Wie die Industrie der Stadt von Zuwanderern profitierte

Der Geschichtsverein stellt ein brandaktuelles Buch vor: "Wahlheimat Chemnitz" macht deutlich, dass Migration kein neues Phänomen ist und auch nicht den "Untergang des Abendlandes" bedeutet, wie der Vereinschef sagt.

Richard Hartmann, einer der bedeutendsten Chemnitzer Industriellen, stammte aus dem Elsass. Evan Evans, Maschinenbauer und Spinnereibesitzer, wurde in Wales geboren. David Gustav Diehl, auf den die Gründung der ältesten noch bestehenden Werkzeugmaschinenfabrik Deutschlands, der Union, zurückgeht, kam ebenfalls aus dem Elsass. Johann Zimmermann, Begründer des deutschen Werkzeugmaschinenbaus in Chemnitz, stammte aus Ungarn. Dass sich in der Stadt die Textilindustrie besonders gut entwickelte, geht auf griechische Kaufleute zurück, die Mitte des 18. Jahrhunderts nach Chemnitz kamen. Als 1731 Salzburger Protestanten ihre Heimat verlassen mussten und durch Chemnitz zogen, wurden sie hier wohlwollend begrüßt und unterstützt - eine frühe Form der Willkommenskultur aus humanitären und aus egoistischen Gründen.

Dies sind nur einige Beispiele aus dem Buch "Wahlheimat Chemnitz: Migration als historisches Phänomen", das der Chemnitzer Geschichtsverein am Dienstagabend im Staatlichen Museum für Archäologie Smac erstmals der Öffentlichkeit vorstellte. Die Autorinnen und Autoren haben bereits seit fünf Jahren an dem Buch gearbeitet- dass sein Thema gerade jetzt höchst aktuell ist, macht es umso wichtiger. Jens Beutmann, der Vorsitzende des Geschichtsvereins, verwies bei der Buchpräsentation darauf, dass Migration aus nah und fern - auch Preußen und Bayern galten bis 1871 in Sachsen als Ausländer - ein altes Phänomen sei. Und die Integrationsbemühungen von Menschen aus Dörfern der näheren Umgebung in Chemnitz dürften kaum weniger mühsam gewesen sein als die der weiter Gereisten. Weder die mittelalterlichen Städte noch die vom Dreißigjährigen Krieg zerstörten Orte hätten sich ohne Zuzug entwickeln können. Die Autoren schreiben in elf Kapiteln sachlich über Facetten und Ereignisse der Migration.

Wolfgang Uhlmann hat sich besonders der Förderer der Industrie angenommen, die nach Chemnitz kamen. Uwe Fiedler beschreibt die Einwanderung nach dem Dreißigjährigen Krieg. Helmut Bräuer hat über Salzburger Emigranten geforscht, die für einige Zeit in der Stadt Station machten. Sebastian Liebold beschreibt das durchaus nicht immer einfache, aber folgenreiche Wirken griechischer Baumwollhändler in Chemnitz. 1953 kamen noch einmal griechische Kinder nach Chemnitz - auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land. Darüber schreibt Uwe Müller. Dominik Twillemeier hat die Situation ungarischer Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter in Karl-Marx-Stadt erforscht. Stephan Pfalzer ging tragischen Schicksalen nach: "Begraben in einem fremden Land - Zu Kriegssterbefällen in Chemnitz". Ilja Kogan und Olaf Glöckner berichten über russischsprachige Juden in Chemnitz in den vergangenen 25Jahren.

All dies ging nicht konfliktlos vonstatten, räumte Jens Beutmann ein. Aber mit den Fremden "kamen immer auch neue Ideen, die die Stadt vorangebracht haben". Und die Zuwanderung in einen Ort sei ja immer auch eine Art Auszeichnung für diesen Ort. Er wünsche sich deshalb, dass dem Thema Migration heute mit etwas mehr Gelassenheit begegnet werde: "Migration ist nichts, wovor man Angst haben müsste, sie ist auch nicht der Untergang des Abendlandes."

Das Buch "Wahlheimat Chemnitz: Migration als historisches Phänomen" ist im Archäologiemuseum und im Chemnitzer Buchhandel für 14,25 Euro erhältlich.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 2 Bewertungen
10Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    3
    Einspruch
    23.09.2019

    Blackadder, denken Sie auch an die Gefahr Ihrer Hybris, wenn Sie allen anderen ein kleines Weltbild unterstellen? Nur mal so. War ein Witz, ich schreib es extra ran.
    Kürzlich habe ich ein Sammelsurium von Witzen im Netz gefunden, die nur von intelligenten Menschen verstanden werden. Also so gesehen meine Hochachtung. Aber die Witze wurden auch alle extra erklärt....

