Wie Chemnitzer aidskranken Kindern helfen

Eine sächsische Stiftung engagiert sich in den Armenvierteln von Südafrika, deren Bewohner schon vor ihrer Geburt scheinbar verloren sind. Warum jetzt eine Firma aus Chemnitz dabei ist - und was das mit den Ereignissen 2018 in der Stadt zu tun hat.

Kurz nach den Chemnitzer Ereignissen im Spätsommer 2018 saßen in den Räumen der Marketingagentur Zebra auf dem Kaßberg etwa 20 Unternehmer und Kreative zusammen, um zu überlegen, wie Chemnitz gegensteuern kann. Wie sie ein Gegenbild zum braunen Mob mit Hitlergruß zeichnen können, von dem außerhalb der Stadt Glauben gemacht wurde, das sei Chemnitz. Vier Tage nach der ersten Demonstration mit rechtsextremer Beteiligung war die Aktion "Chemnitz ist weder grau noch braun" ins Leben gerufen. Die Zebra-Geschäftsführer Jörg Fieback und Thomas Pfefferkorn hatten den Anstoß zur gemeinsamen Kampagne gegeben. So schwerwiegend der Todesfall des 35-jährigen Daniel H. und die anschließenden Ausschreitungen waren, so deutlich in Formulierung und Gestaltung fiel diese plakative Gegenreaktion aus. Auf riesigen Bannern war der Schriftzug zu lesen.

Mit ihrer Initiative haben die Unternehmer etwa eine Viertelmillion Euro eingesammelt. Damit wurden in überregionalen Zeitungen ganzseitige Anzeigen finanziert - eben mit der Botschaft "Chemnitz ist weder grau noch braun". Außerdem fließt Spendengeld in demokratiefördernde Projekte. Die Kampagne, die bei Zebra begann, wird nunmehr vom Industrieverein und dem Verein Kreatives Chemnitz getragen. Sie war in kurzer Zeit zum Erfolg geworden, sagt Jörg Fieback heute. Und jetzt? Was kommt danach? Diese Fragen trieben die Agentur-Chefs einige Wochen um - ein Projekt suchend, "das wir unterstützen können und die Welt ein bisschen besser macht", sagt Fieback. Ein Treffen in Leipzig am Rand der Verleihung der "Goldenen Henne", einem deutschen Publikums- und Medienpreis, sollte die Antwort geben.

Viola Klein hat Jörg Fieback von dem Hilfsprojekt Hope Cape Town erzählt. Vor der Wende Kindergärtnerin, heute Chefin eines 275-Mitarbeiter-Unternehmens in der IT-Branche, ist Klein der Kopf der deutschen Hope-Kapstadt-Stiftung. Diese ist in den 18 Townships von Südafrika unterwegs - im Armenhaus der Ärmsten, wo Zehntausende Menschen leben - eher hausen als wohnen. Ein Großteil von ihnen sind Kinder, viele Waisen, HIV-positiv, deren Mütter Aids hatten und deren Zukunft schon vor der Geburt verloren schien. Hope - in Südafrika im Jahr 2000 von dem deutschen Pfarrer und Seelsorger Stefan Hippler gegründet - kümmert sich um die Kinder und ihre Eltern, will Infrastrukturen in den Townships schaffen, um die Menschen mit lebensrettenden Medikamenten zu versorgen, klärt über Aids und Verhütungsmethoden auf, bildet Gesundheitsarbeiter sowie medizinisches Personal aus, damit Menschen, die aus der Region kommen, helfen können.

Um diese Projekte zu finanzieren, veranstaltet Viola Klein jährlich eine Hope-Gala mit Showprogramm, Prominenz und möglichst spendenfreudigen Gästen. Mehr als 1,5 Million Euro kamen auf diese Weise seit 2006 zusammen.

Über all das - die Situation in den Townships, die Perspektivlosigkeit der kranken Kinder und das Engagement der Stiftung - erzählt Klein mit einer Leidenschaft, die die Zebra-Geschäftsführer beeindruckt und angesteckt hat, sagt Fieback. Für die Entscheidung mitzumachen, habe er nicht lange gebraucht. Seit Ende vergangenen Jahres ist Zebra bei Hope im Boot. Die Agentur will der Stiftung ein professionelles Marketing geben. Kleins Leidenschaft in Worten will Zebra in Bilder umsetzen. Bilder, die ans Herz gehen und zugunsten der Kinder in Südafrika manches Portmonee in Sachsen öffnen sollen. Mehrere Filme sowie ein 72-seitiges Magazin, das zur nächsten Hope-Gala am 16. November vorliegen soll, entstehen dafür.

Fieback reiste mit einem vierköpfigen Film- und Redaktionsteam für sieben Tage in die Townships, um über die Schicksale der Kinder und die Geschichte der Hope-Stiftung zu erzählen. Im Film zu Wort kommen die Oma, die in einer Blechhütte ihr Enkelkind aufzieht, nachdem dessen Mutter erschossen worden war; ebenso wie Ärzte und Sozialarbeiter, die jeden Tag gegen den Tod im Camp kämpfen.

Die ersten Begegnungen waren für die Chemnitzer schwer zu verarbeiten, sagt Fieback: "Dort herrscht keine Armut. Das ist bitterstes Elend." Er wolle mithelfen, den Kindern einen Anschluss ans Leben zu ermöglichen, die im Armenviertel leben, wo Vergewaltigung, Drogenkriminalität und Mord an der Tagesordnung seien. Ihre Leistung versteht die 110 Mitarbeiter zählende Marketingagentur, die sonst für Krankenkassen, Stromversorger oder Radiosender überregionale Werbekampagnen gestaltet, als Spende, laut Fieback im Wert von etwa 50.000 Euro. Etwa zehn Zebra-Mitarbeiter seien am Hope-Projekt beteiligt gewesen.

Zu ihnen gehört Dörte Wahn-Neubert vom Projekt-Management. Sie hatte sich Anfang März sofort gemeldet, als die Frage stand, wer bei der Hope-Kampagne dabei sein will, sagt sie. Warum? "Mich hat gereizt, bei solch einem internationalen Projekt dabei zu sein." Imponiert habe ihr das Engagement der Helfer vor Ort. "Vor dem Chemnitz-Hintergrund hinterfragt man schon: Was ist los in der Welt? Wo ist mein Part?", so Dörte Wahn-Neubert.

Viola Klein, die Unternehmerin und Stiftungschefin, räumt ein, dass die Außendarstellung bislang nicht zu den Stärken von Hope gehörte. Die Zebra-Agentur helfe "genau dort, wo wir eine große Lücke hatten". Der Film - eine Mischung aus Information und Emotion - treffe genau das, was Hope ausmacht, sagt Viola Klein. Und Jörg Fieback hofft, mit dieser Kampagne auch ein Zeichen aus Chemnitz zu senden.

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