Wie eine Frau ehemaligen Häftlingen ihre Namen zurückgibt

Das Ehrengrab von Opfern aus DDR-Gefängnissen verfügt nun über eine Gedenktafel. Dafür sorgte eine Ex-Insassin.

Bernsdorf.

Wenn Rosel Werl auf die neue Namenstafel auf dem städtischen Friedhof in Chemnitz blickt, sei sie tief bewegt, sagt sie. Am Donnerstagvormittag sind den 136 dort bestatteten Opfern, die in den Gefängnissen Hoheneck und Waldheim zwischen 1950 und 1954 unschuldig zu Tode kamen, ihre Namen zurückgegeben worden. Initiiert wurde die Einweihung der Namenstafel von der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) - und von Rosel Werl, die vor 36 Jahren selbst Gefangene des Frauengefängnisses Hoheneck war.

Die Bestatteten seien Verurteilte der Sowjetischen Militär-Tribunale und Internierte, die aufgrund ihrer politischen Gesinnung eingesperrt wurden - ohne Verteidiger oder Beweisführung, berichtet Werl. Nach Kriegsende seien rund 1100 Frauen, darunter etliche schwangere, zur weiteren Verbüßung ihrer Strafe der DDR-Justiz und dem Frauenzuchthaus in Hoheneck übergeben worden. Ihre Kinder wurden ihnen weggenommen, Tote eingeäschert und in Urnen auf dem Dachboden der Haftanstalt eingelagert. Gemeinsam mit den zwischen 1950 und 1952 in der Haftanstalt Waldheim ums Leben gekommenen Gefangenen wurden sie in einem Gemeinschaftsgrab des Chemnitzer Friedhofs beigesetzt - bis zum Donnerstag anonym. "Ich bin froh, dass die Namen wieder da sind, wo sie hingehören", sagt Werl. Die 68-jährige Thüringerin gedenkt an diesem Tag nicht nur der verstorbenen Kameraden, sondern erinnert sich auch an ihre Zeit in Hoheneck.

Als sie 1978 in den Urlaub nach Ungarn fuhr, verliebte sie sich - in einen Westdeutschen. Die beiden wollten heiraten, die DDR-Bürgerin Werl stellte mehrere Ausreiseanträge, alle wurden abgelehnt. Die junge Frau schrieb an Botschaft und Ministerien, im Mai 1982 auch an den DDR-Innenminister. Den Brief brachte sie persönlich zur Post. Das habe die Stasi zum Anlass genommen, neben Bespitzelungen auch ihre Wohnung zu durchsuchen und sie im Juni 1982 zu verhaften, so Werl. Im November wurde sie wegen landesverräterischer Nachrichtenübermittlung zu zwei Jahren und drei Monaten Haft in der Frauenhaftanstalt Hoheneck verurteilt.

Im Zuge des Freikaufs durch die Bundesregierung kam auch Werl im August 1983 frei. "Vergessen wollte ich das Unrecht nie, das geschehen war", sagt die heute 68-Jährige. Sie heiratete ein Jahr später den Mann, für den sie ins Gefängnis gegangen war, zog nach Baden-Württemberg, gebar einen Sohn - und wurde Mitglied der VOS in Stuttgart. "Dort traf ich auf Benno Prieß, der mich inspiriert hat", erzählt sie. Prieß, seinerzeit selbst Internierter im Gefängnis Waldheim, hatte 1993 gemeinsam mit anderen früheren Insassen aus Waldheim und Hoheneck bewirkt, dass das anonyme Gemeinschaftsgrab auf dem Chemnitzer Friedhof als Ehrengrab geweiht wurde.

Sehr viel später und "mit sehr viel Glück", wie sich Rosel Werl erinnert, fiel Prieß eine Liste mit den Namen der Toten zu. Daran habe sie sich erinnert, als sie im Auftrag der VOS im thüringischen Untermaßfeld ein Grab mit Namenstafel fand. "Ich dachte mir: So etwas brauchen wir in Chemnitz." Daraufhin habe sie gemeinsam mit der Stiftung Sächsische Gedenkstätten dafür gearbeitet, die Geschichte der Verstorbenen zu rekonstruieren und Hinterbliebene ausfindig zu machen.

Am Donnerstag folgten jene Hinterbliebene ebenso wie 30 ehemalige Häftlinge aus Waldheim und Hoheneck der Einladung des VOS nach Chemnitz. Weitere Redner, darunter Vertreter von Opferverbänden sowie Bundestags- und Landtagsabgeordnete, sprachen Gedenkworte. VOS-Bundesvorstand Hugo Diedrich fand zum Abschluss auch mahnende Worte: "Diktaturen und Extremismus, von links oder rechts, dürfen nie wieder Platz auf deutschem Boden finden."


Hoheneck und Waldheim als Orte des Unrechts

Das Frauengefängnis Hoheneck wurde im Jahr 1862 gegründet. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden durch die Sowjetische Militäradministration Aufgegriffene, die wegen kleinerer Delikte oft ohne ordentliches Verfahren dorthin kamen, gefangen gehalten. Seuchen und Hunger rafften Insassen dahin oder führten zu vorzeitigen Entlassungen. Nach dem Mauerfall erfolgte eine Amnestie für die letzten politischen Häftlinge der DDR. Der Freistaat Sachsen verkaufte das ehemalige Frauengefängnis 2002 an einen Unternehmer. Die angedachte Umnutzung des Areals zu einem Freizeitkomplex scheiterte jedoch, sodass die Stadt Stollberg den Komplex 2014 zurückkaufte und dort 2015 eine Gedenkstätte einrichtete.

Die Justizvollzugsanstalt Waldheim liegt 30 Kilometer nördlich von Chemnitz und wurde 1716 eröffnet. Nach Auflösung der sowjetischen Speziallager wurde das Zuchthaus Waldheim am 9. Februar 1950 mit den Speziallagerhäftlingen belegt. Von April bis Juni 1950 führten Richter im Zuchthaus Waldheim 3385 Schnellverfahren gegen mutmaßliche NS-Verbrecher durch. Der Bundesgerichtshofs beurteilt diese sogenannten Waldheimer Prozesse heute als "krassen Missbrauch der Justiz zur Durchsetzung machtpolitischer Ziele". (sasp)

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