  • 3
    5
    Blackadder
    23.09.2019

    Ich möchte dem Chemnitzer Geschichtsverein, allen voran natürlich Wolfgang Uhlmann danken, die seit Jahrzehnten unermüdlich zur Chemnitzer Wirtschafts- und Sozialgeschichte forschen und zu vielen neuen Erkenntnissen geführt haben. Hier ruht ein schier unendlicher Wissensschatz, den die Chemnitzer schätzen sollten, anstatt über Erkenntnisse zu lästern, die nicht in ihr (kleines) Weltbild passen.

  • 3
    7
    Interessierte
    23.09.2019

    Schon unglaublich , was man uns hier mit aller Macht einreden will , so schlimm war es nicht einmal ´in alten Zeiten`....

  • 3
    1
    Nixnuzz
    23.09.2019

    Hmmppff - hier sollte das Ergebnis meiner sonntäglichen Spätschicht stehen! Na gut - Mich hat der Kurzschluss: "Moslems und Afrikanern" etwas genervt. Moslems können Afrikaner sein - und die sich nicht unbedingt in ihrer Mentalität hier positiv hervortun - aber Moslems ein wesentlicher Bestandteil Vorderasiens und Afrikas sind und damit z.B. mit annähernd 4 Millionen aus "Erdogan-Country" uBRD bevölkern. Sehen wir nur die kritischen Ausreisser oder betrachten wir diese nur als die Spitze eines sich gleichartig-negativ-verhaltenden Menschen-Eisberges?
    @994374: 1 grüner..

  • 5
    2
    994374
    22.09.2019

    Man muss dem Autor dankbar sein: Der Artikel ist ein deutliches Beispiel für den Vergleich von Äpfeln und Birnen.
    So begreift es auch jeder „Nicht-Hochbegabte“.
    Hartmann, Evans, Diehl, Zimmermann und die „Griechen“ sind so etwas wie die Steve Jobs (Apple), Bill Gates (Microsoft), Zuckerbergs usw. des 19. Jahrhunderts.
    Dagegen bin ich schon glücklich, wenn ich bemerke, dass sich in vergleichbarer Häufigkeit Gastronomen und Händler aus der weit größeren Anzahl Zuwanderer heraus heben, von denen in diesem Artikel aber nicht die Rede ist.

  • 4
    2
    Einspruch
    22.09.2019

    Nixnuzz, warum kommen Sie jetzt wieder mit dieser albernen Arier Keule?
    Sie wissen genau, das es so nicht gemeint war. Ich glaube, wir hatten kürzlich schon mal darüber diskutiert, in welchem Umfang Anders sein eine Bereicherung sein kann. Und was die Toleranz der Einwanderer zu den hiesigen Gepflogenheiten betrifft, ist es nun mal so, das es bei zumindest europäischen Wurzeln mehr Anpassungswille und weniger Schwierigkeiten zu geben scheint. Das sind Erkenntnisse auch aus dem Arbeitsalltag. Ausnahmen bestätigen die Regel.

  • 5
    5
    Nixnuzz
    22.09.2019

    Uuuupps! - das muss ich erstmal verdauen! Ich stell mir mal vor, ein Düsseldorfer Unternehmer siedelt mit Sack, Pack und Unternehmen nach Freithal über. Sein historisch-begründerter, weit in die Historie reichender Familiengeburtsort ist Neandertal. Muss der zur örtlichen Anmeldung den DNA-Beweis seines katholischen Glaubens vorlegen? Und dann noch mittelgroß, schwarze Lockenhaare und eine hervorragendes Riechorgan! Entsetzlich! Mein ehemaliger Chef sieht so aus - stammt aus einer uralten sauerländischen Bauernsippe...Fangen wir jetzt wieder mit der Aufstellung des bei manchen bekannten/vorliegenden Arier-Ausweises an?"!

  • 5
    5
    Einspruch
    22.09.2019

    Hkrems, die Migranten aus Preußen und Bayern nach z.B. dem 30 jährigen Krieg wollen Sie wohl ernsthaft mit Moslems und Afrikanern vergleichen? Da gibt es schon riesige Unterschiede. Griechen und Ungarn sind uns auch viel näher und ähnlicher als Moslems und Afrikaner. Das brauch man sicher nicht erklären, denke ich.

  • 8
    7
    hkremss
    21.09.2019

    @Einspruch: Warum ist der Vergleich Blödsinn? Begründen sie das doch bitte. Oder ist das nur so ihre Meinung?

  • 10
    8
    Einspruch
    19.09.2019

    Äpfel und Birnen, immer wieder. Diese Migration mit der heutigen zu vergleichen ist einfach Blödsinn.



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