"Wir sind achtsamer geworden"

Nach dem Angriff auf das Restaurant "Schalom" gehen Uwe Dziuballa und seine Frau Ute Kiehn-Dziuballa mit einem anderen Blick durch die Stadt. Vorurteile gegen sie und ihre Kultur wollen sie mithilfe eines neuen Projekts abbauen.

Es sei einer der seltenen Momente in seinem Leben gewesen, dass er Angst verspürt habe, sagt Uwe Dziuballa über den Abend des 27. August 2018. Nach dem gewaltsamen Tod eines Deutsch-Kubaners am Rande des Stadtfestes einen Tag zuvor waren mehrere tausend Demonstranten in Chemnitz zusammengekommen, viele davon aus der rechten Szene. Gegen 21.45 Uhr versammelten sich zehn bis zwölf vermummte Personen vor Dziuballas Restaurant "Schalom" am Brühl. Nach seinen Angaben warfen sie Steine und Flaschen in Richtung der Gaststätte, beleidigten ihn zudem antisemitisch. Ein Stein traf ihn an der Schulter. Das Landeskriminalamt ermittelt bis heute zu dem Vorfall.

Der hat das Leben Dziuballas nachhaltig verändert. Er habe im Laufe der Jahre immer mal wieder negative Erfahrungen gemacht, berichtet der 53-Jährige am Donnerstag, gut ein halbes Jahr nach dem Angriff. Böse Blicke, Spuckattacken, antisemitische Beleidigungen - das alles sei schon vorgekommen. "Das musst du verdrängen können", meint der Restaurantbesitzer. Es sei ihm zumeist auch gut gelungen. "Das liegt auch daran, dass ich kein Opfertyp bin." Der 27. August habe aber etwas ausgelöst in ihm. "Ich habe nach wie vor keine Angst, aber die Gelassenheit ist verloren gegangen", sagt Dziuballa. Als er kürzlich zum Einkaufen in die Innenstadt gehen wollte, habe er sich Gedanken gemacht, ob er seine Kippa - die bei Juden traditionelle Kopfbedeckung- zeigen wolle oder nicht. "Ich hatte keine Lust auf Diskussionen." Schlussendlich habe er einen Hut über die Kippa gezogen. Seine Frau Ute Kiehn-Dziuballa sagt: "Wir sind achtsamer geworden."

Christoph Ulrich

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Dass dieses Unsicherheitsgefühl nicht von ungefähr kommt, belegen Zahlen des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen, die "Freie Presse" vorliegen. Das LKA ist für politisch motivierte Straftaten zuständig. Demnach hat sich die Anzahl antisemitischer Straftaten in Chemnitz fast verdreifacht: 2017 wurden acht Fälle gezählt, im vergangenen Jahr 21, darunter zwei Gewaltdelikte.

Was dagegen tun? Die Dziuballas setzen auf Dialog, auf gegenseitiges Kennenlernen. Es gebe in Bezug auf jüdische Kultur viel Halb- und Unwissen, meint Ute Kiehn-Dziuballa. "Und daraus kann Hass entstehen." Dem wollen das Veranstaltungszentrum Kraftwerk, dessen stellvertretende Geschäftsführerin Kiehn-Dziuballa ist, und der Verein Schalom gemeinsam mit einer neuen Veranstaltungsreihe entgegenwirken. Die Idee dafür sei bereits im vergangen Frühjahr entstanden, lange vor dem Angriff im August, betont Uwe Dziuballa. Der Anlass sei aber auch ein trauriger gewesen: Im April 2018 wurde in Berlin ein Kippa tragender Jude antisemitisch beschimpft und mit einem Gürtel geschlagen; der Täter, ein 19-jähriger Syrer, wurde zu einer vierwöchigen Haftstrafe nach Jugendstrafrecht verurteilt. Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, riet Juden im Nachgang, in bestimmten Gebieten in Großstädten auf das Tragen der Kippa zu verzichten. Er könne alle verstehen, die diesem Ratschlag folgten, sagt Uwe Dziuballa. Für ihn sei das aber nicht die richtige Lösung, erklärt der 53-Jährige.

Dazu passt dann auch der Titel der neuen Veranstaltungsreihe. "Die Kippa bleibt", heißt sie. Das sei nicht als Kampfansage, sondern als Botschaft zu verstehen, sagt Ute Kiehn-Dziuballa. Am 29. April geht es mit einem Klezmer-Konzert los. Bis Oktober folgen unter anderem eine szenische Lesung, ein Zeitzeugengespräch und eine Filmvorführung. Sämtliche Veranstaltungen seien kostenlos, kündigt die 64-Jährige an. Finanziert wurde das Projekt auch mithilfe von Spenden. Wie viel Geld einging, lässt Uwe Dziuballa offen, sagt aber: "Die Spendenbereitschaft der Chemnitzer war exorbitant groß."

Das Programm der Reihe "Die Kippa bleibt" wird in Kürze auf der Internetseite www.kraftwerk-chemnitz.de veröffentlicht.

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