Warum Teilzeitarbeit so beliebt ist

Immer mehr Menschen reduzieren ihre Arbeitsstunden, um mehr Zeit für andere Dinge zu haben. Doch Kritiker warnen vor Nachteilen.

In Chemnitz arbeiten so viele Teilzeitbeschäftigte wie nie zuvor. Im Jahr 2007 haben 22.700 Menschen reduziert gearbeitet, 32.000 hat die Arbeitsagentur im vergangenen März registriert. Ein Auslaufmodell ist die 40-Stunden-Woche deshalb zwar nicht. Aber während die Teilzeitbeschäftigung boomt, gibt es im Großraum Chemnitz mit 80.000 Vollzeitjobs ungefähr so viele wie schon vor zehn Jahren.

Ein Sprecher der Arbeitsagentur sagt, dass sich Unternehmen derzeit darauf einstellen, dass immer mehr Menschen in bestimmten Lebensphasen kürzertreten wollen, um mehr Zeit für Familie oder Nebentätigkeiten zu haben. Aus diesem Grund, erklärt Christoph Neuberg, Geschäftsführer der Industrie/ Außenwirtschaft bei der Industrie- und Handelskammer in Chemnitz, biete jedes zweite Unternehmen seinen Mitarbeitern inzwischen Teilzeitmodelle an. Diese würden zumeist von Frauen in Anspruch genommen, "aus familiären Gründen". Die meisten neuen Teilzeitstellen sind im vergangenen Jahr für Landschaftsbauer, Hausmeister, Reinigungskräfte, Kassierer oder Kita-Personal entstanden.


Läuft für Arbeitnehmer deshalb alles nach Wunsch? Nein, sagt Jörg Förster vom Verdi-Landesbezirk Sachsen. Nicht jeder arbeite freiwillig weniger als 40 Stunden. Einige fänden schlicht keine Vollzeitstelle. Stattdessen könne Teilzeitarbeit sogar Nachteile für Beschäftigte nach sich ziehen. "Das Modell führt in einigen Fällen zur Arbeitsverdichtung und hat natürlich negative Auswirkungen auf die finanzielle Lage im Rentenalter", sagt Förster.

Per Gesetz haben Beschäftigte einen Anspruch auf die Reduzierung ihrer Arbeitszeit. Ein Gesetzentwurf von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) sieht nun auch einen Anspruch für Beschäftigte auf Rückkehr von Teil- in Vollzeit vor. Dies soll für Betriebe ab 15 Mitarbeitern gelten.

Was treibt Menschen in der Umgebung an, in Teilzeit zu arbeiten? "Freie Presse" hat nachgefragt.

Der Koordinator: Tilo Zimmerle (35), Leiter im Allgemeinen Sozialdienst der Stadt Chemnitz: "Ich habe meine Arbeitszeit im vergangenen Oktober minimal reduziert, von 40 auf 36 Stunden. Die verteile ich so, dass ich an drei Freitagen pro Monat frei habe. Freitags und samstags fahre ich nach Meißen in die Uni, wo ich noch einen Master in Public Governance, also öffentliche Verwaltung, absolvieren will. Ohne Teilzeitjob ginge das nicht. Andererseits ist mein Arbeitspensum nach der Reduzierung dasselbe geblieben. Ich versuche es jetzt in weniger Stunden zu schaffen. Das klappt meistens, ist aber ziemlich anstrengend. Hätte ich weniger als 36 Arbeitsstunden, müsste ich Aufgaben abgeben. Meine Tochter sehe ich entweder nach Feierabend oder eben am Wochenende - wobei ich auch noch Zeit finden muss, um für meine Prüfungen zu lernen. Für eine gewisse Zeit kann man diese Belastung aushalten. Nach dem Studium möchte ich weiter für die Stadt arbeiten."

Die Stadtverwaltung will ihren Mitarbeitern eine Aufstockung der Arbeitszeit bis hin zu einer Rückkehr in Vollzeit zu ermöglichen. Allerdings werde das von Fall zu Fall entschieden. Eine Garantie auf Rückkehr zur Vollzeit gebe es nicht.

Die Teamleiterin: Franziska Leszko (32), Zentraleinkauf bei der Komsa in Hartmannsdorf:"Ich habe meine Vollzeitstelle auf 32 Stunden reduziert, um mehr Zeit mit meiner zweijährigen Tochter zu verbringen. Ich kann glücklicherweise einen Platz in der Betriebskita nutzen und die kurzen Wege ersparen viel Zeit. Hinzu kommt, dass mein Mann selbstständig ist und meist mehr als 40 Stunden pro Woche arbeitet. Deshalb bin ich froh, dass der Wechsel in die Teilzeit für die Komsa kein Problem war. Ich arbeite jetzt von Montag bis Freitag, kann eher Feierabend machen und meine Tochter früher abholen. Meine Arbeit ist durchaus etwas anspruchsvoller geworden, weil ich inzwischen wieder viele meiner vorherigen Auf- gaben übernommen habe. Inzwischen habe ich meine Arbeitszeit auch wieder auf 34 Stunden erhöht. Ob ich in Zukunft aber wieder auf Vollzeit wechseln möchte, das entscheide ich, wenn meine Tochter etwas älter ist."

