Was Marketingexperten Chemnitz raten

Rund 200 Fachleute tagen derzeit in der Stadt. "Freie Presse" befragte einige von ihnen, wie sich das Image der Stadt aufbessern ließe.

Gronau liegt in Nordrhein-Westfalen, direkt an der Grenze zu den Niederlanden. Lange Zeit habe die Stadt ein Imageproblem gehabt, sagt Katharina Detert. Die Marketingleiterin der 50.000-Einwohner-Stadt nennt Drogenhandel und Prostitution als Beispiele. Mittlerweile verbinde man aber vor allem Musik mit Gronau, sagt Detert. In der Geburtsstadt Udo Lindenbergs erwartet Besucher ein Rock- und Popmuseum. Die bundesweit einzigartige Einrichtung und Lindenberg selbst seien Anknüpfungspunkte für Kampagnen gewesen, mit dem Ziel, das Bild der Stadt zu verbessern.

Detert hat sich auch Gedanken gemacht, wie Chemnitz sein Image aufpolieren könnte. Das hat nach der Trauerkundgebung für einen verstorbenen Neonazi im Stadion zuletzt wieder stark gelitten. Wichtig sei, das Thema Zusammenhalt zu betonen, sagt Detert. "Da kann Chemnitz vielleicht noch mehr tun." Seit dem Wochenende weilt die 25-Jährige in der Stadt, um mit 200 Kolleginnen und Kollegen ihrer Branche beim Deutschen Stadtmarketingtag zu diskutieren. Dessen Vorsitzende Bernadette Spinnen betonte, dass sich Stadtmarketing immer an gesellschaftlichen Herausforderungen ausrichten müsse.


Schwerpunkt des Treffens ist der Begriff Heimat. Chemnitz, so der Dachverband, sei dafür genau der richtige Ort. Die Frage nach Identität habe sich hier "so drastisch und schockierend öffentlich gestellt", dass niemand daran vorbeikomme. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig sagte, die Stadt habe viel Potenzial. Es sei aber schwer, Vorurteile aufzubrechen, wenn Chemnitz nur auf negative Vorkommnisse reduziert werde.


"Klare Kante zeigen"

Christoph Aschenbrenner, Regensburg: Klare Kante zeigen, empfiehlt Aschenbrenner den Chemnitzer Marketingverantwortlichen. "Die Stadt muss sich einen Standpunkt überlegen und diesen vertreten", meint der Geschäftsführer von Oberpfalz Marketing mit Sitz in Regensburg. Marketing sei aber auch als Ausgleich von Interessen zu verstehen. "Deswegen sollten die Verantwortlichen mit denen sprechen, mit denen man noch reden kann." Das Festhalten von Chemnitz an der Kulturhauptstadtbewerbung findet Aschenbrenner richtig: "Kultur bedeutet ja auch das Zulassen anderer Standpunkte." Eine Empfehlung hat der Regensburger noch: Marketing-Arbeit sei häufig finanziell schlecht ausgestattet. Für Chemnitz wäre es gut, jetzt mehr Geld dafür auszugeben, rät er. (lumm)


"Konzert wiederholen"

Svenja Krämer, Dinslaken: Den vielen negativen Schlagzeilen könne man kaum etwas entgegensetzen, da sei man machtlos, sagt die Leiterin der Wirtschaftsförderung der Stadt Dinslaken am Rand des Ruhrgebiets. Deshalb sollte sich Chemnitz auf seine Stärken besinnen. Sie habe gehört, dass die Stadt wieder wachse. Menschen und ihre Motivation, nach Chemnitz zu ziehen, sollte man in den Vordergrund stellen. Eine sehr gute Aktion sei das "Wir sind mehr"-Konzert am 3. September 2018 gewesen, so Krämer. "Es war beeindruckend, was bekannte Künstler und die Stadt so schnell auf die Beine stellten." Das Konzert zu wiederholen oder den Termin fest zu verankern, könne sie sich gut vorstellen - verbunden mit einer positiven Aussage, etwa dass Chemnitz eine tolerante Stadt ist. (hfn)


"Kulturhauptstadt als Pfund"

Henning Spenthoff, Münster: Die Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas sei ein gutes Pfund, mit dem die Stadt wuchern könne, meint der 39-Jährige, der bei der Stadt Münster für strategische Kommunikation und Markenführung zuständig ist. Es gehe nun darum, Chemnitz anders darzustellen und zu zeigen, dass die Stadt bunt und eben nicht braun ist, und darum, als Stadtgemeinschaft zusammenzukommen. Besonders wichtig sei, die Menschen einzubinden. Mikroprojekte wie das einer Gruppe, die Chemnitzer zum Tanzen einladen will, seien der richtige Weg. Die Bewerbung gebe den Einwohnern eine Perspektive und sei gut für den Zusammenhalt. Und sie zeige, dass das, was im Herbst 2018 sowie jüngst im Stadion des CFC passiert ist, nicht symptomatisch für die Stadt sei. (hfn)


