Wenn Kinder zu Gefühlsdetektiven werden

Dass Mädchen und Jungen mit anderen gut auskommen, ist Ziel des Vereins Huckepack. Ein Alter ist dafür besonders wichtig.

Paul ist sechs Jahre alt und ein sehr lebendiges Kind. Im Kindergarten sucht er stetig Kontakt zu anderen Kindern. Doch die reagieren darauf nicht so richtig. Daraufhin macht Paul eine Sandburg kaputt, die die anderen gebaut haben. Er möchte Aufmerksamkeit haben. "Ach, wieder der Paul", sagen die anderen Kinder und sind wütend. Die Erzieherin kommt dazu und fragt: "Paul, was hast du schon wieder gemacht?"

Kinder wie Paul, denen es schwerfällt, ihre und die Gefühle anderer zu erkennen, sind in der Gruppe manchmal auch ein bisschen wie das schwarze Schaf. Diese Kinder fördert der Chemnitzer Verein Huckepack mit einem intensiven Training. Damit will die Gruppierung die Mädchen und Jungen für ihr weiteres Leben stark machen. "Kinder im Vorschulalter, die Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen zu erkennen und zu regulieren, laufen Gefahr, mit steigendem Alter ein immer auffälligeres Verhalten zu zeigen", sagt die Geschäftsführerin des Vereins, Annett Meylan. Diese Beobachtung ist Grundlage für das Projekt Huckepack, das der Verein seit 2009 in Kooperation mit der Professur für Allgemeine Psychologie und Biopsychologie der TU Chemnitz umsetzt. Huckepack beinhaltet eine einjährige Mentorenschaft und zugleich ein Training sozialer Kompetenzen. Vorschulkinder wie Paul lernen altersbezogen, ihre Emotionen zu regulieren und Konfliktsituationen konstruktiv zu lösen und eben nicht mit Ärger und Frust die Sandburg zu zerstören. Paul geriete sonst immer wieder in einen Teufelskreis. "Er würde dann trotz lauten Verhaltens keine Aufmerksamkeit bekommen und immer weiter ins Abseits geraten, obwohl er doch nichts mehr will, als dazu zu gehören", so Meylan. Paul wähle noch die falschen Mittel, um seinen Ärger zu bewältigen.


Durchgeführt wird das Projekt mit geschulten Mentoren - zumeist Studenten der Psychologie, Pädagogik und für das Grundschullehramt, die Erfahrung mit Kindern haben. Sie besuchen Kitas und lernen zunächst die Kinder im Spiel und in Gesprächen kennen, berichtet Annett Meylan. Seit 2010 gab es für mehr als 5000 Mädchen und Jungen in Chemnitz eine Diagnostik der sozialen und emotionalen Kompetenzen. Etwa 170 Kinder nahmen bisher am Training zur Verbesserung dieser Kompetenzen teil. Derzeit werden zwölf Vorschulkinder in sechs Kitas gefördert. Häufig komme es vor, dass in einer Gruppe mit 15 Mädchen und Jungen ein Kind betroffen ist; Mädchen und Jungen gleichermaßen. Oft sind es Kinder, denen es an Einfühlungsvermögen fehlt und die den Gefühlen anderer nicht gut Beachtung schenken können. Es sei für Kinder im Vorschulalter wichtig, diese Empathie zu erlernen, betont Meylan. Nach einer ausführlichen Diagnostik schließt der Mentor mit dem jeweiligen Kind einen Ausbildungsvertrag zum "Gefühlsdetektiv", erzählt Annett Meylan, und zwar stets nur mit Zustimmung der Eltern. In ihrer "Ausbildung" lernen die Kinder beispielsweise, welche Gefühle es gibt und was diese bedeuten. Am Ende des einjährigen Trainings erhält das Kind eine Urkunde. Da das Projekt wissenschaftlich begleitet wird, kann Annett Meylan von Änderungen im Verhalten der Kinder berichten. "Sie ärgern sich deutlich weniger, unterstellen anderen weniger negative Absicht und handeln konstruktiver." So möchte Paul, frisch gebackener Gefühlsdetektiv, die Sandburg gemeinsam mit den anderen wieder aufbauen und sich nicht darüber streiten. "Generell können wir sehen, dass die Gefühlsdetektive weniger aggressives Verhalten zeigen und mehr Kompromisse eingehen können", so Meylan.

Für seine Arbeit erhielt der Verein Huckepack bei einem Kongress den Fit4future-Award ( fit für die Zukunft) in der Kategorie "Bestes vorgestelltes Präventions-Projekt". Annett Meylan: "Ziel des Vereins ist vor allem die Vorbeugung. Werden solche Probleme frühzeitig erkannt, so ersparen wir es diesen Kindern, später in der Schule zum Klassenclown oder Außenseiter zu werden." Insgesamt wirken sich geringe soziale Kompetenzen dann über die gesamte Lebensspanne aus, auch ein geringeres Einkommen und eine höhere Wahrscheinlichkeit von Verhaltensauffälligkeiten seien oftmals die Folge, erläutert Meylan. Der Aufwand, der nötig ist, diese Probleme zu lösen, wird im Verlauf von Kindheit und Jugend immer größer. Deshalb sei das Vorschulalter das ideale Zeitfenster, um die Kinder zu stärken. "Wer früh lernt, mit anderen gut auszukommen und Konflikte positiv zu lösen, hat gute und stabile Beziehungen zu anderen und kann lernen, in sich selbst zu vertrauen. Je früher Kinder dies lernen, desto besser", betont sie.

Das verdeutlich ein Zitat der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren auf der Vereins-Internetseite: "Ich will, dass jedes Kind, Junge oder Mädchen, selbstständig wird. Kinder sollen erfahren: Man kann so viel Macht haben wie Pippi, aber nicht mit Raufen."

www.huckepack-kinderfoerderung.de

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