Was unsere Leser zu Chemnitz sagen

Zu den Berichten über die Demonstrationen und Ausschreitungen sowie zu den Veranstaltungen als Reaktion darauf hat eine Flut an Briefen die Redaktion erreicht. Eine Auswahl in Auszügen.

Aufstehen und Eintreten

Eine traditionsreiche Stadt wird geprägt und missbraucht von Ressentiments bis hin zu blankem Hass. Hoffentlich von einer Minderheit, wir kennen dies aus den Dreißigerjahren, und die Chemnitzer sollten nun, auch deutlich bei friedlichen Demos, zeigen, dass die Mehrheit Gewalt aller Seiten, Pöbeleien und vieles mehr ablehnt, sonst gerät die wehrhafte Demokratie in Mitleidenschaft, und die Minderheit fühlt sich "berufen" zu noch mehr. Chemnitzer und Sachsen, Ihr dürft sauer auf vieles sein und politische Denkzettel verteilen, aber dies jetzt ist ein Zeichen zum Aufstehen und Eintreten für die Rechte, die Ihr erst seit 1989/90 richtig leben könnt.

Oliver Hahn, Plauen

 

Politik sollte Aufgaben machen

Noch nie waren so viele Touristen in Chemnitz wie in der vergangenen Woche. Aber dieser Tourismus ist makaber. Wir brauchen zum Beispiel keine Westimporte wie Höcke in der Stadt und auch keine Belehrungen. Wir wollen nicht, dass der Polizeihubschrauber bis 23 Uhr über Chemnitz kreist, weil Auswärtige als Demonstranten die Stadt noch unsicherer machen und die Läden 14 Uhr schließen. Hier ist ein Mord passiert. Der Täter muss verurteilt und die Sicherheit muss erhöht werden. Aber viele nutzen diesen Fall für ihre Politik aus und pilgern nach Chemnitz. Wir Chemnitzer sind nicht rechts gesinnt - aber für Recht und Ordnung sind wir schon. Die gewählten Politiker sollten deshalb endlich ihre Aufgaben machen. Die Bundespolitik mit einem soliden Einwanderungsgesetz und der erforderlichen beschleunigten Abschiebung von Asylbewerbern, die nicht anerkannt werden können oder sogar hier wiederholt straffällig werden. (...)

Gerald Otto, Chemnitz

 

Blinder Aktionismus

Warum die gegenwärtige totale Hysterie? (...) Können wir bitte wieder zur Normalität finden und die Stadt und ihre Bewohner nicht mehr über den braunen Kamm scheren? Ich bin geborener Chemnitzer und bekenne mich zu meiner Stadt. Es gibt wie überall Ecken und Kanten, aber es gibt keine dominierende bemerkenswerte rechte Szene. Erinnern wir uns an die ersten Tage. Hunderte radikale Linke sind angereist, Hunderte radikale Rechte kamen aus dem ganzen Land. Die Demoteilnehmer aus beiden Lagern waren also nicht nur Chemnitzer. Die Polizei hatte die Lage recht gut im Griff, auch wenn das anders interpretiert wurde. Es gab keine Massenschlägereien, keine Verwüstungen und keine großflächigen Randale. Hört bitte auf, Chemnitz und Sachsen in die rechte Ecke zu drängen. Das ist blinder Aktionismus und entspricht nicht den Tatsachen.

Dietmar Singer, Chemnitz

 

Einfach mutiger sein

Ein natürliches und menschliches Recht auf Versammlungsfreiheit - die Meinungsfreiheit eingeschlossen - hat in Deutschland Gesetzeskraft. Das heißt, mehrere gleichgesinnte Leute können gemeinsam ihren politischen oder sonstigen Willen öffentlich zum Ausdruck bringen. Aber wozu dienen dazu Feuerwerkskörper, Waffen in Taschenformat, Steine und Schlagwaffen? Andererseits brauchen wir, die Bevölkerung, uns über Ausschreitungen einzelner Gruppen und Leute nicht wundern, egal ob deutsche oder ausländische.

