Wie wertvolle Grabmale vor dem Verfall gerettet werden sollen

Hunderttausende Euro wären allein auf dem städtischen Friedhof für bedrohte Anlagen nötig. Doch was tun, wenn es keine Erben mehr gibt?

Sie gründeten Fabriken von Weltruhm, legten die Grundsteine für bedeutende Sammlungen, prägten die Entwicklung von Chemnitz zur Industriestadt - verdienstvolle Persönlichkeiten des 19. und frühen 20.Jahrhunderts, wie der Fabrikant und "Lokmotivkönig" Richard Hartmann (1809-1878), Naturkundemuseums-Begründer Johann Traugott Sterzel (1841-1914) oder Oberbürgermeister Heinrich Sturm (1860-1917). Auf dem Städtischen Friedhof an der Reichenhainer Straße fanden sie ihre letzte Ruhe. Ihre Gräber gehören zu den wert- und eindrucksvollsten Anlagen des unter Denkmalschutz stehenden Friedhofs.

Doch nach grober Schätzung sind laut Baubürgermeister Michael Stötzer etwa 80 Prozent der denkmalgeschützten, oft auch künstlerisch wertvollen Familiengräber sicherungs- oder zumindest teilweise restaurierungsbedürftig. "Der Aufwand je Grabanlage liegt geschätzt zwischen 5000 und 10.000Euro", äußerte er auf eine entsprechende Anfrage von Grünen-Stadtrat Thomas Lehmann. "Dies ergibt einen Gesamtbedarf von mindestens 400.000Euro", so Stötzer.

Das Problem: Für die wenigsten der insgesamt mehrere Dutzend Grab-Denkmale gibt es laut dem Baubürgermeister noch private Nutzer oder feststellbare Erben. "Somit fällt gemäß Denkmalschutzrecht die Sorgepflicht für deren Erhaltung im stadtgeschichtlichen und öffentlichen Interesse der Stadt Chemnitz zu." Der Friedhofs- und Bestattungsbetrieb der Stadt - ein ausschließlich über Gebühren finanziertes Tochterunternehmen - übernehme gelegentlich kleinere Pflegemaßnahmen in Eigenleistung, so Stötzer. Er könne aber in der Regel keine Restaurierungen finanzieren. Für dringende Sicherungen und Instandhaltungen würden pro Jahr rund 7500Euro eingeplant.

Nach dem Willen der Stadträte von Bündnis 90/Grüne soll sich das möglichst bald ändern. "Wir werden uns dafür einsetzen, dass ein zehnjähriges Programm mit jeweils 40.000 bis 50.000 Euro pro Jahr für die Sicherung und Sanierung der historischen Grabstätten aufgelegt wird", kündigt Fraktionschef Thomas Lehmann an. "Dieses Kulturgut gilt es, der Nachwelt zu erhalten." Ein entsprechender Beschlussantrag soll in den kommenden Monaten im Stadtrat eingebracht werden, so Lehmann. "Dabei bauen wir auf eine breite Unterstützung durch den Stadtrat und auch auf Chemnitzer Firmen, Privatpersonen und Vereine, die durch Grabpatenschaften das Sanierungsprogramm finanziell und ideell unterstützen."

Doch dabei allein wollen es die Grünen nicht belassen. Der Friedhof sei nicht zuletzt "ein offenes Geschichtsbuch unserer Stadt"; daher sollte auch die pädagogische Arbeit dort verstärkt werden, fordert Fraktionschef Lehmann. "Durch öffentliche Führungen und eine geschichtlichen Aufarbeitung der jeweils sanierten Gräber", erläutert er. Als Partner infrage kämen seiner Ansicht nach nicht zuletzt das Stadtarchiv und die Betreiber des Roten Turms, die vor mehreren Jahren bereits ein Erinnerungs-Projekt an "Große Chemnitzer" initiierten.

Im Rathaus will man unterdessen in diesen Wochen damit beginnen, Stück für Stück den Mindestaufwand für Sicherungen oder Teilsanierungen der denkmalgeschützten Grabanlagen genauer zu ermitteln. Dazu werde es gemeinsame Begehungen mit dem Friedhofsbetrieb sowie den Denkmalbehörden der Stadt und des Freistaates geben, kündigt Baubürgermeister Stötzer an. Voraussichtlich Ende Oktober sollen konkretere Zahlen vorliegen. Insgesamt gehe es um 61 Familiengräber sowie weitere 20 Ehren- und Gedenkmale.

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