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Wie geht es der Chemnitz heute? Künstler erinnern an Umweltprotest von 1990

„Der Chemnitzfluss soll wieder leben“: Ein Banner mit dieser Aufschrift spannten Umweltschützer zum Ende der DDR über den Fluss. Am Samstag soll die Aktion von damals wieder aufleben.

Chemnitz.

Es war im April 1990 mitten in der Wendezeit. Die DDR erlebte ihre letzten Wochen, als Umweltschützer ein Protestbanner mit der Aufschrift „Der Chemnitzfluss soll wieder leben“ am Neumühlenwehr über den Fluss spannten und mit Schutzmasken darin angelten. Mit ihrer Aktion wollten sie auf die damals verheerende Situation des Gewässers aufmerksam machen.

Ein gleichlautendes Transparent, initiiert durch Künstler des Vereins „Begehungen“, wird vom 19. Juni bis zum 29. September erneut über der Chemnitz hängen – verbunden mit Informationen zur damaligen Aktion und zur Stadtökologie im Jahr 1990 sowie zur Gegenwart.

Die Chemnitz ist im Betonkorsett gefangen

Aber wie geht es der Chemnitz heute? Zuerst die gute Nachricht: Das Wasser und die Tierwelt haben sich in den vergangenen 35 Jahre erholt, was durch den Einbruch der industriellen Produktion nach der Wende wenig verwunderlich ist. Dazu kommt, dass in den vergangenen Jahren fast alle Häuser an die zentrale Kanalisation angeschlossen wurden.

Trotzdem kann man nicht von einem natürlichen Gewässer sprechen: Die Chemnitz ist längst kein typischer Mittelgebirgsfluss mehr. An zahlreichen Stellen gibt es kein natürliches Flussbett, stattdessen wurde der Wasserlauf in einem Betonbett kanalisiert. „Durch den teilweise Sohl- und Uferverbau fehlt der typische Wechsel verschiedener Strömungsmuster sowie die strukturelle Vielfalt. Dadurch wird der natürliche Lebensraum für Wasserpflanzen und –tiere eingeschränkt“, erklärt Falk Hofer, Sprecher des Landesumweltamtes.

Zumindest bei den Fischen hat sich die Lage gebessert. Entscheidend für die „Güte“ einer Fischpopulation sei dabei nicht die Anzahl der vorkommenden Fischarten. „Vielmehr ist es wichtig, dass die Fischarten für den Lebensraum optimal angepasst sind“, sagt Hofer.

Die Chemnitz entspricht in ihrem Oberlauf der sogenannten Äschenregion eines Flusses, der Unterlauf ist Barbenregion. „In der Barbenregion der Chemnitz hat sich die namensgebende Barbe außerordentlich positiv entwickelt. Sie ist dort inzwischen, dem Leitbild entsprechend, dominant.“ Positiv ist laut Hofer auch die Zunahme und Stabilisierung der Bestände der Bachforelle und der Elritze.

In ihrer Äschenregion fehlt die namensgebende Fischart immer noch. „Äschen sind aus verschiedenen Gründen europaweit gefährdet. Die Ursachen liegen nicht in der Gewässergüte der Chemnitz“, sagt der Sprecher.

Der chemische Zustand des Flusses

Auch bei der Wasserqualität gibt es gute und schlechte Nachrichten. Der Sauerstoffgehalt, der pH-Wert sowie die Werte für Sulfat und Chlorid sind wieder in für einen Mittelgebirgsfluss typischen Bereichen. Bei Ammonium- und Nitrit-Stickstoffen aus Landwirtschaft und Abwasser ist laut Landesumweltamt ein abnehmender Trend erkennbar. Bei Phosphorverbindungen, ebenfalls resultierend vor allem aus der Landwirtschaft, werde der Orientierungswert in der Regel nicht erreicht. Die erhöhten Konzentrationen können zu starkem Algenwachstum führen.

Die Belastung von Schadstoffen wie Para-Dichlordiphenyltrichlorethan ist rückläufig. Dabei handelt es sich um ein Insektizid, dessen Anwendung in den 1970er-Jahren verboten wurde. Die Chemikalie hat sich allerdings im Sediment abgelagert. Im Gewässer ist es gelöst nachweisbar, sobald große Mengen belasteten Sediments vorhanden sind und bewegt werden. Das war zuletzt der Fall, als das alte Betriebsgelände des VEB Fettchemie saniert wurde.

Investitionen in Kläranlage gefordert

Aktuell führt im Unterlauf der Chemnitz der Schadstoff Diclofenac zu Problemen, der sich als Schmerzmittel in Salben befindet und eine schädliche Wirkung auf Leber und Nieren von Fischen hat. „Der Stoff wird in Kläranlagen nur zum Teil abgebaut und gelangt so in die Gewässer“, sagt Falk Hofer.

Die höchsten Diclofenac-Konzentrationen konnten in den Trockenjahren 2003, 2018 und 2020 gemessen werden. Sie bewegen sich in der Größenordnung von 1000 Nanogramm pro Liter. Die EU plant einen Wert von 40 ng/l als Umweltqualitätsnorm festzulegen. Deshalb sind Klärwerke in den nächsten Jahren aufgefordert, in entsprechende Filteranlagen zu investieren. (cma)

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