tätig war.

Dem widerspricht Professor Andreas Roloff, Leiter der Professur für Forstbotanik an der TU Dresden. In der Regel würden Bäume derzeit "still halten", um mit der Trockenheit klar zu kommen, argumentiert er. Die Rinde sei zudem eher noch ein Schutz gegen die Trockenheit. Roloff hat das Abschuppen der Platanen aber auch in vielen Städten bemerkt: "Die Borkenschuppen fallen bei den meisten Baumarten allmählich ab. Bei der Platane ist das auffälliger, da die Schuppen besonders groß und die neuen Rindenbereiche ganz hell, fast weiß sind."

Die Ursache des Rindenabwurfs sieht der Wissenschaftler in einem großen Dickenzuwachs - der Baum wird aller Wahrscheinlichkeit nach einen ungewöhnlich breiten Jahresring haben. Dass er so viel gewachsen ist, könne mit den guten Bedingungen im Frühjahr mit viel Regen und Wärme zu tun haben, mutmaßt Roloff. Die derzeitige Trockenheit habe das Abwerfen der Borke nicht ausgelöst, beschleunige den Vorgang nun aber, erklärt der Forscher: Die Schuppen trockneten in kurzer Zeit, schrumpften dabei und platzten von dem in die Breite gegangenen Baum ab.

Sorgen müsse man sich um die Platanen aber nicht machen, da sind sich Sanwald und Roloff einig. Neue Rinde bilde sich nach und nehme dann die markante dunkle Färbung an. Das Wässern des Baumes sei also nicht notwendig - und weder personell noch technisch machbar, ergänzt die Stadtverwaltung.

Sollte es allerdings tatsächlich die kommenden zwei Wochen oder noch länger sehr trocken bleiben, würden andere Bäume Probleme bekommen, sagt Roloff von der TU Dresden. Einige Birken seien schon jetzt kahl, bei anderen Bäumen habe die Herbstfärbung eingesetzt. Unter Umständen steckten die Gewächse ihre Kraft in neue Triebe und würden dann im Herbst von Kälte und Regen überrascht. Kurzfristig droht zudem Ungemach von oben. Während einige Bäume nur ihre Blüten und Blätter abwerfen, reagierten beispielsweise Eichen anders auf extreme Trockenheit, so der Wissenschaftler. Sie verlören schon mal ganze Zweige oder Äste.

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