Was die Stadt gegen den Personal-Engpass in Kitas tun will

In den nächsten zehn Jahren geht jede vierte Erzieherin in Rente. Bereits jetzt sind in städtischen Kindergärten Stellen unbesetzt. Nun wird ein Modell diskutiert, das sich auch für Auszubildende auszahlen würde.

Annähernd 940 Erzieherinnen und Erzieher beschäftigt die Stadt Chemnitz in ihren Kindereinrichtungen. Sie besetzen 800 Stellen, mitunter in Teilzeit. Nach der Eröffnung neuer Kitas in den vergangenen Monaten war die Anzahl der Stellen nochmals gestiegen. Aber es wird immer schwieriger, geeignete Mitarbeiter zu finden, sagt der verantwortliche Bürgermeister Ralph Burghart. Der Fachkräftemangel - er ist auch in den Kindergärten und Krippen der Stadt angekommen.

Derzeit sind 18 Stellen unbesetzt, das entspricht etwa zwei Prozent und sei noch zu überbrücken, schätzt Burghart ein. Engpässe habe es zuletzt immer wieder gegeben. Deshalb sei Anfang des Jahres der Springerpool- Mitarbeiter, die dort aushelfen, wo Mangel herrscht - von 40 auf 70 Stellen erhöht worden. Zudem seien Teilzeit-Vereinbarungen aufgestockt und befristete Arbeitsverträge in unbefristete umgewandelt worden. Auch Absolventen, die frisch von der Schulbank kommen, erhalten jetzt sofort einen Dauerarbeitsvertrag, sagt Burghart, der von kurzfristigen Maßnahmen spricht, damit der Personal-Engpass nicht in eine Personal-Not übergeht.

Sascha Aurich

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Er hat auch eine langfristige Rechnung aufgemacht: In den nächsten zehn Jahren geht annähernd jede vierte Erzieherin in Rente- das sind etwa 200 Mitarbeiter, 90 davon in den kommenden fünf Jahren. Um den Weggang auszugleichen, will er ab 2020 Auszubildende an die Stadt binden. Momentan lernen die künftigen Kindergärtner drei Jahre an einer Berufsschule, zwar mit Praktika in verschiedenen Einrichtungen, aber ohne Ausbildungsbetrieb und vor allem ohne Lehrlingsgeld. Burgharts Vorschlag: Die Stadt bietet ihnen Ausbildungsvertrag, -vergütung und die Garantie auf eine Festanstellung. Am Lehrplan ändere sich nichts.

In Leipzig gibt es seit August 2018 ein vergleichbares Modell, ebenfalls um Fachkräfte zu binden, wie es aus der dortigen Stadtverwaltung heißt. Gestartet wurde mit 24 Auszubildenden, in diesem Jahr sollen 50 weitere folgen. In der Vergütung richtet sich Leipzig nach dem Tarif im Öffentlichen Dienst. Das Lehrlingsgeld beläuft sich im ersten Jahr auf 1140 Euro, im dritten auf 1300 Euro. Wer sich nach der Ausbildung in den folgenden vier Jahren von der Stadt als Arbeitgeber abwendet, muss einen Teil zurückzahlen. Eine vergleichbare Regelung soll es auch in Chemnitz geben, sagt Burghart, ohne dass schon ein detailliertes Konzept vorliege. Die Vergütungshöhe müsse sich ebenfalls an den Leipziger Zahlen orientieren. "Wir stehen im Wettbewerb und müssen uns fragen, wie attraktiv wir als Arbeitgeber sind", so der Bürgermeister. Im Herbst soll der Stadtrat über die Einführung des Modells entscheiden. Einen Grundsatzbeschluss fasste das Gremium Anfang April auf Antrag von CDU/FDP.

Die freien Kita-Träger will Burghart ebenfalls beteiligen. Im Herbst 2020 soll die erste Klasse mit 20 Schülern starten - zehn sollen einen Vertrag bei der Stadt, zehn bei einem freien Träger erhalten. Sie betreiben die Hälfte der 168 Kitas in Chemnitz und haben ähnliche Personalsorgen, wie Jürgen Tautz für die Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege bestätigt. "Wir suchen ständig Erzieher", so der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt. Ist eine Stelle kurzfristig zu besetzen, werde mitunter schon auf Zeitarbeitsfirmen zurückgegriffen. Carsten Tanneberger, Regionalleiter des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, der 20 Kitas in Chemnitz vertritt, sieht in einer Vergütung "einen Motivationsschub vielleicht auch für Interessenten, die schon einen Beruf haben, aber nochmal neu beginnen wollen". Beim Anwerben von Schulabgängern gerate seine Branche bislang immer ins Hintertreffen, sagt Tanneberger. "Das Handwerk zahlt Lehrlingsgeld, und die freie Wirtschaft hat mehr Möglichkeiten, junge Leute zu binden." Für eine Finanzierung der Erzieher-Ausbildung sieht er bei freien Trägern jedoch keinen Handlungsspielraum und rechnet mit kommunaler Unterstützung - ebenso wie Tautz: "Wir übernehmen mit der Kinderbetreuung ja eine Pflichtaufgabe der Stadt."

