#wirsindmehr: Gegenrechtsrock in Chemnitz

Ein Konzert? Eine Demo? Kraftklub und die Toten Hosen haben gestern das andere Chemnitz vom Sofa geholt. Eine machtvolle, überwältigende Erfahrung. Die Initiatoren hoffen, dass sie den Widerstand gegen Rassismus und Nazismus in der Stadt belebt.

Chemnitz.

Ihr empörten Bürger, es ist nicht zu verheimlichen. Die Innenstadt hat gestern mehreren zehntausend Leuten gehört, die nicht der Meinung sind, dass Flüchtlinge das Problem der Stunde sind. Es wurden nicht ganz stubenreine Texte mitgesungen, aber nicht von allen, Schimpfworte gerufen, aber nicht von allen, Antifa-Fahnen geschwenkt, aber nicht von allen - und es trat die linke Band mit der Sahne und dem Fischfilet im Namen auf, die manche von euch für die Leibhaftigen halten.

Im Publikum waren viele junge Leute in bunten Klamotten, wie man sie vor einer Woche eher spärlich auf der Straße gesehen hat. Das war, als ihr in Schwarz und Grau hinter den Leuten hergelaufen seid, die behaupten, dass sie das Land retten müssten, indem sie es in eine Festung verwandeln, die sie dann säubern und kommandieren können. Sie haben behauptet, das hätte mit dem Verbrechen zu tun, das sich in der Stadt ereignet hat. Nur sahen Pietät und Trauer bisher anders aus.

Gestern kamen nicht nur junge Leute. Auch Kinder und Alte, Studenten und Arbeiter, Tagediebe und Man-weiß-nicht-was. Das ganze Personal, so verschieden wie das Leben, wie die Stadt. Weiß der Himmel, wie sie denken, was sie fürchten, wen sie wählen. Des Toten gedachten sie in einer Schweigeminute, da waren sie alle zusammen still. Zu viel ist passiert, das lässt niemanden kalt. Aber hat nicht auch der Sänger Trettmann recht, wenn er sagt: "Wir haben alle nur ein Leben zu leben, das lassen wir uns nicht versauen." Nicht durch Nazis und Rassisten.

Trettmann eröffnete das Konzert mit dem Lied oben vom Berg, wie er es sagt, "Grauer Beton" (der Text war gestern in der "Freien Presse" abgedruckt). Im Chemnitzer Heckertgebiet ist er aufgewachsen, dort hat er sich in seiner Jugend mit Nazis angelegt. Davon singt er: "Seelenfänger schleichen um den Block." Er sei dann in die Welt gereist, erzählt er, dabei habe er gelernt: Jeder sucht nur sein Glück. "Und Liebe ist immer größer als Hass!"

Schon seit Mittag hatte die Stadt vibriert. Auf dem Parkplatz an der Bahnhofsstraße, wo sonst ein paar hundert Autos stehen, wurde das Konzertgelände mit Kosmonaut-Erfahrung hingeklotzt. Zwei Dutzend Fans besetzten schon am Mittag den Platz vor der Bühne, ein Mann inspizierte Dutzende von Dixieklos. Auf der Brückenstraße wurden Pflanzkübel aufgefahren, um die Gedenkstätte für Daniel H. zu sichern, damit sie nicht überrannt werde wie so oft in den vergangenen Tagen.

Einige hundert Meter weiter war am Sockel des Karl-Marx-Kopfes das Plakat wieder zu sehen, das bestätigt: "Chemnitz ist weder grau noch braun". Ein vermutlich Brauner hatte es in grauer Nacht abgerissen. Das Auto eines Fernsehteams entging auf der Brückenstraße um Haaresbreite einem Abschleppwagen. Es stand im Halteverbot. Ein Straßenmusiker auf der Straße der Nationen sang: "Schau immer nach der Sonnenseite des Lebens", hörte vor dem Großkonzert aber damit auf.

Nach Trettmann betraten Feine Sahne Fischfilet die Bühne, jene Band, die euch empörte Bürger am meisten auf die Barrikaden treibt, wie man im Internet nachlesen kann. Sie stand mal im Verfassungsschutzbericht, das ist Jahre her, und schreibt Textzeilen, die nicht ohne weiteres zitierfähig sind. Punkrock halt, man kennt das seit den siebziger Jahren. Muss euch Empörten nicht gefallen. Es wird auch nicht gefälliger, wenn Sänger Jan "Monchi" Gorkow zu den Leuten spricht: Wer im Streit ein Messer zieht, sagt Monchi, ist ein verf... A...loch, sch... egal, wo er herkommt. Da gibt es keine Kompromisse. Monchi sagt, es wäre gut gewesen, den Angehörigen des Opfers vom Stadtfest die Ruhe zu geben, die sich geziemt. Stattdessen Tausende auf der Straße, und es wurde "abgehitlert". Vollste Verachtung für diese Heuchler, so Feine Sahne Fischfilet.