Die Komsa beschäftigt annähernd 1700 Mitarbeiter, davon 180 in Teilzeit. Grundsätzlich seien Arbeitszeitreduzierungen möglich, ebenso wie die Rückkehr zur Vollzeit. Ausnahmen gebe es, wenn betriebliche Belange dem entgegen stünden.

Die Personalplanerin: Susann Maeder (40), Mitarbeiterin in der Personalwirtschaft am Klinikum Chemnitz: "Für mich steht fest, dass ich genug Zeit mit meinen drei Kindern verbringen will. Meine Arbeitszeit habe ich deshalb vor zwei Jahren nach meiner Elternzeit auf 32 Stunden reduziert. Ich komme jeden Tag für sechseinhalb Stunden ins Büro und kann dann noch den Nachmittag genießen. Mein Mann arbeitet in der Industrie, da hat er ein höheres Gehalt, kann aber nicht ohne weiteres seine Arbeitszeit runterschrauben. Dass ich reduziert habe, war finanziell günstiger und besser praktikabel. Wenn meine Kinder (zwölf, neun und fünf Jahre) mal selbstständig sind, dann könnte ich mir schon auch vorstellen, wieder 40 Stunden arbeiten zu gehen. Wobei ich klar sagen muss, dass ich die reduzierte Arbeitszeit im Moment auch genieße. Dass ich später mal finanzielle Probleme bekomme, glaube ich nicht. Ich habe die Altersvorsorge immer im Blick."

Das Klinikum Chemnitz beschäftigt vor allem Frauen - die meisten als Pflegerinnen. Die Personalabteilung ermöglicht bereits jetzt flexibel den Übergang von Voll- zu Teilzeit und umgekehrt. Die meisten Wechsel hätten familiäre Gründe.

Der Wissenschaftler: Manuel Dudczig (36), Mitarbeiter am Institut für Werkzeugmaschinen und Produktionsprozesse der TU Chemnitz: "Ich habe meine Stelle an der Uni zu Jahresbeginn auf Teilzeit reduziert, von 40 auf 32 Stunden pro Woche. Die Arbeit an Forschungsprojekten macht mir Spaß, ich will sie auch fortsetzen. In den letzten Jahren habe ich aber gemerkt, dass ich noch andere Interessen habe. Zum Beispiel 3D-Visualisierungen für Werbefilme oder Computerprogramme zu entwerfen. Die Arbeit mache ich jetzt auf selbstständiger Basis, immer montags, wenn ich nicht am Institut bin. Ich möchte an der TU noch promovieren, aber zwei Jobs parallel zu haben, das könnte ich mir auch für die Zukunft vorstellen. So wird die Arbeit vielseitiger. Meine Frau hat eine 50-Prozent-Stelle an der Hochschule in Mittweida und kann Lehrveranstaltungen auch von zuhause vorbereiten. Sie kümmert sich deshalb tagsüber um unsere achtjährige Tochter."

Die TU Chemnitz hat nach eigenen Angaben viele ihrer 2280 Arbeitsplätze befristet ausgeschrieben, weil sie an Forschungsprojekte gebunden sind. Die meisten Institute würden die Arbeitszeiten der Mitarbeiter flexibel handhaben.

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    0
    aussaugerges
    13.02.2017

    Die Überschrift ist so Perves und Enschenverachtend.

    Ja wenn eine Krank,ist kann die andere glech länger arbeiten.
    Oder von 5 bis 9 und dann von 16 bis 21 Uhr .
    Aber Morgem wird es wieder anders.

  • 3
    8
    Blackadder
    12.02.2017

    @ freigeist14: Viele Frauen arbeitengerne Teilzeit, weil die Arbeit mit Haushalt, Kindern etc anders gar nicht zu schaffenist. Mal ganz abgesehen von Kindergarten - und Hortöffnungszeiten.

  • 6
    2
    Freigeist14
    12.02.2017

    Wie viele wurden auf Teilzeit gesetzt um den Mindestlohn zu kompensieren?Vier lächelnde Teilzeit-Freunde ersetzen kein tarifgebundenen Vollzeitarbeitplatz eines Hauptverdieners.



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