Was ein neues Schulmodell in Claußnitz verändern soll

Mit einer Umgestaltung der Unterrichtseinheiten reagiert die Oberschule auf Probleme von Kindern

Ab dem kommenden Schuljahr soll an der Oberschule in Claußnitz ein neues Unterrichtsmodell eingeführt werden. Die Aufteilung des Tages in 45-Minuten-Einheiten wird abgelöst von Doppelstunden, die jeweils 80 Minuten dauern. So soll Zeit für zusätzliche Stunden mit dem Klassenleiter und für selbstständige Lernarbeit der Schüler gewonnen werden. Die Schulkonferenz hat bereits zustimmt. In diesem Gremium sind Lehrern, Eltern, Schülern und die Gemeinde vertreten. "Freie Presse" beantwortet einige wichtige Fragen.

Beim 80-Minuten-Modell geben alle vom Fachunterricht etwas ab. In der gewonnenen Zeit soll an Disziplin, Sozialkompetenz und Inklusion gearbeitet werden. Was veranlasst eine Schule, vom bislang üblichen Stundenschema abzuweichen?


Die gewonnen drei Unterrichtsstunden pro Woche für selbständige Lernarbeit der Schüler und das neu Fach "Schüler-Lehrer-Zeit" werden nach Angaben der amtierenden Schulleiterin Birgit Möbius-Krämer dringend gebraucht. Der Klassenleiter soll so stärker zur Bezugsperson und zum Ansprechpartner für die Heranwachsenden werden, ihnen mehr Aufmerksamkeit und ihren Problemen mehr Zeit widmen können. Die Schüler sollen mehr Eigenverantwortung beim Lernen und im täglichen Miteinander übernehmen und der Zusammenhalt in den Klassen gestärkt werden. Damit will die Schule auf aktuelle Herausforderungen reagieren. Dazu gehören laut Schulleiterin unter anderem das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne erhöhtem Förderbedarf, der Einzug der digitalen Welt in den Unterricht und alle Lebensbereiche, frühere Pubertät, Disziplinschwierigkeiten und die wachsende Zahl von Kindern, die sich in psychologischer Behandlung befinden.

Um gute und sinnvolle Ziele zu erreichen, wird die Kürzung des Fachunterrichts in Kauf genommen. Werden pädagogische Angebote auf Kosten der Lehrstoffes erwirtschaftet?

Durch das neue Unterrichtsmodell tritt laut Möbius-Krämer nur scheinbar eine Kürzung des Fachunterrichts ein. Gewonnene Minuten würden Schülern und Lehrern zurückgegeben, erklärte sie. Zum einen geschehe das durch die Lernarbeit und Methodentraining. Außerdem müssten Organisatorisches, Projekte oder Präventionsveranstaltungen, wie sie beispielsweise die Polizei regelmäßig zu Themen wie Drogen oder Mobbing anbietet, dann nicht mehr im Fachunterricht untergebracht werden.

Verkürzte Unterrichtsstunden müssen nicht weniger intensiv vor- und nachbereitet werden als die bisherigen. Die Klassenleiterstunden kosten vermutlich ebenfalls viel Mühe. Steigt dadurch die Arbeitsbelastung für die Lehrer?

In der Vorbereitungsphase, die nach der Zustimmung durch die Schulkonferenz jetzt beginne, und bis zum Start in das kommende Schuljahr abgeschlossen sein soll, bringe die Mehrarbeit mit sich, bestätigte Möbius-Krämer. Darauf seien die Lehrern vorbereitet. Da alle hinter dem Projekt stehen, akzeptierten sie es als Teil des Lehrerberufes. Nach Einführung des Unterrichtsmodells werde zudem nicht alles sofort perfekt funktionieren. Manches werde noch diskutiert, verändert und von den Eltern durch Hinweise oder Kritik mitgestaltet werden. Zusätzlicher täglicher Aufwand für die Lehrer sei dann jedoch nicht mehr zu erwarten. Das zeige die Erfahrung anderer Schulen, die das moderne Unterrichtsmodell bereits praktizieren. Zu den bisher 15 Schulen in Sachsen, die in 80-Minuten-Blöcken unterrichten, gehören laut Möbius-Krämer die Fichte-Oberschule in Mittweida, das Gymnasium in Flöha sowie Bildungseinrichtungen in Lunzenau und Hartha. Ohne deren positive Einschätzung hätte Claußnitz den Weg nicht eingeschlagen.

Andere haben also die Probephase bereits hinter sich und sind vom Konzept überzeugt. Die Oberschule in Claußnitz will nachziehen?

Dem stimmte die Schulleiterin zu. Als besonders intensiv bezeichnete sie den Austausch mit Leitung und Kollegium der Fichte-Schule, an der seit sieben Jahren nach dem Modell unterrichtet werde. Die Lehrkräfte beider Einrichtungen seien gut vernetzt, es gebe gemeinsame Veranstaltungen und Weiterbildungen. Überdies ist der Mittweidaer Schulleiter Matthias Möbius ihr Ehemann. Eins zu Eins könne das Modell aus einer Stadtschule allerdings nicht in die kleinere Einrichtung der Gemeinde Claußnitz übertragen werden, betonte Möbius-Krämer. Auf dem Dorf müsse beispielsweise der Stundenplan mit den Schulwegen der Kinder und den Busfahrzeiten abgestimmt werden.

Muss das neue Schulmodell von den Behörden genehmigt werden?

Nein. Wie der Sprecher des Landesamt für Schule und Bildung, Lutz Steinert, sagt, sei seine Behörde im Vorfeld zum Vorhaben kontaktiert worden. "Wir begrüßen den Schritt", sagt Steinert. Jede Schule könne individuell selbst entscheiden, welches Unterrichtsmodell sie wählt. Es sei ganz im Sinne der Behörde wenn eine Einrichtung eigenverantwortlich auf Probleme reagiere. Steinert weiß, dass ein ähnliches Modell in der Fichteschule in Mittweida laufe. tür mit bj

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