"Mehr Selbstbewusstsein"

Corina Müller, Schwedt/Oder: Es sei wichtig, den Chemnitzern Stolz auf ihre Stadt zu vermitteln, sagt Corina Müller, in Schwedt seit mehr als 25 Jahren für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie ist das erste Mal in Chemnitz und finde es beeindruckend, was sie hier sehe. "Vor allem die Vielfalt aus Altem und Neuem ist spannend." Auch auf die zahlreichen Kulturangebote könnten die Einwohner stolz sein, so Müller. Chemnitz könne sich sehen lassen und brauche sich vor Dresden und Leipzig nicht zu verstecken. Den Einwohnern zu vermitteln, dass ihre Stadt so viel Potenzial habe und nicht das hässliche Entlein sei, als das sie viele sehen, sei jedoch keine einfache Aufgabe. Aber die Bewerbung als Kulturhauptstadt zeige doch schon das Selbstbewusstsein der Stadt, sagt Corina Müller. (hfn)

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 8 Bewertungen
7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    4
    CPärchen
    21.03.2019

    Die Befragten meinen es doch nur gut.

    Natürlich müssen Probleme real gelöst werden, aber es stimmt auch, dass Marketing das Selbstbewusstsein vieler Chemnitzer stärken würde.
    Oftmals sehen Nicht-Chemnitzer die Stadt positiver, als wir selbst.

  • 12
    17
    19.03.2019

    Offenbar macht man sich mehr Gedanken über das "Image" der Stadt als über die Sicherheit.

  • 5
    19
    AmZeisigwald
    19.03.2019

    Chemnitz sollte sich wieder umbenennen...vielleicht hilft das?

  • 28
    16
    19.03.2019

    Mit linken "Konzerten" und "Kaffeekränzchen" löst man keine Probleme. Man spaltet die Gesellschaft nur noch mehr. Dazu brauche ich keine 200 "Experten".

  • 25
    12
    19.03.2019

    Vielleicht sollte man lieber die Ursachen für diese Probleme bekämpfen und nicht die Symptome und endlich wieder Ordnung und Sicherheit herstellen das man wieder gern und sicher auf Stadt- und Pressefeste gehen kann ohne Angst zu haben. Mit kosmetischen "Marketingkonzepten" löst man keine Probleme. Man überdeckt sie nur. Da ist auch die große Politik gefragt endlich wieder Politik FÜR den Bürger zu machen.

  • 29
    10
    HHCL
    19.03.2019

    "Eine sehr gute Aktion sei das "Wir sind mehr"-Konzert am 3. September 2018 gewesen, so Krämer."

    Aha!? Was genau hat der Auftritt der linken bis linksextremen Bands mit dem Gütesiegel des Bundespräsidenten und tausenden heran gekarrten Zuhörern Chemnitz genau gebracht? Meiner Meinung nach: Nichts! An der Struktur der Gesellschaft hat sich nichts geändert, an den Meinungen auch nicht. Eher im Gegenteil. Die kritiklose Bejubelung dieser Bands hat eher Gräben vertieft als für Dialog zu sorgen.

    Bei allen anderen Vorschlägen kann ich auch nur mit dem Kopf schütteln. Alles Kosmetik und keine Ursachenbekämpfung. (Gut es sind eben auch Marketingexperten.) Vielleicht sollte man diesen Artikel noch mal lesen (https://www.freiepresse.de/meinungen/kommentare/pragmatismus-bis-es-schmerzt-artikel10466175). Solange Chemnitz keine Haltung entwickelt und solange bestimmte Gruppierungen hier bestimmen was im Fußball läuft, nützt alles Marketing nichts; wäre sogar kontraproduktiv.

    Die OB hat sich nach einer Woche zu den Vorgängen beim CFC geäußert. Nur Gesülze, keine handfesten Konsequenzen. So wird das nichts!

  • 25
    22
    Hinterfragt
    19.03.2019

    "Konzert wiederholen...Es war beeindruckend, was bekannte Künstler..."
    Frau Krämer aus Dinslaken sollte nicht alles nachplappern.
    Gewalt verherrlichende Liedtexte vom linken Rand.


    Warum hat sie in ihrer Stadt noch kein Konzert organisiert.

    https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/dinslaken-lohberg--vom-ruhrpott-in-den-heiligen-krieg-7200272.html



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