Ihr Punkrock reißt mit, aber es sei doch eine Selbstverständlichkeit, sagt Monchi, dass so ein Konzert nicht alles sein kann, sondern höchstens ein Anfang. Die Menschen sollten, verdammt nochmal, den A... hochbekommen. Sich nicht einschüchtern lassen vom rassistischen Mob. Die Band hatte selbst in Mecklenburg-Vorpommern gegen Rechte auf der Barrikade gestanden, auch handfest, sie seien keine Engel, sagt der Sänger selbst. "Angst ist nachvollziehbar. Aber man darf sich nicht einschüchtern lassen."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat heftige Kritik geerntet, als er das Chemnitzer Konzert im Internet bewarb, vor allem wegen Feine Sahne. Die keilen munter zurück, wehren sich gegen die Vereinnahmung durch die Politik. Auch von Politikern, die sich "christlich" nennen, werde gegen Menschen gehetzt, sagte Monchi. "Und Chemnitz ist kein Einzelfall."

Die Berliner Hip-Hopper von K.I.Z. gehen noch weiter, sie wenden sich direkt ans Publikum: "Wir sollten nicht so tun, als wären wir jetzt einfach die besseren Deutschen", rief Nico. "Als würde dieser Staat nicht dabei sein bei der Ausbeutung der Dritten Welt, bei den Kriegen, die Menschen in die Flucht treiben, und wenn sie es übers Mittelmeer hierher geschafft haben, werden sie auf der Straße totgekloppt! So gesehen, sind die Nazis nur eine private Verstärkung dessen, was der Staat verursacht hat." Starke Worte, fordernde Gedanken. Immer wieder wird das Publikum aus der mentalen Komfortzone geholt.

Als schon die vierte Band spielt, kommen immer noch welche vom Bahnhof, aus allen Teilen des Landes. Nach dem Konzert werden viele von Chemnitzern mit nach Hause genommen. Trettmann sagt, er wisse gar nicht genau, wer das alles auf die Beine gestellt habe, aber Kraftklub und das Bündnis "Chemnitz nazifrei" waren mitten dabei.

Ohne Kraftklub, das scheint klar, hätte es das Konzert so nicht gegeben. Ihre Kumpels und ihr Freundeskreis, die Mentalität und die Erfahrung der Chemnitzer Jungs pumpten das Blut in den Kreislauf. Ihr eigenes Set eröffnen sie mit "Karl-Marx-Stadt", was sonst. Der Sänger Felix Brummer sagt, was jeder weiß: dass ein Konzert nicht alle Probleme löst. Dass der Kampf weitergehe, am Dienstag, Mittwoch, jeden Tag. Trotzdem, Hand aufs Herz: Er ist gerührt. Weil etwas geht in Chemnitz.

"#Wirsindmehr" hieß das Motto des Abends, und selbst wenn das T-Shirt eines Konzertbesuchers anders gemeint ist, als Beschreibung der Szenerie gestern haut es hin: "Nüchtern bin ich schüchtern, aber voll bin ich toll." Chemnitz war voll.

Und ihr, empörte Bürger vom ganz rechten Rand, fürchtet euch weiter vor Feine Sahne, Kunst und Punk, Kraftklub und anderen "unmöglichen linken Bands". Sie haben gerockt. Das gilt es festzuhalten.

 

Das Konzert noch einmal sehen

 

Bewertung des Artikels: Ø 4.2 Sterne bei 10 Bewertungen
4Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 2
    1
    submain
    04.09.2018

    Voigtsberger, man sieht das sie nicht dort waren. Denn sonst würden sie wissen, dass gerade mal 20-25.000 von auswärts kamen. Die restlichen 40.000 kamen aus Chemnitz und Umgebung...
    Sechs, hinsetzen, Lacher abholen, weiter jammern

  • 5
    5
    Blackadder
    04.09.2018

    @voigtberger: Habe schon auf Sie gewartet. Bloß gut, dass Sie nicht in Chemnitz wohnen, sicher wäre das Konzert viel zu laut gewesen und überhaupt!

  • 3
    8
    voigtsberger
    04.09.2018

    Die Toten Hosen und Kraftklub und wer spricht da nicht von "fette Sahne Fischfilet", die schon vom Verfassungsschutz beobachtet wurden und da stellt sich bei mir die Frage, wer hat dies alles vom Bund, vom Land Sachsen und von der Stadt finanziert und was waren da die Kosten. Denn es war doch das Partyvolk aus Nah und Fern und nur im geringsten Anteil die Zivilgesellschaft von Chemnitz und in allen Sendern des Öffentlich Rechtlichen Rundfunkts wird doch von Konzert und Demo gegen Rechts gesprochen und das Geschehene und das Opfer spielt da nur eine Nebenrolle als Pseudonym für die Spaßgesellschaft und das Alles kostenlos, nach dem Credo, "Brot und Spiele" und das ging schon im "Alten Rom" schief.

  • 12
    2
    timpaule
    04.09.2018

    starker Bericht, der aber doch eher ein Kommentar mit Meinung ist



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...