Was die Urur-Enkelin in Briefen über Louis Schönherr erfahren hat

Der 200. Geburtstag des Webstuhlfabrikanten ist gestern begangen worden. Bei der Feier kam auch bisher Unbekanntes zur Sprache.

Schlosschemnitz.

Louis Ferdinand Schönherr (1817 bis 1911) war auch für seine jüngste, uneheliche Tochter alles andere als ein Rabenvater. Das geht aus Briefen hervor, aus denen Eva Schönherr, die Urur-Enkelin des Chemnitzer Webstuhlfabrikanten, gestern Abend vor etwa 100 Gästen in einer Veranstaltung zum 200. Geburtstag ihres berühmten Ahnen in der Schönherrfabrik vorgelesen hat.

Im Alter von 64 Jahren war der Erfinder des sächsischen Tuchwebstuhls, der bereits 15 Töchter und Söhne aus zwei Ehen hatte, noch einmal Vater geworden. Die Mutter der 1881 bei Sankt Gallen in der Schweiz geborenen Elisabeth war Hauslehrerin mehrerer Schönherr-Enkel in der Heilanstalt Oberwaid bei Sankt Gallen, schreiben Karin Meisel und Barbara Schaller in Schönherrs gerade erschienener jüngster Biografie. In der Kur- und Heilklinik Oberwaid, die er auch finanziell gefördert haben soll, hatte sich der Fabrikant gern erholt.

In den Briefen an sie nennt Schönherr seine Tochter nie Elisabeth, sondern meist Anno oder Parzelina. Mehrfach geht er auf ihren offenbar seit früher Kindheit bestehenden Wunsch ein, "Doctor" zu werden und gibt ihr Ratschläge dafür. Tatsächlich habe sie später promoviert, haben Meisel und Schaller ermittelt. Der späte Vater erlebte noch mit, wie ihm auch seine jüngste Tochter Enkel schenkte. Ein Enkel von Elisabeth soll 1991 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet worden sein, so die Autorinnen.

Auf die Briefe ihres Ururgroßvaters an seine uneheliche Tochter ist Eva Schönherr erst vor wenigen Jahren gestoßen. "Lange Zeit hat mich dieser Teil der Familiengeschichte kaum interessiert", sagt die 63-Jährige, die heute als Schauspielerin und Autorin in Berlin lebt. Sie ist eine Urenkelin von Max Louis Schönherr (1847 bis 1933), dem zweitältesten Sohn Louis Ferdinands. Er hatte die Leitung der Schönherrfabrik von seinem Vater 1872 übertragen bekommen und führte sie 58 Jahre lang. Eva Schönherrs Großvater war Max Stephan Schönherr (1888 bis 1964), ihr Vater Herbert Schönherr (1927 bis 2002).

terlagen bei ihrer Ausreise aus Karl-Marx-Stadt Anfang der 1960er-Jahre mit in den Westen nehmen können.

1999 begleitete Eva Schönherr ihren Vater zu einem Tag des offenen Denkmals nach Chemnitz und sah erstmals mit eigenen Augen die frühere Fabrik an der heutigen Schönherrstraße und die Familienvillen an der Salzstraße. "Damals wünschte ich mir, dass es eine Kulturfabrik wird und bin glücklich, dass Kunst und Kultur darin soviel Platz gefunden haben", so die Künstlerin.

Als ihr Vater Herbert Schönherr 2002 starb, wurde er auf eigenen Wunsch im Familiengrab auf dem Schloßfriedhof an der Salzstraße beerdigt. Der Stuhl, der zur gestrigen Geburtstagsfeier für Louis Ferdinand noch einmal in die Schönherrfabrik geholt wurde, und der Schreibtisch gehören heute zum Bestand des Industriemuseums an der Zwickauer Straße. Die Akten, in denen es vor allem um Eigentumsverhältnisse gehe, behielt Eva Schönherr selbst. "Ich habe sie monatelang durchforstet", berichtet die Schauspielerin. Ihr Interesse für die Familiengeschichte war geweckt.

Sie und ihr Mann Helmut Schwarz-Schönherr begannen, bundesweit nach Spuren Louis Ferdinand Schönherrs zu suchen. Im Deutschen Museum in München wurden sie schließlich fündig. Auf der Bestandsliste der Einrichtung steht unter "Nachlässe" nüchtern: "Schönherr, Louis (1817-1911); Beruf: Textiltechniker, Begründer der sächsischen Webstuhlfabrikation; Umfang: 1 Schachtel; Inhalt: Biographisches Material, Korrespondenz, Photos, Zeitungsausschnitte; technische Zeichnungen in der Plansammlung; Findmittel: Unbearbeitet".

Für Eva Schönherr war der Fund ein Schatz: "Die Schatulle enthält den Briefwechsel aus 25 Jahren zwischen Louis und seiner Familie und mit seiner jüngsten Tochter", berichtet sie. Die handgeschriebenen Zeilen hätten ihr den Familienpatriarchen als Menschen nähergebracht. "Er war von Anfang bis Ende ein Visionär, der auch wusste, wie man die Visionen umsetzen kann", ist ihre Erkenntnis. Genau wie beim Aufbau seiner Fabrik habe er auch bei der Entwicklung seiner Kinder vieles vorausgesehen, was später tatsächlich eingetreten ist.

"Wir können bis heute total viel von ihm lernen", sagt die Ururenkelin, die Buddhistin ist, und meint vor allem das Nachdenken über Werte. "Für Louis war nie das Geld die Motivation, sondern bessere Arbeitsbedingungen für die Weber", habe sie seinen Briefen entnommen.

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