"Wir hatten unendlich viel zu tun"

Herbst 89: Der Leiter des Umweltzentrums Manfred Hastedt über den arbeitsreichen demokratischen Aufbruch und einen wieder aktuellen Ruf

Wie denken Zeitzeugen und Protagonisten der Wendezeit in Chemnitz und Umgebung über damals und über die Entwicklung seither? Heute: Umweltaktivist Manfred Hastedt im Gespräch mit Michael Müller.

"Freie Presse": Herr Hastedt, Sie waren im Herbst 1989 Anfang dreißig, absolvierten gerade eine Art Umschulung im Pflegebereich und waren in Kirchen- und ökologischen Arbeitskreisen engagiert. Was war die DDR damals für Sie gewesen?

Manfred Hastedt: Ich wollte eigentlich Theologie studieren. Doch das durfte ich nicht. Wie ich später erfahren habe, hatte die Stasi interveniert. Die wollten meine ökologischen Aktivitäten kriminalisieren. So war das damals.

Wann haben Sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt: Nicht mehr lange, dann wird dieses Land ein anderes sein?

Schon Mitte der 1980er-Jahre. Über die Kirche hatte ich auch mit Leuten zu tun, die Kontakte in die Wirtschaft hatten. Die sagten schon damals: "Das geht nur noch ein paar Jahre gut."

Was waren die wichtigsten Anliegen Ihrer Öko-Kreise?

Unsere Themen waren unter anderem das Waldsterben im Erzgebirge, der Arten- und Biotopverlust, die braunkohlezentrierte Energiepolitik und Lebensstilfragen. Über eine Igelüberwinterungsstation, die ich in Karl-Marx-Stadt miteingerichtet hatte, berichteten damals alle Zeitungen der Stadt. Über kirchliche Kreise bin ich dann auch mit der Friedensbewegung enger in Kontakt gekommen. Dort haben wir bald einen ersten kirchlichen Öko-Kreis ins Leben gerufen. Mir wollten sie daraufhin "Rädelsführerschaft" nachweisen. Das hätte für mich einige Jahre Gefängnis bedeuten können.

Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, die DDR zu verlassen?

Das kam für mich vordergründig eigentlich nicht infrage. Ich hatte ja Westkontakte, sowohl über die Familie als auch über unsere Arbeitskreise. Wir wussten daher, da ist auch nicht alles Gold, was glänzt.

Wann und wo waren Sie selbst das erste Mal im Westen?

Am 1. März 1990. Da waren etwa 50 Vertreter der "Demokratisch-oppositionellen Plattform" aus Karl-Marx-Stadt in die Partnerstadt Düsseldorf eingeladen. Eigentlich hatten wir gleich im Herbst 1989 kommen sollen, aber das mussten wir mehrfach verschieben. Wir hatten ja hier unendlich viel zu tun.

Was haben Sie sich von Ihrem Begrüßungsgeld gekauft?

Keine Ahnung. Bestimmt Bücher, so wie ich mich kenne.

Ab dem Mauerfall lief die Entwicklung mehr und mehr auf eine schnelle Wiedervereinigung zu. Anderen schwebte eher eine demokratisch reformierte DDR vor. Wie war damals Ihre Meinung?

Unser Ziel war eine Ökologisierung der Gesellschaft. Nach dem Motto: "Gut leben, statt viel haben." Es war aber auch eine total euphorische Zeit. Plötzlich war so vieles möglich - wir konnten Freunde im Westen besuchen, wir kamen an Literatur, konnten endlich unsere Umweltbibliothek und ein Umweltinfozentrum einrichten. Am Runden Tisch kamen wir kaum hinterher mit dem Ausarbeiten neuer Forderungen. Und man hätte noch unendlich viel mehr machen können.

Was war Ihrer Meinung nach der größte Fehler bei der Wiedervereinigung?

Dass es keine Vereinigung war, sondern ein Anschluss. Man hätte sich viel mehr Zeit nehmen müssen. Auch um Dinge zu sichern, die dann durch die Treuhand kaputtgegangen sind. Die schnelle Privatisierung hat manche Verwerfung mit sich gebracht, die man sich hätte ersparen können.

Wenn Sie heute 30 Jahre zurückblicken: Haben sich Ihre Hoffnungen von damals erfüllt?

Ja, doch. Viele haben ja schon wieder vergessen, wie es damals hier ausgesehen hat. Die toten Vögel, die in den Säureharzteichen in Klaffenbach - einem ehemaligen Vogelschutzgebiet - elendig zugrunde gegangen sind. Die Deponie am Weißen Weg, die noch Anfang der 1990er-Jahre unterirdisch gebrannt hat. Die Chemnitz, die hinter der Kläranlage in Hilbersdorf biologisch tot war. Und niemand hat damals hier Luft geatmet, die nicht krank gemacht hat.

Die Verbesserung der Umweltsituation war anfangs nicht zuletzt eine Folge der Deindustrialisierung; die Jahre nach der Wiedervereinigung waren auch geprägt von Betriebsstilllegungen und Massenentlassungen. Hatten Sie jemals Existenzängste?

Nein. Nach 1989 bin ich vom Schicksal doch sehr positiv überrascht worden. Ich hatte meine Arbeit im Umweltzentrum, der ich bis heute nachgehe. Aber man hat das alles natürlich mitbekommen. Zeitweise arbeiteten bei uns bis zu zehn Menschen über sogenannte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, also in einem noch vergleichsweise gut bezahlten zweiten Arbeitsmarkt. Ich kenne aber auch Leute, die ab den 1990er-Jahren sozial regelrecht abgestürzt sind.

Wo überall sind Sie heute politisch oder zivilgesellschaftlich aktiv?

Ich arbeite nach wie vor ehrenamtlich im Naturschutzbund (Nabu) sowie beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) mit, gehöre dem Verein Nachhall auf dem Sonnenberg an, der Arbeitsgemeinschaft Welt-Laden, dem Partnerschaftsverein Chemnitz-Timbuktu und bin Mitglied der Freunde der Kunstsammlungen.

Ihr Wunsch für die Zukunft?

Keine Gewalt! Das war unser wichtigster Ruf 1989. Denn Frieden ist kostbar, durch nichts zu ersetzen.


Manfred Hastedt

Der gelernte Zootierpfleger (Jahrgang1957) gehört zu den Mitbegründern der Umweltbewegung in Karl-Marx-Stadt. Nach der Friedlichen Revolution vertrat er in seiner Heimatstadt die Grüne Liga am Runden Tisch, später gehörte er dem ersten frei gewählten Stadtrat an. Seit den frühen 1990er-Jahren leitet Manfred Hastedt das Umweltzentrum der Stadt Chemnitz. Seit zwei Jahren lebt er auf dem Kaßberg. (micm)

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