Was Firmen über Mindestlohn für Auszubildende denken

Die Bundesregierung will die Vergütung für Lehrlinge neu regeln. In Industrie, Handel und Handwerk werden die Pläne ganz unterschiedlich bewertet - auch in Limbach- Oberfrohna.

Limbach-Oberfrohna.

Wenn es nach Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) geht, soll es künftig einen Mindestlohn für Auszubildende geben, der bei einer Höhe von 504 Euro im Monat liegt. In der Wirtschaft wird das Vorhaben unterschiedlich bewertet. Die Handwerkskammer Chemnitz verweist auf den Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und schließt sich dem an. "Damit wird die Schmerzgrenze von vielen ausbildenden Handwerksbetrieben in strukturschwachen Regionen überschritten", sagt ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke. Anders die Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz: Nach ihren Angaben zahlen die meisten Firmen in ihrem Bereich bereits deutlich mehr als 504 Euro. Ein entsprechendes Gesetz hätte also für sie gar keine Folgen.

Wie ist die Meinung von Unternehmen und Gewerbetreibenden aus Limbach-Oberfrohna zum Mindestlohn für Azubis? Die "Freie Presse" hat sich umgehört.

Warema: Der Sonnenschutzhersteller bildet derzeit elf Azubis und Studenten in den Berufen Mechatroniker, Industriemechaniker, Fachkraft für Lagerlogistik und im Bereich des BA-Studiums aus. Laut Personalleiterin Annemarlen Giesbrecht spielt der geforderte Mindestlohn für Lehrlinge in dem Unternehmen keine Rolle. "Wir zahlen jetzt schon deutlich mehr als die 504 Euro", sagt sie. Giesbrecht weist daraufhin, dass Warema für angehende Azubis als Ausbildungsfirma attraktiv sein will - und das wäre sie nicht, wenn sie ein Lehrlingsgehalt zahlt, das deutlich unter dem späteren Gehalt eines Arbeitnehmers in der Firma liegt. Zudem müsse die Ausbildungsvergütung für Azubis angemessen sein, so Giesbrecht. Nach einem Merkblatt der IHK, an dem sich Warema orientiert, liegt das Lehrlingsgehalt bei Industriemechaniker und Mechatroniker beispielsweise bei 741 Euro aufwärts im ersten Lehrjahr.

Simmelmarkt: Ähnlich ist die Situation bei Unternehmer Peter Simmel, der einen Einkaufsmarkt im Limbacher Zentrum betreibt. Er bildet Azubis zum Verkäufer, Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk und Kaufmänner/frauen im Einzelhandel aus. Auf seiner Internetseite wirbt er um Lehrlinge mit dem Angebot einer "überdurchschnittlichen Bezahlung". "Wer in Ballungsräumen nicht marktgerecht bezahlt, bekommt keine Azubis mehr", sagt Peter Simmel. Einen Mindestlohn für Azubis hält er allerdings für unsinnig, wie er sagt, weil dieser seiner Meinung nach hauptsächlich die strukturschwachen Regionen negativ trifft. "Da geben dann vielleicht noch mehr Firmen auf oder bilden nicht mehr aus. Das wäre ein Beerdigen der Zukunft", so Simmel.

Güldi-Moden: Ganz anders gestaltet sich das Thema Mindestlohn bei der Firma Güldi-Moden. Eine zweijährige Ausbildung zum Modenäher und eine dreijährige zum Modeschneider sind in der Firma auf der Lindenstraße möglich. In den vergangenen zwei Jahren gab es überhaupt keine Azubis bei Güldi-Moden, wie Personalleiterin Doreen Pelzer informiert. Für dieses Jahr habe sie nun wieder eine Auszubildende gefunden, für die sie in diesen Tagen den Vertrag fertigstellt. Das Textilunternehmen zahlt im ersten Ausbildungsjahr 325 Euro, im zweiten 500. "Sobald die 325 Euro überschritten sind, muss auch der Lehrling seinen Sozialversicherungsbeitrag selbst leisten, weshalb er dann nicht mehr den vollen Bruttolohn ausgezahlt bekommt", klärt Doreen Pelzer auf. Insgesamt wehe in der Textilindustrie ein harter Wind, so die Personalleiterin. "Der Mindestlohn ist notwendig, tut aber der Firma auch weh," sagt sie.

Dachdecker Kühnert: Für Dachdeckermeister Matthias Kühnert aus Bräunsdorf ist das Thema Mindestlohn eher zweitrangig. "Ich wäre froh, wenn ich überhaupt endlich wieder einen Lehrling hätte", sagt er. Den letzten Azubi hatte er vor fünf Jahren. Und dem zahlte Kühnert nach eigenen Angaben schon mehr als den geforderten Mindestlohn. Er sei dringend auf der Suche nach Nachwuchs für seine Firma - und ein entsprechendes Entgelt sei für ihn da selbstverständlich, so Kühnert. (mit na)


Bezahlung variiert stark je nach Branche

Mit Blick auf die Bezahlung gibt es zwischen den einzelnen Branchen und der Zugehörigkeit zu Industrie oder Handwerk große Unterschiede. So erhalten Lehrlinge in einem tarifgebundenen Betrieb in der Metall- und Elektroindustrie im ersten Lehrjahr 1007 Euro pro Monat. Bis zum vierten Lehrjahr steigt dieser Betrag auf 1179 Euro. Nach Angaben der IG Metall Zwickau zahlen Firmen der Branche mit Haus- oder Anerkennungstarifvertrag im ersten Lehrjahr etwa 830 Euro. Das Kfz-Handwerk, dazu gehören beispielsweise Autohäuser, gibt den Lehrlingen deutlich weniger. Laut Tarif erhalten sie im ersten Lehrjahr 650 Euro. Renommierte Autohäuser in der Region mit Haustarif überweisen etwa 620. "Die Branche muss umdenken und die Berufe attraktiver gestalten, ansonsten bekommt sie keinen qualifizierten Nachwuchs mehr", sagte Jörg Brodmann, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Zwickau. (na)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...