Wenn der Hirte sich verirrt - ein Pfarrer als Drogenhändler

Ein Chemnitzer Geistlicher gesteht Handel mit kiloweise Marihuana. Als Motiv nennt er falsch verstandene Hilfsbereitschaft.

Chemnitz.

Die alte Dame im Publikum schüttelte fassungslos den Kopf beim Geklacker der Fotoapparate. "Wenn er das doch nicht will", sagte sie leise. Der Mann auf der Anklagebank hielt sich schützend den Hut vors Gesicht. Minuten später, als Richterin Simone Herberger das Fotografieren und Filmen beendet hatte, gab sich der Angeklagte offener. "Hätten sie mir vor zwei Jahren gesagt, dass ich heute hier sitze, hätte ich wohl gelacht", so der Pfarrer. Außer dem abendlichen Glas Wein sei er "nicht drogenaffin". Und es ist kein Konsum illegaler Drogen, für den sich der Gottesmann seit Montag am Landgericht verantworten muss. Es geht um elffachen Handel mit Marihuana - kiloweise.

Zur Vernehmung habe die Polizistin ihm vorgehalten, sie stelle sich einen Pfarrer anders vor. "Sie meinte, der begeht keine Rechtsbrüche." Doch räumte der Angeklagte vor Gericht ein, dass die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft stimmen.

Sein Motiv? Er habe Menschen kennengelernt, die Hilfe brauchten. Für diese Hilfe habe er die falschen Mittel gewählt. Über einen Chat sei er mit einem kurdischen Flüchtling in Kontakt gekommen. Der habe ihm zunächst von einer Krankenhausrechnung erzählt, die seine Familie nicht zahlen könne. So habe er die 30 Euro übernommen. Dabei blieb es nicht. Im Herbst 2017 habe der Flüchtling gefragt, ob er ihm Geld geben könne, um seine Familie nach Deutschland zu holen. Er zahle es zurück. Der Pfarrer gab dem Mann, den er zeitweise bei sich aufgenommen hatte, 12.000 Euro. Zurück sei nichts gekommen, obwohl er immer wieder versucht habe, dem Kurden - wie auch anderen Flüchtlingen - Arbeit zu vermitteln. Schließlich habe er sich betrogen gefühlt. Und ganz auf die Rückzahlung habe er auch nicht verzichten wollen. Zwar sei ihm ab Dezember 2017 klar gewesen, womit der Flüchtling plötzlich Geld machte. Dennoch habe er ihn ab Januar 2018 nach Leipzig chauffiert, um bei einem Zulieferer Marihuana zu kaufen. Elf solcher Fahrten soll es bis Juni gegeben haben. Er selbst habe sich immer weiter eingebracht, bis er zuletzt selbst Gespräche für den Handel abwickelte. Erst als in seinem Auto bei einer Kontrolle ein Kilo Marihuana festgestellt wurde, war Schluss damit. Das Handy des Pfarrers wurde beschlagnahmt. So kam die Polizei im Chat dem Ausmaß des Drogenhandels auf die Spur. Und auch, weil sich der Pfarrer kooperativ zeigte. Das erwähnte ein Polizist am Montag im Gericht. Vier Verfahren gegen weitere Personen liefen bereits, zehn könnten folgen.

Die Landeskirche habe er nach Beginn der Ermittlungen informiert, dass es etwas gegen ihn gebe, sagte der seither vom Dienst suspendierte Pfarrer. Um Gerüchte zu kontern, es gehe um Missbrauch, habe er auch die Art seiner Rechtsbrüche klargemacht. Vielleicht sei er Marihuana gegenüber zu liberal, räumte der 49-Jährige ein. Doch hätten die Leute in diesen Kreisen das alle geraucht. "Einfach um runterzukommen", wie sie sagten. Ihm sei wichtig gewesen, dass nie härtere Drogen im Spiel waren.

Nach Unterbrechung des Prozesses bis zum nächsten Montag räumte der Pfarrer im Gespräch mit der "Freien Presse" eine gewisse "Desillusionierung" bei seiner legalen Arbeit mit Flüchtlingen ein, die er ganz offiziell leistete. Dennoch werde er damit weitermachen, wenn er die Chance habe. "Bei einem ist es mir immerhin gelungen, ihn in richtige Arbeit zu bringen. Dafür gibt es oft zu viele Hürden." Nur so komme es zur Geldnot, die die Menschen in die Kriminalität treibe.

In dem Fall auch ihn selbst. "Er ist so hilfsbereit", sagte die 87-jährige Dame aus dem Publikum der "Freien Presse". Prompt habe er für sie aufgewischt, als sie einmal Aronia-beeren verschüttet habe. Und in der Möbelbörse habe er Möbel für ihre neue Wohnung bezahlt. "Aber er ist auch etwas gutgläubig", sagte sie.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 4 Bewertungen
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...