Wiegenlieder des Todes für die Lebenden

Die Singakademie Chemnitz beweist mit der Aufführung zweier höchst verschiedener Requiems ihre außergewöhnliche Qualität.

Sonnenberg.

Sonntag war der erste Herbsttag des Jahres: kühl, regnerisch, schon der Nachmittag dunkel. Die hell erleuchtete, noch spätsommerwarme Markuskirche ist ein guter Ort für das Jahreskonzert der Singakademie Chemnitz. Mit ihrem künstlerischen Leiter und Dirigenten Andreas Pabst hatte sie zwei Requiems ausgewählt, Messen für Verstorbene, die doch immer auch den Lebenden gelten, ihrem Schmerz Ausdruck verleihen, helfen, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren.

Gabriel Faurés Requiem für Soli, Chor und Orchester, uraufgeführt 1888 in Paris, ist ein gewaltiges, in sich geschlossenes Werk, das nicht die Angst vor dem Tod ausdrückt, sondern die ewige Ruhe als "glückliche Befreiung", wie der Komponist bekannte und die Bezeichnung "Wiegenlied des Todes" durchaus passend fand. So singt es auch die traditionsreiche Singakademie. Begleitet vom Leipziger Symphonieorchester, meistert sie das komplizierte Arrangement, die anspruchsvolle Dynamik des Werks. Die Solisten, Sopranistin Jana Marie Gropp und Tenor Tohru Iguchi, stehen Chor und Orchester in nichts nach.

Auch das zweite Werk des Abends, Andrew Lloyd Webbers Requiem, 1985 uraufgeführt, gibt den Musikern die Möglichkeit zu brillieren. Jana Maria Gropp und Sopranistin Maria Shapiro glänzen wie Seide und Samt in einem Duett, Tenor Alexander Schafft behauptet sich auch gegen den stimmgewaltigen Chor und das manchmal geradezu rockig donnernde Orchester. Das Requiem des 1985 schon erfolgreichen und berühmten Musicalkomponisten ist ganz ein Werk des zerrissenen 20.Jahrhunderts. Für Webber war die Komposition nach eigenem Bekunden eine Möglichkeit der Selbstvergewisserung nach drei für ihn wichtigen Erfahrungen: der Tod seines Vaters 1982, der Tod eines jungen irischen Journalisten durch eine IRA-Bombe und die Geschichte eines kambodschanischen Jungen, der die Wahl hatte, seine verstümmelte Schwester zu töten oder selbst getötet zu werden. All diese Facetten des Todes klingen in dem Requiem mit, das in einigen Szenen sogar Raum für jazzige, poppige, lebensfrohe Sequenzen hat. Die kontrast- und an Brüchen reiche Vielgestaltigkeit des Werks, das deshalb aber auch weniger geschlossen, eher wie ein Nummernprogramm wirkt, stellt Chor, Orchester und Solisten vor enorme Herausforderungen, die sie bravourös meistern. Vom zartesten, fast stummen Hauch bis zum gewaltigen, von Pauken und Trompeten begleiteten Orkan berühren die Musiker die etwa 200 Gäste in der Kirche, die am Ende lautstark und lange applaudieren.

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