Wenn Kleingärtner ihre Parzellen verlieren

Nach 113 Jahren hat die Anlage "Luisenhöhe" aufgehört zu existieren. Obwohl die Auflösung nicht freiwillig war, gibt es den Verein noch - mit neuen Zielen.

Schloßchemnitz.

Ohne Wehmut geht es nicht. Denn Heiko Dittrich ist Kleingärtner mit Leib und Seele, aber seit zwei Jahren ohne eigene Parzelle. Dabei steht seine einstige Laube noch, ist für ihn jedoch unerreichbar geworden.

Schon als Kind war der heute 49-Jährige von seiner Oma oft mit in ihren Kleingarten in Limbach-Oberfrohna genommen worden und begann sich dort dafür zu interessieren. Nach dem Umzug nach Chemnitz im Jahr 2000 wurden seine Frau und er dann selbst Kleingärtner im Verein "Luisenhöhe" an der Leopoldstraße. Als der Verein 2004 100-jähriges Bestehen feierte, schrieb Dittrich mit an der Chronik und kam dadurch zur Chronik-Arbeitsgruppe des Stadtverbandes der Kleingärtner, die er seit einigen Jahren leitet.

In seinem Kleingartenverein, zu dem in Spitzenzeiten 45 und zuletzt noch 18 Gärten gehörten, wurde der gelernte Bürokaufmann zunächst stellvertretender Chef und später Vorsitzender. Doch die Fläche der Anlage, die sich auf privatem Land befand, wurde für deren Eigentümer zunehmend als Bauland für Einfamilienhäuser attraktiv. Von 2012 bis 2017 wurden die 18 verbliebenen Gärten daher zurückgebaut - bis auf zwei Lauben, die von den neuen Grundstücksbesitzern als Gartenhäuser weitergenutzt werden. Eine davon ist Dittrichs frühere Laube.

Die Kleingärtner seien nach der dafür in Sachsen geltenden Richtlinie entschädigt worden, berichtet der 49-Jährige, der heute Mitarbeiter im Stadtverband der Kleingärtner ist. "Das ist alles ordnungsgemäß gelaufen." Etwa die Hälfte der Vereinsmitglieder habe das Hobby aus unterschiedlichen Gründen, meist altersbedingt, aufgegeben. Die anderen hätten die ihnen angebotene Umzugspauschale genutzt und sich neue Kleingärten in anderen Chemnitzer Anlagen gesucht. 113 Jahre nach ihrer Gründung hörte die "Luisenhöhe" damit auf, als Kleingartenverein zu existieren. Dessen Vorsitzender hilft seitdem seiner Schwiegermutter in deren Garten.

Doch da gab es auch noch Rücklagen des Kleingartenvereins aus Mitgliedsbeiträgen und der Entschädigung, die er für vereinseigne Anlagen, wie Wege, Zäune, Leitungen und den Schaukasten, erhalten hatte. "Dieses Geld durfte laut unserer Satzung nicht an die Mitglieder ausgezahlt werden", erklärt Dittrich. Daraufhin hätten die Mitglieder dem Vorschlag des Vereinsvorstandes zugestimmt, den Kleingartenverein in einen Förderverein für das Chemnitzer Kleingartenwesen umzuwandeln. Mit dem vorhandenen Geld aus Rücklagen und Entschädigung für die Gemeinschaftsanlagen sowie weiteren Summen, die von Förderern und Sponsoren eingeworben werden, unterstützt der Förderverein Projekte anderer Kleingartenvereine. Die Erarbeitung der neuen Satzung und die Eintragung ins Vereinsregister laufen noch. Trotzdem wurden bereits erste Projekte mit je 750 Euro bezuschusst: so ein Begegnungsgarten für Senioren aus dem benachbarten Pflegeheim in der Anlage "Höhensonne" in Ebersdorf und ein Garten für Kinder in der Anlage "Süd-Ost" in Gablenz.


Stadtverband feiert 100-jähriges Bestehen

Mit dem 8. Ball der Kleingärtner feiert der Stadtverband Chemnitz der Kleingärtner am heutigen Freitag sein 100-jähriges Bestehen. Dazu werden am Abend insgesamt 500 Teilnehmer und Ehrengäste in der Mensa der Technischen Universität erwartet. Neben einem Unterhaltungsprogramm und Tanz sind Auszeichnungen verdienter Kleingärtner vorgesehen.

Bereits im Jahr 1818 waren die ersten Pachtverträge für 18 Kleingärten auf dem Anger, dem Gebiet zwischen heutiger Straße der Nationen, Brückenstraße, Mühlenstraße und Georgstraße, abgeschlossen worden. 1859 wurde als erster Verein die Einkaufs- und Liefergenossenschaft Erzgebirgischer Gartenbauverein in Chemnitz gegründet. 1868 folgte der 1. Naturheilverein Jungborn Reichenhain. Am 10. Juli 1919 schlossen sich 15 Vereine zum Verband der Kleingartenvereine in Chemnitz und Umgebung zusammen. Gegenwärtig zählt der Stadtverband 180 Vereine mit insgesamt rund 15.000 Kleingärten.

Anlässlich des Jubiläums erscheint am heutigen Freitag ein von einer Arbeitsgruppe seit 2016 gestalteter Bildband (Foto: Heiko Dittrich) mit mehr als 600 Fotos aus allen 180 Kleingartenvereinen der Stadt. Er wird für 15 Euro ausschließlich in der Geschäftsstelle des Stadtverbandes in der Augustusburger Straße 189 verkauft. (mib)

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