Bei jeder Konzentration von Leuten, die keine Aufgabe, Arbeit oder Verantwortung haben, entstehen unsinnige Gedanken und Handlungen. Das sind Einbrüche, Brandstiftungen, Reifenstechereien, Überfälle - da hat Nationalität keine Bedeutung. Wir sind das Volk - Leute, die das skandieren, lügen. Wer und welche Gruppierung kann dabei beweisen, dass sie für über 80 Millionen Menschen unseres Landes sprechen darf? Sie sind lediglich Teile - oft sehr kleine - des Volkes. Jeder, der an einer öffentlichen Versammlungen der Rechten teilnimmt und mehrfach beteuert, nicht dazuzugehören und nur "besorgt" ist, unterstützt den Mob allein durch seine Anwesenheit. Seine Sorgen kann man auch anders, mutiger zum Ausdruck bringen. Allmählich geht vom rechten Mob mehr Gefahr aus als von Kriminellen.

Klaus Ricken, Chemnitz

 

Warum plötzlich so zügellos?

Wo sind wir eigentlich hingekommen? Das stimmt mich sehr nachdenklich. Die Maßlosigkeit: Herden braunen Mobs, Berichterstattung wie aus einem Bürgerkriegsgebiet, notstandsähnliche Polizeipräsenz, politische Szenarien eines "Vierten Reichs". Warum sind wir so zügellos geworden? Die Pauschalierungen: Links/Rechts. Dafür/Dagegen. Bin ich Rassist, wenn ich nachts bestimmte Plätze meide und das ausspreche? Unterstütze ich Terroristen, wenn ich die Rettung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer befürworte? Sympathisiere ich mit Rechtsradikalen, wenn ich nicht auf Gegendemos gehe? Warum sind uns die Nuancen, Facetten und Feinheiten abhandengekommen?

Kai Schwabe, Chemnitz

Unzufriedenheit berechtigt

Die Ursachen für diese Ereignisse liegen in der Integrationspolitik der Regierung von "Wir schaffen das" bis zu fehlenden Konsequenzen bei Polizei und Justiz gegen nicht migrationswillige, strafbar gewordene junge Männer aus Nordafrika. (...) Der angestaute Frust verbunden mit Ärger über bürokratische Entscheidungen führte zu berechtigter Unzufriedenheit bei vielen Bürgern. Das spielte den Rechtspopulisten in die Hände, sie mobilisierten ihre Gefolgschaft und karrten ihre Anhänger aus ganz Deutschland nach Chemnitz. Leider folgten ihrem demagogisch-scheinheiligen Auftritt berechtigt frustrierte Bürger, dabei nicht beachtend, dass zum Beispiel der sogenannte Trauermarsch nicht dem Toten galt, sondern ihrer gegen den Staat gerichteten Politik. (...) Auf jeden Fall ist das Ansehen von Chemnitz nicht nur in Deutschland stark beschädigt.

Reiner Michalke, Chemnitz

 

Helfen würde es allen

Verkehrte Welt - auf Chemnitz schauen mit kritischem Blick nunmehr alle; kein Artikel, keine aktuelle Sendung ohne Empörung. In Hamburg vor einem Jahr gab es Chaos, Krawalle und schlimme Randale. Stellte man die grundsätzliche Haltung der Hamburger Bürgerschaft in Frage? Eher nicht, völlig berechtigt, die Hansestadt ist unverändert attraktiv. Und auch Chemnitz ist eine lebenswerte Stadt. Es gibt hier Menschen, die halten eine Willkommenskultur für großartig, es gibt andere, die wollen eine Politik ganz ohne Einwanderung. Und viele dazwischen, das ist in ganz Deutschland nicht anders. Was aber wohl niemand will, sind mit Messern bewaffnete Männer, die aus nichtigem Anlass ihre Interessen durchsetzen, bereit sind, zu belästigen, zu verletzten, ja sogar zu töten. Und genau da sollte man zeitnah ansetzen. Da gilt es ganz sicher Bescheide zu überprüfen, Abschiebungen zu forcieren und bereits bekannte Straftäter zu überwachen. Dazu wünschte man sich Artikel und Sendungen. Helfen würde das allen in unserem Land, gerade auch den integrationsbereiten Flüchtlingen.

