Wie wird man eigentlich Oberbürgermeisterin?

Bei einer Führung hat Barbara Ludwig Kindern verraten, wie sie eines Tages ihr Amt übernehmen könnten. Außerdem offenbarte sie Geheimnisse über das Rathaus.

Eines muss man Barbara Ludwig lassen: Die Oberbürgermeisterin weiß, wie man Kinder neugierig macht. Als sie sich am Montagmorgen im Foyer des Rathauses mit einer Schülergruppe trifft, verspricht sie gleich zu Beginn, dass die Gruppe am Ende des Rundgangs durch das Amtsgebäude noch durch einen Geheimgang gehen wird. Den würden nur die Allerwenigsten kennen, schiebt sie hinterher, mehr will sie aber erst einmal nicht verraten.

Zunächst werden die 13 Jungen und Mädchen, die auf Einladung des Kinder- und Familienfonds auf einer zweitägigen Entdeckungsreise durch Chemnitz unterwegs sind, in den Stadtverordnetensaal geführt. Sie staunen über die hohen Decken und die kunstvoll verzierten Wände in den Gängen. "Toll - aber auch ein bisschen eklig", sagt eine Schülerin. Ihre Begründung: Auf einigen der Wandbildern sind nackte Menschen zu sehen.

Im Saal, in dem sonst die Stadträte tagen, fragt Ludwig, ob eines der Kinder mal auf ihrem Chefstuhl sitzen möchte. Die Hand des neunjährigen Omar schnellt nach oben. Und schon sitzt er. Der Junge verschwindet fast hinter der hohen Tischplatte. Vor mehr als 100 Jahren, als das Rathaus gebaut wurde, sei jener Stuhl noch deutlich prunkvoller gewesen, erklärt Ludwig. "Ich wollte aber nicht auf einem Thron sitzen", sagt die SPD-Politikerin.

Nach einem Abstecher in den Grünen Salon des Rathauses steuert die Gruppe das Büro der Oberbürgermeisterin an. Dort kann allerdings keines der Kinder auf dem Chefsessel Platz nehmen - es gibt schlicht keinen. Während Ludwig erklärt, dass sie tagsüber schon genug sitzt und deshalb in ihrem Büro einen Stehtisch bevorzugt, scheint die 15-jährige Lina mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Erstaunt blickt sie auf die Vinyl-Ausgabe des Albums "Mit K" der Chemnitzer Band Kraftklub, die hinter dem Arbeitsbereich der Rathaus-Chefin an der Wand hängt. "Krass, sogar mit Autogrammen", sagt die Schülerin verblüfft.

Anschließend geht es in den Ratssaal, in dem früher der Bürgermeister mit seinen Ratsherren tagte. Heute wird der Raum vor allem für repräsentative Zwecke genutzt. Dort dürfen die Kinder Barbara Ludwig mit allen möglichen Fragen löchern, die ihnen in den Sinn kommen. Ist Oberbürgermeisterin eigentlich ein Ausbildungsberuf, möchte ein Mädchen wissen. Ludwig verneint - eigentlich müsse man nur ein gewisses Alter erreicht haben, um sich formal für das Amt zu qualifizieren. Im Berufsalltag seien aber trotzdem viele verschiedene Talente gefragt. Wer eines Tages in ihre Fußstapfen treten will, sollte vorher genügend Lebenserfahrung sammeln - damit habe man gute Chancen, gewählt zu werden. Außerdem wichtig: Andere Menschen von den eigenen Ideen überzeugen zu können.

Nach einigen Fragen, die sich um die typischen Aufgaben einer Oberbürgermeisterin drehen, möchte ein Schüler wissen, ob sie einen Chauffeur hat. Tagsüber lasse sie sich tatsächlich meistens fahren - so könne sie die Zeit zum Telefonieren nutzen, sagt Ludwig. Für welches Team sie bei der Fußball-WM mitfiebere, ist eine weitere Frage. "Russland - einfach weil ich es schön finde, wenn im Gastgeberland gute Laune herrscht. Aber ich drücke auch Kroatien die Daumen. Also habe ich jetzt ein Problem", antwortet sie in Anbetracht des anstehenden Viertelfinalspiels zwischen beiden Mannschaften. Eine Frage bleibt am Ende unbeantwortet: Die, ob Ludwig bei der Wahl 2020 noch einmal als Kandidatin antreten werde. "Das überlege ich mir später", sagt sie.

Dann kommt der Moment, auf den die Schüler am meisten hingefiebert haben: der Geheimgang. Es ist eine enge Wendeltreppe mit steilen Stufen, die von der Bibliothek im zweiten Obergeschoss in den Ratskeller führt. "Die haben frühere Bürgermeister oft genommen, wenn sie heimlich rauchen wollten", sagt Ludwig mit einem Augenzwinkern. Ob die Geschichte stimmt oder nicht, ist den Jungen und Mädchen relativ gleich. Eine Erkenntnis hat sich bei ihnen nach dem Rundgang aber festgesetzt: Im Rathaus könnte man super Verstecken spielen.


Kinder- und Familienfonds

"Chemnitz entdecken" lautet der Name der zweitägigen Tour, auf der elf Schüler zwischen neun und zwölf Jahren noch bis Dienstag unterwegs sind. Begleitet werden sie von Schulsozialarbeitern, der Kinder- und Jugendbeauftragten der Stadt, Ute Spindler, und zwei älteren Schülerinnen, die Fotos von dem gemeinsamen Ausflug machen.

Eingeladen wurden Kinder, die Lernschwierigkeiten haben oder die aus finanziell schwächeren Familien kommen. Außer dem Chemnitzer Rathaus besichtigen sie unter anderem das Kosmonautenzentrum "Sigmund Jähn" und einen Hochseilgarten. Von Montag auf Dienstag übernachteten sie gemeinsam im Schullandheim im Küchwald. (schab)

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