Wie sich ein Sportladen 50 Jahre behauptet

Vater und Sohn leiten einen Laden, den es seit 1969 gibt. In den Jahren kam auch manch skurriler Kunde in das Geschäft.

Ein Geschäft öffnet, ein paar Monate später schließt es wieder. An Fluktuation im Einzelhandel haben sich Kunden in Zeiten des Internethandels gewöhnt. Aber es gibt auch Läden, die bleiben, waren gefühlt immer schon da. Zu ihnen gehört das Sport-Outlet an der Schmidtbank-Passage. Stammkunden wissen: Es ist der Nachfolger des Geschäfts "Tourist", das von 1969 bis zum Umzug 2011 an der Zwickauer Straße zu finden war.

Ullrich Hartig leitet den Laden seit 1975. Damals suchte die Handelsorganisation (HO) einen neuen Filialleiter. Hartig, gelernter Verkäufer, sportbegeistert und 23 Jahre alt, bekam die Stelle. "Damals gab es nur wenige männliche Geschäftsführer", sagt er.


Bis 1990 war er Angestellter der HO. Bis er vom "Gesetz zur Entflechtung des Handels" hörte. Um die HO als Monopol abzulösen, wurden Geschäfte an Antragsteller verkauft. "Kaum einer kannte das Gesetz", erinnert sich Hartig. Darum hätten sich in dieser Zeit nur wenige so wie er selbstständig gemacht. Seitdem führte Hartig das Geschäft unter dem Namen "Tourist" weiter. Bis er 2011 an die Schmidtbank-Passage umzog. Seitdem heißt der Laden nur neudeutsch "Outlet Store". Auch wer des Englischen nicht mächtig ist, weiß, dass das Läden sind, in denen es Markenprodukte zu reduzierten Preisen gibt. Das passe ganz gut zur Einkommens- und Wirtschaftslage in Chemnitz, sagt Christian Hartig. Der 41-jährige gelernte Einzelhandelskaufmann führt den Laden heute gemeinsam mit seinem Vater. Da er jahrelang dabei sei, habe er gute Beziehungen zu Herstellern von Sportartikeln, erklärt Hartig senior. Er bekomme von dort Ware aus der Überproduktion angeboten. 2011 habe es noch viele Sportgeschäfte gegeben, er habe sich von den anderen mit der Outlet-Idee abheben wollen, sagt Ullrich Hartig.

Wer denkt, die 1990er-Jahre waren turbulent und schwierig, wegen der Umstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse, der täuscht sich, zumindest in Bezug auf das Sportgeschäft. "Anfang der 90er-Jahre hat es Milch und Honig geregnet", sagt Ullrich Hartig. Nur drei Sportgeschäfte habe es in der Stadt gegeben, dafür einen großen Nachholbedarf bei den Kunden. DDR-Produkte seien verschleudert worden, "alle wollten Westprodukte". Besonders eine Begebenheit aus der Zeit ist ihm in Erinnerung geblieben. Russen seien im Geschäft aufgetaucht und hätten auf einen Schlag alle Langlaufski inklusive Bindungen und Schuhen gekauft. "Ich hatte an einem Tag 7000 Mark verdient", sagt Hartig und sieht heute noch fassungslos dabei aus. Er vermutet, dass die Kunden von damals die Ausrüstung für einen Verleih gekauft haben oder für einen Verein. Leider sei es bei dem einen Besuch dieser Kunden geblieben, sagt Hartig lachend.

Heute regnet es nicht mehr Milch und Honig. Aber Hartigs Sportgeschäft gibt es immer noch. Nach seinem Erfolgsrezept gefragt, sagt er, ihm sei immer eine solide Finanzierung ohne Kredite wichtig gewesen und er gehe mit Bedacht an Neuanschaffungen heran. "Man muss sich nicht immer gleich das Neueste kaufen", sagt er. Seit einiger Zeit führt er das Geschäft allein mit seinem Sohn. "Die Suche nach Mitarbeitern haben wir aufgegeben", sagt Christian Hartig. Zu enttäuscht sei man gewesen von den Bewerbern, die sich in den vergangenen Jahren präsentiert hätten. Mit seinem Standort an der Schmidtbank-Passage, Ecke zur Straße An der Markthalle, sei er sehr zufrieden, zumal der Eigentümer kürzlich ein vor langer Zeit gemachtes Versprechen wahr gemacht habe und eine Beleuchtung im Durchgang der Passage installieren ließ, sagt Ullrich Hartig. "Miete, Lage und Frequenz sind hier optimal", fasst der 67-Jährige zusammen. Ein Laden direkt in der Innenstadt sei wegen der hohen Mieten nicht zu finanzieren, so Hartig. Der Sportartikel-Discounter De- cathlon in der Innenstadt hingegen sei für ihn keine Konkurrenz. "Das schlägt sich bei uns nicht nieder", sagt Christian Hartig. Decathlon habe einfach eine andere Klientel.

Vater und Sohn sagen, ihr Sportgeschäft sei das älteste in Chemnitz. Eine Nachfrage bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) ergab, dass sich das nicht 100-prozentig nachweisen lässt, aber stimmen könnte. Viele der heute aktiven Sportgeschäfte hätten sich erst nach der Wende etabliert, sagt Bert Rothe, Referatsleiter Handel bei der IHK.

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