Ullrich Feiertag, Chemnitz

 

Jahrelang Augen verschlossen?

Was ist los in Sachsen? Verfassungsschutzpräsident Meyer-Plath hat das Ausmaß der rechten Demo als wenig überraschend bezeichnet. Er meint, die rechtsextreme Szene habe auf so einen Anlass geradezu gewartet. Das Kulturbüro Sachsen äußert, dass in der rechtsextremen Szene jahrelang Kontakte gepflegt wurden, auch wenn Gruppierungen aufgelöst wurden. Da muss man doch fragen: Hat man jahrelang die Augen vor den vielen negativen Ereignissen verschlossen? Hat man die ganze politische Situation falsch eingeschätzt oder sind die vielen Verantwortlichen dazu fachlich nicht in der Lage? Oder ist es wahrscheinlich die ganze politische Lage in Deutschland, mit der immer mehr Menschen nicht mehr einverstanden sind? Aber mit der Wahrheit scheint man es noch immer nicht so genau zu nehmen.

Eberhard Paternoga, Stollberg

 

Nicht mehr weit entfernt

Die ausländerfeindliche Einheitsfront aus Anhängern von AfD und Pegida, Hooligans und gewaltbereiten Rechten nutzte die verständliche Empörung und Trauer für ihre Zwecke. Vorfälle während ihrer Demonstrationen ähnelten einer Selbstjustiz. Was unterscheidet den Mord oder Totschlag, den ein Ausländer an einem Deutschen begeht, von dem eines Deutschen an einem Deutschen? Es gibt davon leider viel mehr. Geben diese Anlass für eine Demonstration? Ein "Trauermarsch" wurde inszeniert, bei dem die obersten Granden von AfD und Pegida mit ernsten Mienen in der ersten Reihe schritten. Hat es einen Trauermarsch ähnlich Gesinnter für ein hilfloses deutsches Kind gegeben, das eine deutsche Mutter verhungern ließ? Ich gehöre der Generation an, die den Weltkrieg erlebt hat. Dass weder Mitmarschierende - angeblich alles nur "besorgte Bürger" - noch Polizisten Menschen daran hindern, den Hitlergruß zu zeigen, lässt mich daran zweifeln, ob wir noch weit von dieser schrecklichen Zeit entfernt sind.
Peter Weinhold, Freiberg

Prognosen helfen nicht

Ich will es nicht glauben, werde aber das Gefühl nicht los, dass es dem Ministerpräsidenten mehr um das Image seiner Person geht, als glasklare Fakten und sofort einzuleitende Maßnahmen zu benennen. Er hat alle Fragen im Interview rhetorisch geschickt beantwortet, doch bei Weitem nicht tiefgründig genug. Reden und Versprechungen zu machen, scheint ihm viel wichtiger zu sein, als einmal energisch den Finger in offene Wunden zu legen, was ihm vielleicht nicht nur Pluspunkte einbringen würde. Dass er eine Menge Eindrücke sammeln und sich mit vielen Leuten treffen konnte, dürfte in solch einer Situation nicht all zu schwer sein. Und dass wirklich gar nichts durch Selbstjustiz oder Ausländerfeindlichkeit gerechtfertigt werden kann, dürfte in einem demokratischen Rechtsstaat außer Frage stehen. Aber den hierfür notwendigen Handlungsbedarf bezeichnete er lediglich als groß, was allen zur Genüge bekannt ist, und machte für noch nicht erreichte Ziele andere verantwortlich. Was, wäre, wenn - Prognosen helfen nicht wirklich, wenn sich lange vorher Ereignisse solchen Ausmaßes absehen lassen, zumal der Jahrestag (Weltfriedenstag) des Überfalls von Hitlerdeutschland in das polnische Danzig auch noch vor der Tür stand. Wir dürfen nun gespant sein, wann dieser Spuk endlich ein Ende findet und die Regierung mit konkreten, handfesten Maßnahmen zur Normalisierung des Alltags aufwartet, sodass alle friedfertigen Menschen wieder ruhig schlafen können.

