Weckruf mit K

Irgendwie haben ja alle damit gerechnet, dass Kraftklub in irgendeiner Weise auf dem Kosmonaut-Festival auftritt. Aber doch nicht so: Diese Schrulle von Band hat wieder einmal allen eine Nase gedreht - noch vor dem Aufstehen!

Oberrabenstein. 7.30 Uhr, und Sänger Felix Brummer behauptet doch allen Ernstes, man stehe gern früh auf und beginne den Tag sowieso um diese Uhrzeit mit einem gemeinsamen Lied. Ein Notstromaggregat wird angeworfen, ein LKW mit Kraftklub samt Verstärkeranlage biegt auf den Zeltplatz am Festivalgelände am Stausee Oberrabenstein und die Spitze der deutschen Album-Charts hämmert ihre Anhänger mit "Band mit dem K" aus den Zelten. Okay, die Platte heißt "Keine Nacht für Niemand", aber bis dato hatten das die allermeisten Festivalmenschen, von denen viele erst kurz zuvor in die Schlafpelle gekrabbelt sein dürften, wohl eher metaphorisch verstanden. Doch wie heißt es so schön? Schlafen könnt ihr, wenn ihr tot seid! Es bildet sich schnell ein Feierpulk um den Mietlaster mit der improvisierten Bühne, schon der zweite Song "Chemie Chemie Ya" wird lauthals mitgeschmettert, bald platzen die ersten Bierdosen. Die übernächtigte Menge schüttelt sich einfach den Schlafsand aus den Augen, einige legen die Strecke zwischen Zelt und Kraftklub per Schlafsackhüpfen zurück, andere sind auch nur in eine Decke gewickelt.

Und alle sind irgendwie gerührt: Kraftklub hat echt den Schalk im Nacken, den Musikern fällt doch wirklich immer wieder was Neues ein. Klar ist die Aktion Promo, tausende Handys filmen mit und werden die Coolness in die sozialen Netzwerke spülen. Aber es ist wie bei allen Geschenken, die man von Menschen bekommt, die man mag: Es ist vor allem die Idee, die zählt. Die Überraschung. Die freudig kriminelle Energie, die dahinter steckt. Das Ausbrechen aus der Routine. Es muss von Herzen kommen - und das tut es hier so was von! In Sachen Fannähe gibt es derzeit in diesem Land kaum eine Band, die so engagiert drauf ist wie Kraftklub - die machen solche Sachen, weil sie das selber einfach geil finden. Das dicke Grinsen der Musiker, als diese heimlich vor dem Zeltplatz den LKW bestiegen und die Instrumente einstöpselten, sprach da Bände.


Apropos: Die Mini-Anlage und ihre Notstromversorgung waren natürlich jedem halbwegs fitten Autotuner unterlegen, entsprechender Mangel herrschte an Lautstärke. Ab zehn Metern Entfernung von der Bühne musste man schon selber zum Bass singen, um etwas von den Songs zu haben. Was die Menge dann auch freimütig tat: "Ganz egal woran ich gerade denke - am Ende denk' ich immer nur an Dich!" Gespielt wurde natürlich auch entsprechend scheppernd - was dann aber schon wieder bemerkenswert war: Kraftklub hat mittlerweile wirklich super den Bogen raus, die auf Platte episch veredelten Lieder auch in eingedampften Minimalversionen hochschäumen zu lassen wie Schaumwein. Das muss man sich erst einmal trauen - dann aber geht es perfekt ins Blut und in den Kopf. Mit "Wenn Du mich küsst" bog der LKW wieder vom Zeltplatz runter. Ja, man hätte sie knutschen können! Jetzt wird aber erstmal eine Runde geschlafen.

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