Wie der Holocaust Chemnitzer Jugendliche bewegt

Schüler haben an einem Wettbewerb der amerikanischen Partnerstadt Akron teilgenommen und mehrere Preise gewonnen. Eine Kunstexpertin ist von den Arbeiten überrascht - in mehrfacher Hinsicht.

Ein Junge ist an einem Stacheldraht aufgehängt, sein Kopf ist geneigt, die Hände greifen nach dem Draht, der seinen Körper umschlingt. Unter ihm verlaufen Schienen zu einer Mauer, im Hintergrund ist die Silhouette eines Konzentrationslagers zu erkennen. Die Radierung, die in Schwarz-Weiß einen jüdischen Jungen zeigt, gehört zu den Arbeiten, die Chemnitzer Schüler für einen Kunst- und Literatur-Wettbewerb zum Thema Holocaust einreichten, den die Chemnitzer Partnerstadt Akron im US-Bundesstaat Ohio veranstaltet hat. Die 30. Auflage stand unter dem Titel "Lehren des Holocaust: Das Leben der Kinder".

20 Stunden nach der Demonstration der rechtspopulistischen Vereinigung Pro Chemnitz vor dem Karl-Marx-Monument, während der mehrfach der Hitlergruß gezeigt worden war, wurden am Dienstag in den nur wenige Hundert Meter entfernten Kunstsammlungen Schüler geehrt, die sich intensiv mit dem Holocaust und dessen Auswirkungen auf die Jüngsten beschäftigt haben. Mädchen und Jungen seien auch heute Krieg und Zerstörung ausgesetzt, sagte Viola Weigel, in den Kunstsammlungen für die Sammlung Malerei und Plastik zuständig. "Sie leiden unter der Flucht in ein anderes Land und unter Vorurteilen und Misstrauen gegenüber ihrem Heimatland." Sie sei überrascht gewesen, wie einfühlsam, aber auch wie klar und deutlich sich die Schüler mit dem Holocaust auseinandergesetzt haben. Und auch mit ihrer Heimatstadt, denn ein Gemälde zeigt die alte Chemnitzer Synagoge, die von den Nazis in der Pogromnacht im November 1938 verwüstet und in Brand gesteckt wurde.

Die Bilder, oft in düsteren Farben, erzählen von Leid und Schmerz und Trauer. Sie zeigen Tränen. Die Chemnitzer Kinder und Jugendlichen haben jüdische Kinder und Jugendliche fast ohne Hoffnung gemalt. Um sich mit dem Thema künstlerisch auseinanderzusetzen, konnten die Schüler die Kategorien Bildende Kunst, Literatur und Multimediale Präsentation wählen. Die Jugendlichen aus Montessorischule und Agricolagymnasium gaben ihre Beiträge überwiegend im Bereich Bildende Kunst ab. Sie gewannen vier erste Plätze, jeweils einen zweiten und dritten Platz und sie heimsten mehrere lobenswerte Erwähnungen ein. Viola Weigel war überrascht von der Vielfalt der Wettbewerbsbeiträge. Das spreche für die Schulen und ihre Kunsterziehung. "Die Techniken, mit denen die Schüler arbeiteten, wurden sehr bewusst ausgesucht", sagt sie.

Über zwei Preise konnte sich Ngoc Anh Phan freuen. Die 18-jährige Abiturientin vom Agricolagymnasium hatte sich mit der Geschichte eines jüdischen Mädchens beschäftigt, das sich mit seiner Familie vor den Nazis verstecken musste. Inspirieren ließ sich die Chemnitzerin zudem von Geschichten, die im Konzentrationslager in Theresienstadt geschrieben wurden. In ihrem Bild hockt das Mädchen auf dem Boden, das Gesicht versteckt, Dunkelheit ist um sie herum. Doch da sind auch ein paar goldene Schmetterlinge, die Ngoc Anh Phan mit Gold-Acryl gezeichnet hat. "Sie sollen leuchten und so Hoffnung symbolisieren." Mit ihrer Arbeit gewann sie nicht nur den ersten Preis der Jury in ihrer Altersklasse. Die Jugendlichen aus Akron zeichneten sie auch mit dem Schülerpreis ihrer Stadt aus. "Ich bin über beide Preise glücklich", sagt Ngoc Anh Phan.

Ebenfalls einen ersten Preis gewann Letizia Fabienne Schönau in der Altersklasse der Fünft- bis Achtklässler. Unter dem Titel "Looking for safety" (Nach Schutz suchen) hatte die Schülerin der Montessorischule mit ihrer Radierung ein weinendes jüdisches Kind dargestellt, das bei seinen Eltern Schutz sucht. Während des Holocaust seien Menschen aufgrund ihrer Religion abgestempelt worden, sagte die Achtklässlerin. In Klasse 5 habe sie begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Dass sie bei dem Wettbewerb in den USA einen Preis gewinnt, noch dazu den ersten, damit habe sie nicht gerechnet, so die Schülerin. "Ich bin da ohne Erwartungen rangegangen", sagte sie.

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