Wie eine heimliche Hochzeit per Zufall ans Licht gekommen ist

Im Industriemuseum wird in einer Ausstellung die Chemnitzer Fotografen-Familie Billhardt porträtiert. Eine 89-Jährige nutzt die Gelegenheit für eine späte Entschuldigung.

Für Thomas Billhardt erfüllt sich am heutigen Donnerstag ein lang gehegter Wunsch. Im Industriemuseum eröffnet die Ausstellung "Fokussiert. Die Fotografenfamilie Billhardt." Der 81-Jährige lebt heute in Kleinmachnow, stammt aber aus Chemnitz. Er wurde zu einem der bekanntesten Fotografen der DDR, hatte Fidel Castro und Salvador Allende vor der Kamera. Vor allem seine Fotos vom Vietnamkrieg wurden berühmt. Doch in seiner Heimatstadt war schon seit langem nichts mehr von ihm zu sehen. Sein Handwerk verdankt Billhardt seiner Mutter Maria Schmid-Billhardt, die ganze Generationen von Familien fotografierte. Sie und Billhardts Kinder Steffen und Katrin werden in der Ausstellung ebenfalls gewürdigt.

Für das Museum hatte "Freie Presse" mit einem Beitrag im Juni dabei geholfen, Fotos zu finden, die Maria Schmid-Billhardt aufgenommen hat, sowie Erinnerungen und Geschichten, die Menschen heute noch mit ihr verbinden. "Mit so vielen Einsendungen hätten wir nicht gerechnet", sagt jetzt Anett Polig, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Industriemuseums. An dem Aufruf beteiligten sich 58 Familien, die insgesamt 150 Fotos einsandten. In der Ausstellung wird jeder Einreichende mit einem Foto vertreten sein. Da einige Personen bis zu zehn Fotografien eingesandt haben, werden die nicht gerahmten Bilder digital präsentiert - integriert in ein Interview mit Thomas Billhardt über seine Mutter. Acht Personen haben auch Erinnerungen an ihren Besuch im Studio der Fotografin aufgeschrieben. Auch diese Geschichten kommen in die Ausstellung. Eine davon hat Ruth Meise beigesteuert.

Sie suchte in ihren Alben nach einem Porträt von sich, das Maria Schmid-Billhardt aufgenommen hatte. Die Mutter der heute 89-Jährigen war 1935 gestorben, als sie erst sechs Jahre alt war. Sie wuchs bei ihrer Großmutter auf, denn ihre Eltern waren nicht verheiratet. "Wie meine Großmutter das Geld zusammengebracht hat, mich von Schmid-Billhardt fotografieren zu lassen, ist mir heute noch ein Rätsel", erinnert sich Meise. Doch als sie nach dem Bild suchte, fiel ihr ein weiteres Foto in die Hände. Es zeigt ein Brautpaar. Schlagartig fiel Meise auch wieder die Geschichte zu diesem Foto ein. Ihr Besuch im Atelier fand 1938 statt. Sie wurde von einer Tante und deren Tochter begleitet. "Ich sehe mich heute noch dort auf dem Stuhl sitzen", sagt Meise. Während sie in Position gebracht wurde, hätten sich ihre beiden Begleiterinnen im Vorzimmer umgesehen und in einem dort liegenden Fotobuch gestöbert. Wieder zurück zu Hause platzten die beiden schließlich mit einer Neuigkeit heraus: Ruth Meises Vater hatte wieder geheiratet. Das Beweisfoto hatten sie in dem Buch gefunden - und heimlich mitgenommen. Meise berichtet, dass ihr Vater sie regelmäßig besucht habe. Aber von einer erneuten Heirat habe er nie gesprochen. Sie habe sich für die Neuigkeit aber auch nicht besonders interessiert. "Meine Großmutter hat sich da mehr aufgeregt", sagt Meise. Erst einige Zeit später habe die Großmutter den Vater darauf angesprochen, sie habe gehört, er habe wieder geheiratet. Der Vater bestätigte das und die Großmutter verriet nicht, woher sie ihr Wissen hatte. Später lernte Meise die neue Frau ihres Vaters auch kennen. "Sie war sehr nett", sagt sie. Die Geschichte mit dem Foto habe sie ihm aber nie erzählt. "Ich möchte mich heute noch bei Herrn Billhardt entschuldigen", fügt Meise hinzu. Zu befürchten hätte sie in keinem Fall etwas: Diebstahl verjährt nach fünf Jahren.

Die Ausstellung "Fokussiert. Die Chemnitzer Fotografenfamilie Billhardt" im Industriemuseum Chemnitz wird am heutigen Donnerstag für geladene Gäste eröffnet und ist ab Freitag bis 2. Dezember öffentlich zugänglich: dienstags bis freitags, 9 bis 17 Uhr, samstags, sonntags, feiertags, 10 bis 17 Uhr.

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