Marion Gilmer, Meerane

 

Die Menschen mitnehmen

Dass sich gewaltbereite Extremisten beider Seiten unter die Masse der Unzufriedenen mischen, ist eigentlich ein Bild, das wir aus der Geschichte kennen und das auch den Politikern nicht fremd ist. Also sollten sie auch auf dieses Phänomen reagieren können. Sie mit den unzufriedenen Bürgern in einen Topf zu werfen und allesamt als Faschisten, Nazis, Rassisten, braunen Mob und mit ähnlichen Ausdrücken zu belegen, hilft niemandem und erregt zu Recht den Unmut der Bürger. Auch die letzten in diesem Zusammenhang geäußerten Einlassungen des Außenministers Maas, der sich im Prinzip über sein Volk beschwert, sind in keiner Weise hilfreich. Er möge sich bitte ein anderes Volk suchen, wenn ihm das seine nicht gefällt. Wir leben in einer Situation, in der sich eine weitere Verhärtung politischer Standpunkte und eine sich daraus abzuleitende gefährliche Polarisierung der Gesellschaft abzeichnet. Deshalb gibt es nur die eine Möglichkeit, aufeinander zuzugehen und einen sachlichen Meinungsaustausch zu initiieren, der nicht um seiner selbst Willen geführt werden sollte. Er muss vielmehr mit der Zielstellung verbunden sein, notwendig gewordene politische Aktivitäten daraus abzuleiten, die die Menschen mitnehmen und ihnen so zeigen, dass demokratisches Aufbegehren ohne jede Gewalt Nutzen bringt. Bürgergespräche, wie das letzte von Ministerpräsident Kretschmer, bewirken nur eine zeitweilige Ruhestellung der Bürger, wenn ihnen nicht zeitnah effektive politische Maßnahmen folgen. Nicht nur Zuwanderer sollen integriert werden und ihren aktiven Beitrag dazu leisten, auch Deutsche wollen integriert sein.

Klaus Pagenkopf, Werdau

 

Gewalt immer verurteilen

Es muss immer wieder und angesichts der schrecklichen Bluttat auf dem Stadtfest ganz besonders eindringlich davor gewarnt werden, Menschen mit fremdem Aussehen pauschal als Attentäter oder Messerstecher zu verurteilen. Aber mindestens genau so eindringlich muss jedoch auch davor gewarnt werden, alle Teilnehmer einer Nicht-Links-Demo, die letztlich gegen das Politikversagen demonstrierten, pauschal als Rechte (und somit quasi als Nazis) zu diffamieren. Genau dies wird aber leider von einigen Medien und Politikern getan und führt mit Sicherheit zu einer noch tieferen Spaltung der Gesellschaft und nicht nur beim Thema Migration. Ebenso wenig wollen alle Gegendemonstranten pauschal als linke Chaoten bezeichnet werden, obwohl die Geschehnisse um den damaligen Hamburger Gipfel durchaus Anlass dazu geben könnten. Es sei ausdrücklich betont, dass jegliche Gewalt gegen Menschen zu verurteilen ist. Doch leider gibt es immer wieder Profichaoten, die sich in jedes Ereignis mit Gewalttaten einmischen müssen. Diese dürfen aber nicht mit allen Anderen gleichgesetzt werden. Schließlich wollen auch nicht die Fans einer Fußballmannschaft mit Hooligans verglichen werden, wie sie sich leider oft genug zum Randalieren mit einfinden.

Siegfried Franz, Oelsnitz

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