Wasserkraftwerksbetreiber im Chemnitztal in finanzieller Not

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Seit Jahren versucht ein Burgstädter, in Markersdorf Strom zu erzeugen. Der Probebetrieb war gestartet worden. Jetzt kommt das Aus.

Burgstädt/Markersdorf.

Mit dem Lockdown und der Schließung von Restaurants auch in Bayern hatte der in der Gastronomie beschäftigte Ron Bussenius auf einmal viel Zeit. "Ich setzte mich ins Auto und fuhr in die alte Heimat", erzählt der 30-Jährige. Das ist Burgstädt in Sachsen. Er freute sich auf die Eltern, die seit 1991 eine kleine Handwerksfirma betreiben. Gehandelt wird mit Rollläden und Fenstern. Vater Gerd versucht außerdem seit einigen Jahren, die Wasserkraftanlage an der Alten Mühle im Claußnitzer Ortsteil Markersdorf aufzubauen.

"Leider klappt Letzteres nicht sehr gut, weshalb meine Eltern finanzielle Probleme haben", sagt Ron Bussenius. Seit Jahren würden die beiden ihren Papierkram schleifen lassen. Es sei einfach zu viel geworden. Nur durch Zufall habe er von den finanziellen Sorgen erfahren, "denn sie haben alles für sich behalten, wollten niemanden damit belasten". Seitdem habe er sich durch einen Papierberg kämpfen müssen. "Ich rede wirklich von Bergen, mehrere hunderte Briefe - teilweise mehr als zehn Jahre alt, viele ungeöffnet." So habe er herausgefunden, dass es mehrere Kontopfändungen gibt. Seit 2016 wurde keine Steuererklärung gemacht, fügt er hinzu. Warum das so ist, darüber habe er gerätselt. "Es ist uns einfach über den Kopf gewachsen", sagt Mutter Heike Bussenius. Die 51-Jährige arbeitet als Verkäuferin, nebenbei hat sie den Schreibkram für die Firma ihres Mannes erledigt. "Ich wollte ihn nicht behelligen, er hat ja genug um die Ohren." Wahrscheinlich aus Scham habe sie alles mit sich allein ausgemacht - auch als es schon fast zu spät war, so der Sohn.

Als Erstes hat Ron Bussenius Behörden angerufen, um Hilfe zu bekommen bzw. den aktuellen Stand zu erfahren. "Alle waren sehr hilfsbereit", sagt er. Die Krankenkasse käme entgegen, "was uns unter Umständen tausende Euro spart". Auch das Finanzamt und das Landratsamt Mittelsachsen hätten ohne bürokratischen Aufwand die Kontopfändungen ausgesetzt, unter der Bedingung, "dass alles erledigt wird".

"Ich hatte gehofft, bei der Wiedernutzbarmachung der Mühle mehr Unterstützung zu bekommen", hatte Gerd Bussenius bereits vor drei Jahren bei einem Tag der erneuerbaren Energien gesagt. Nicht nur, dass er 1000 Tonnen Müll aus dem Mühlgraben entfernen musste, er investierte etwa 300.000 Euro, um der 1528 erstmals urkundlich erwähnten Mühle wieder Leben einzuhauchen. Von September 2017 bis März 2019 lief das Wasserrad im Probebetrieb und speiste Strom ins Netz ein. Dann stand es still. "Um die Schulden zu begleichen, wollen wir jetzt das Grundstück samt Mühle und Wasserkraftschauanlage verkaufen", sagt Ron Bussenius.

Als die Geschäfte noch besser liefen, hatte das Ehepaar Bussenius 1993/94 mehrere Grundstücke gekauft. 1999 kam die Alte Mühle hinzu. "Wir wollten umweltfreundlich Strom erzeugen und Wohnraum schaffen", sagt Gerd Bussenius. Aber für die volle Stromerzeugung habe er bis heute noch nicht alle Genehmigungen erhalten, sagt der 60-Jährige. Zudem ständen 40 Prozent der Wohnungen leer. All das seien Faktoren, warum die Finanzen der Familie in Schieflage geraten seien, sagt Ron Bussenius, der aber aus einem anderen Grund an die Öffentlichkeit treten will. "Viele haben uns unterstützt und Hilfe angeboten", sagt der 30-Jährige. Aber bei der Hausbank, der Volks- und Raiffeisenbank, sei die Familie auf Granit gestoßen. "Um eine Überblick zu gewinnen, wollte ich von der Bank die Auszüge aller vier Konten der letzten vier Jahre erhalten", erläutert er. "Klar habe ich mit Gebühren gerechnet, aber 740 Euro sind einfach zu viel", sagt er. "Das ist eine bodenlose Frechheit!" Außerdem habe eine Mitarbeiterin mitgeteilt, dass alle Konten gekündigt werden, denn Kunden mit Kontopfändungen passten nicht zur Volksbank, habe man ihm mitgeteilt. Selbst das Sparkonto der 16-jährigen Schwester sei gekündigt worden. Um offene Rechnungen wie Steuern zu begleichen, werde das Konto gesperrt und automatisch Geld an die Gläubiger überwiesen, erläutert Ron Bussenius.

Was sagt die Volksbank zu den Vorwürfen? Aus Datenschutzgründen könne zu Details keine Auskunft gegeben werden, heißt es in der Antwort auf eine "Freie Presse"-Anfrage. Allerdings besitze Ron Bussenius keinerlei Vollmachten über die Konten und sei damit auch nicht auskunftsberechtigt. Über Online-Banking könne der Kunde innerhalb von zehn Jahren auf die Konten zugreifen, heißt es weiter. Wenn im Nachhinein Auszüge erstellt werden sollen, sei das "natürlich kostenpflichtig". Das sei mit einem hohen manuellen Aufwand verbunden. Die Kritik zur Höhe der Kosten kommentiert die Bank nicht, verweist aber auf mehrere Lösungsvorschläge durch den Bankberater. Ron Bussenius widerspricht: "Da kam nichts. Gleich bei der ersten Kontaktaufnahme zur Bank wurde uns mündlich die Kündigung mitgeteilt." Ohne Grund könne die Bank und auch der Kunde kündigen, entgegnet die Bank. "Rechtlich ist das in Ordnung, aber menschlich?", fragt Bussenius. Finanzamt und Landratsamt äußern sich nicht zum konkreten Fall. Wenn Rückstände auflaufen, habe das Finanzamt einen Ermessensspielraum, sagt Amtsleiter Bernd Wisslicen.

Inzwischen hat Familie Bussenius bei einer anderen Bank Konten eröffnet. Nun hofft sie, durch den Verkauf der Mühle die meisten Schulden bezahlen zu können. Interessenten gebe es, eine Geldsumme nennt Ron Bussenius nicht.

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