In Leipzig wird ein bislang positives Fazit gezogen. Eine hohe Bewerberzahl für das kommende Ausbildungsjahr zeige, dass das Angebot attraktiv sei. "Wichtig ist die tarifgebundene Vertragsbeziehung", sagt der Leipziger Verwaltungsbürgermeister, Ulrich Hörning, der "Freien Presse". Seine Stadt habe in der Erzieherausbildung bundesweit eine Vorreiterrolle eingenommen, auch als es noch keine Aussicht auf Fördermittel gab. Die bestehe jetzt mit einem vom Bund initiierten Programm zur Fachkräfteoffensive. Chemnitz will sich dort um eine Förderung bewerben, so Burghart.

Bewertung des Artikels: Ø 3.6 Sterne bei 7 Bewertungen
10Kommentare
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  • 0
    3
    881924
    23.04.2019

    @Blackadder: Danke sehr sachlich geschrieben auch wenn ich das etwas anders sehe. Wenn man sieht wie schnell sich in dem Bereich ein Listenplatz ändern kann wähle ich kommunal nach Person und nicht nicht nach Partei dort kann ich einfach genauer Differenzieren. So sind von den Linken bei mir auch nicht alle automatisch extrem so wie sie es auch bei Pro Chemnitz nicht sind. Grüße

  • 7
    2
    Blackadder
    23.04.2019

    Die beiden Damen kenne ich nicht. List ist für mich keine Option, da ich nie ein Partei wählen würde, die wegen ihres rechtsradikalen Gedankenguts vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Und wer den Verfassungsschutz in Sachsen kennt, weiß, dass man dafür schon sehr weit rechts sein muss.

  • 4
    1
    881924
    23.04.2019

    Okay versuchen wir es was die "Freie" Presse freigibt:

    Nora Zill - SPD
    Dieter Jörg List - Pro Chemnitz
    Dr. Sandra Zabel - Die Linke

    und bitte es ist nur meine Meinung aus pers. Gespräch(en)
    jeder muss das selbst für sich entscheiden.
    Hauptsache es tut sich was im Kita und Schulbereich.

  • 6
    1
    Blackadder
    23.04.2019

    @881924: Das finde ich sehr schade. Warum soll man hier nicht über Kandidaten zur Kommunalwahl diskutieren können? Sicher, dass es daran lag, dass die Kommentare nicht freigeschalten wurden? Über Herrn Kohlmann wurde doch auch schon zur Genüge diskutiert hier....

  • 7
    1
    DTRFC2005
    23.04.2019

    @881924: Sie haben völlig Recht, nur stellt sich hier auch mir Frage, welche Partei es denn lösen könnte. Meiner Ansicht nach, funktionieren die besten Lösungen immer dann, wenn alle einen Schritt auf einander zugehen. Ich spreche aber von Lösungen, nicht von der Remise, das dies und jenes nicht geht oder abgelehnt wird.

  • 1
    4
    881924
    23.04.2019

    Papier ist geduldig, Parteien sind mir letztendlich auf Kommunalebene egal mich interessieren nur einzelne Kandidaten und deren Zielen uns so wähle ich auch. Und da fallen mir 3 Personen ein die wirklich einen Plan zu dem Thema haben (aus pers. Gesprächen) und sie sind sogar aus drei Unterschiedlichen Parteien. :-) Bisher wurden aber bei Namensnennungen die Kommentare nicht freigeschaltet außer es handelt sich um Lokalgrößen wie den Lokführer ;-)

  • 7
    5
    Blackadder
    23.04.2019

    @881924: Dann können Sie mir sicher sagen, welche Parteien mehr Geld und bessere Betreuung für Kinder im Parteiprogramm oder Wahlprogramm stehen haben?

  • 4
    7
    881924
    23.04.2019

    Klasse wie viele Daumen runter da reinkommen. Ich sehe die Situation täglich und kann sie dazu auch noch fachlich beurteilen. Also entweder haben sie keine Kinder oder ihnen ist es egal wie ihre Kinder betreut werden.
    So sehe ich schwarz und rot für die Wahlen am 26.05.

  • 11
    11
    881924
    23.04.2019

    Bitte liebe Mitbürger lasst euch von der Stadt, CDU, SPD und den Linken nicht verschaukeln. Der Bedarf ist doch schon viel länger da und kann heute schon nicht gedeckt werden. Die Maßnahmen greifen frühestens in 3 Jahren. Hauptproblem aber ist und bleibt die Qualität (Ausbildung) der Betreuung. Ich mag es ja nicht sagen aber da war das DDR System meilenweit voraus.
    Denkt an unsere Kinder sie sind unsere Zukunft.

  • 11
    0
    Pixelghost
    23.04.2019

    "..mitunter in Teilzeit."

    Mitunter? Warum gibt es keine genauen Zahlen? Ich kenne nur die Meinung, dass die weitaus meisten Erzieherinnen und Erzieher in Teilzeit beschäftigt sein sollen. Lediglich die LeiterInnen würden in Vollzeit beschäftigt.

    Die Stundenverteilung, die Kultus in Dresden festlegt, lässt eigentlich auch gar keine andere Arbeitszeiten zu.

    Da würde ich mal nachhaken, weil da der sprichwörtliche Hase im Pfeffer liegt!



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