Wie sicher ist Chemnitzer City?

Eine Umfrage des Rathauses zeigt: Drei von vier Chemnitzern fühlen sich abends und nachts nicht wohl in der Stadt. Tatsächlich werden vor allem junge Leute Opfer von Gewaltstraftaten. Der Anteil der Täter ohne deutschen Pass ist auffällig hoch.

Wie sicher ist Chemnitzer City?

Für Sie berichtet: Michael Müller

Zuschauerrekord bei den Filmnächten auf dem Theaterplatz, deutlich mehr Besucher beim Parksommer im Stadthallenpark als zur Premiere im Vorjahr, ein mehrtägiger Brauerei- und Streetfoodmarkt mit bis zu 20.000 Besuchern, jeder Menge Bier und - laut Veranstaltern - keinem einzigen nennenswerten Zwischenfall: Das von der Sonne verwöhnte Jahr 2018 hätte ein richtig gutes werden können für Chemnitz und seine nach Belebung heischende Innenstadt. Doch seit den tödlichen Messerstichen gegen einen 35-jährigen Chemnitzer am Stadtfestwochenende und den darauf folgenden Medienberichten wissen ganz Deutschland und die halbe Welt: Viele Chemnitzer begeben sich im Alltag nur noch mit ungutem Gefühl ins Herz ihrer Stadt.

Völlig überraschend ist dieses Stimmungsbild keineswegs. Bereits in einer Umfrage, die das Rathaus im Frühjahr veranstaltet hatte, gaben 44 Prozent der knapp 2700 Teilnehmer an, sich tagsüber in der Stadt unsicher oder sehr unsicher zu fühlen. Für die Nacht fiel die Antwort sogar bei drei Viertel der Teilnehmer derart negativ aus. "Meine Frau getraut sich schon seit zwei Jahren abends nicht mehr allein an die Zentralhaltestelle", schreibt ein erzürnter Leser der "Freien Presse". Verkäuferinnen, die im Zentrum arbeiten, ließen sich nach Feierabend von Kollegen zum Parkhaus begleiten; viele junge Frauen hätten Pfefferspray einstecken. "Auch das ist zur Normalität in den letzten Jahren geworden", so der Leser.

Woher rührt dieses verbreitete Unsicherheitsgefühl angesichts einer seit Monaten erhöhten Polizeipräsenz, eines bis in den späten Abend patrouillierenden Stadtordnungsdienstes, der Aussicht auf umfassende Videoüberwachung noch ab diesem Herbst? Wer sich mit Chemnitzern unterhält oder einschlägige Diskussionen im Netz verfolgt, stößt eher selten auf authentische Erfahrungen mit Kriminalität. Stattdessen auf eine schwer greifbare Melange aus unangenehmen persönlichen Erlebnissen, einem zunehmend multikulturell geprägten Stadtbild, eher diffusen Ängsten, Schlagzeilen aus den Medien und immer neuen Lauffeuern aus aller Welt, die in sozialen Netzwerken die Runde machen.

Da hilft es offenbar wenig, dass die Kriminalstatistik der Polizei eigentlich eine andere Sprache spricht. Zwar entfällt noch immer mehr als jede fünfte Straftat, die sich in Chemnitz ereignet, auf das Stadtzentrum. Doch die Anzahl der dort registrierten Delikte ging zuletzt erstmals seit Jahren wieder zurück - auf ein Niveau, das in etwa dem von 2009 entspricht. Ein tieferer Blick zeigt aber auch: Die Menge der Fälle von Raub, Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und dergleichen (sogenannte Rohheitsdelikte) hat sich seither im Stadtzentrum auf im Schnitt zwei Straftaten pro Tag nahezu verdoppelt. Allerdings zählen dazu auch alle Vorfälle, die sich nicht auf offener Straße ereignen, sondern beispielsweise in Wohnungen, Lokalen, Amtsstuben.

Aber wie sieht es aktuell auf offener Straße aus? "Freie Presse" hat in den acht Wochen vor dem Stadtfest die von der Polizei aus dem Stadtzentrum vermeldeten Raubstraftaten und Körperverletzungen näher ausgewertet. Die Bilanz: Insgesamt 16 Vorfälle in der Öffentlichkeit binnen 54 Tagen; 28 Geschädigte, davon sechs Frauen. Mehrere Opfer mussten ins Krankenhaus. Auffällig ist: Bis auf zwei Ausnahmen ereigneten sich alle Straftaten zwischen 21 Uhr abends und 6 Uhr morgens. Die Hälfte aller Fälle geschah an einem Wochenende.

Bemerkenswert auch: Sowohl auf der Seite der Tatverdächtigen wie auch aufseiten derer, die zu Schaden kamen, finden sich vor allem junge Leute. So waren von den 28 Geschädigten 18 jünger als 3 0Jahre, davon die meisten jünger als 20. Nur vier der bekannten Opfer waren über 40 Jahre alt. Das älteste unter ihnen, ein 59-jähriger Mann, wurde verletzt, als er bei einem Raub an jungen Leuten auf der Schloßteichinsel dazwischenging. Bei dem jüngsten Geschädigten handelt es sich um einen 16 Jahre alten Jugendlichen, der eines Nachts zwischen 2und 3 Uhr zwischen Falkeplatz und Annaberger Straße von Fremden mehrfach geschlagen, getreten und der Geldbörse beraubt wurde.

Nur zwei Jahre älter sind die jüngsten jener Tatverdächtigen, die unmittelbar nach den Straftaten von der Polizei ermittelt und gestellt werden konnten: drei 18-Jährige aus Afghanistan, die für einen Angriff auf ein Pärchen in der Fußgängerunterführung am Hauptbahnhof mitverantwortlich gemacht werden. Auch bei den meisten anderen Fällen mit bekannten Tatverdächtigen wird gegen Männer unter 25 Jahre ermittelt.

Der Blick auf das Geschehen seit Anfang Juli bestätigt in zwei wesentlichen Punkten, was auch die Polizei beobachtet: Bei nahezu der Hälfte der fast 200 Tatverdächtigen, die im vergangenen Jahr zu gefährlichen und schweren Körperverletzungen im Stadtzentrum ermittelt wurden, handelte es sich um Jugendliche (20,6Prozent) und Heranwachsende bis 21 Jahre (27,5Prozent). Und knapp die Hälfte der mutmaßlichen Täter bei allen sogenannten Rohheitsdelikten (46,9Prozent) hatten keinen deutschen Pass. Bei Raubüberfällen auf offener Straße in der Innenstadt waren 2017 sogar 16von 19 Tatverdächtigen nichtdeutscher Herkunft - das sind fast 85 Prozent. Wie oft dabei ein Messer im Spiel war, wie bei jener Auseinandersetzung, die in der Nacht zum 26. August ein Leben kostete, darüber gibt die Statistik keine Auskunft.

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