Was ein Meister werden will

Vincent Humml kann beides: Er spielt nicht nur Gitarre, sondern fertigt sie auch selbst. Noch studiert der Chemnitzer im vogtländischen Markneukirchen, hat für den Spätsommer aber größere Pläne.

Wer Vincent Hummls Werkstatt im Elternhaus am Küchwald betritt, sieht und riecht - Holz. Fein säuberlich hat er es aufgeschichtet in wandfüllenden Regalen: Leisten und Bretter aus Palisander, Ahorn, Ebenholz, Fichte ... Die Phalanx von Werkzeugen und Hilfsmitteln: Neben der Standbohrmaschine stehen Kreis- und Bandsäge, Biegeeisen, Leimkocher, Schellackfläschchen und solche mit Polieröl oder Alkohol, hängen Dutzende Schraubzwingen, liegen Schraubschlüssel, Ziehklingen, Fachbücher.

Wer sehr gut sein und noch besser werden will, braucht die richtige Ausrüstung, muss kontinuierlich mit dem Material arbeiten. "Man kommt davon nicht los", sagt der 27-Jährige - und mit Blick auf die Zukunft: "Ich habe kein Problem, täglich zwölf Stunden zu arbeiten."

Noch absolviert der in Klingenthal ausgebildete Zupfinstrumentenmacher ein Studium zum Musikinstrumentenbauer in Markneukirchen. "Im Sommer will ich es abschließen", so der gebürtige Chemnitzer, der seit der dritten Klasse Gitarre zu spielen lernte. Parallel zum Studium läuft der Lehrgang der Handwerkskammer: Wenn alles gutgeht, bekomme er mit dem Studienabschluss den Meister - dabei ist die Pflicht in seinem Beruf 2004 weggefallen. Danach fasst Humml eine Selbstständigkeit fest ins Auge; die bisherige Werkstatt für Seminarleistungen und Meisterstück - eine Gitarre - soll dem Lebensunterhalt dienen. Er plant, möglichst leichte Konzertgitarren für Profimusiker zu bauen, zu reparieren und alte, etwa für Museen, zu restaurieren.

Viele Kollegen halten sich vorrangig mit Reparaturen über Wasser. Humml indes testet und variiert seit Jahren Hölzer und Karbon, Maße, doppelte Decken, Böden und verlängerte und erhöhte Griffbretter, über die längst nicht mehr aus Schafsdarm gefertigte, sondern Nylonsaiten gespannt werden. "Die Decke mit dem Schallloch ist das wichtigste Bauteil", sagt er, "und maßgeblich für den Klang, der möglichst voluminös sein soll." Humml trieb gar Holz aus dem Weißgerber-Nachlass auf. Den Namen ließ sich der noch heute weithin unter Gitarristen und Instrumentenmachern bekannte, so produktive wie meisterhafte Richard Jacob (1877-1960) aus Markneukirchen einst für seine Werkstatt schützen. Der Chemnitzer hat auf einer "Weißgerber" zu spielen gelernt. Wer sich daran misst, weiß: Ein sehr gutes Instrument braucht Zeit: 200 Arbeitsstunden veranschlagt er für die Herstellung einer Gitarre. "Mindestens." 5000 bis 8000 Euro würde sie, je nach Holz und Extras, kosten müssen, sollte dieser Sommer die Weichen derart stellen, dass Humml an seinem Traum als Selbstständiger weiterarbeiten kann.

Der 27-Jährige geht auf in der Vorbereitung für die anstehenden Prüfungen, sinniert über geeignetes Holz, das sich in deutschen Wäldern kaum finde. "Es muss Höhenholz sein - aus Spanien etwa, Italien, der Schweiz - und mangels Nährstoffen langsam wachsen." Nur dann stelle sich etwa die nötige Steifigkeit ein.

Ute Loos war an der Städtischen Musikschule zuletzt Fachbereichsleiterin für Zupfinstrumente. Sie unterrichtete Humml elf Jahre lang und hat dessen Potenzial früh gefördert. Die 75-Jährige, die seit 1969 viele Hundert Schüler anleitete, sagt über ihn: "Manche handhaben ein Instrument sehr geschickt - er wird eins damit." Die Gitarren, die er baue, seien "handwerklich exzellent verarbeitet". 2016 hat er beim Internationalen Instrumentenbauwettbewerb in Eger/Cheb einen Ersten Preis gewonnen. Mit dem Klang experimentiert der junge Mann wie sein preisgekrönter Baumeister-Lehrer Thomas Ochs aus Oberfranken. "Er hat mich sehr geprägt - ich bin beiden sehr dankbar", sagt Humml.

Vom Bedarf hiesiger Profis oder grundsätzlich von Anfang an vom Neubau leben zu können, sei "utopisch", ergänzt er. Die Käufergruppe sei international, reiche bis Fernost. Dabei gibt es in Chemnitz laut Handwerkskammer bislang einen Zupfinstrumentenmacher, kammerbezirksweit 28 (1999: 18). Humml wird einen langen Atem brauchen, um ein Geschäft aufzubauen, sagt er selbst. Er kalkuliert mit zehn Jahren.

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