Wo Chemnitz mit Barcelona und Wien in einer Reihe steht

Vor 20 Jahren wurde das Bürgerhaus Brühl-Nord eröffnet. Heute ist es Anlaufstelle für mehr als 8000 Menschen im Jahr.

Schloßchemnitz.

Barcelona, Wien, Marseille, Porto und Chemnitz haben mindestens eines gemeinsam: In diesen fünf und 113 weiteren Städten in der Europäischen Union sind von 1994 bis 1999 Projekte mit insgesamt mehr als 900 Millionen Euro aus dem EU-Programm Urban gefördert worden. In Barcelona floss solches Geld in ein Projekt zur sozialen Eingliederung von Jugendlichen, in Wien in die Förderung von Unternehmen von Zuwanderern und in Chemnitz unter anderem in die Sanierung und Einrichtung des Bürgerhauses Brühl-Nord in der Müllerstraße 12. Am übernächsten Mittwoch, dem 3. Juli, wird dort ab 14 Uhr bei einem öffentlichen Hoffest 20-jähriges Bestehen gefeiert - mit Rostern und Steaks vom Grill, selbst zubereiteten Salaten, Torten und Kuchen sowie Gesundheitstipps und einem Quiz.

Bezogen worden war der Treff für die Stadtteile Hilbersdorf und Ebersdorf sowie das Brühl-Viertel nach Abschluss der Sanierung des Hauses der kommunalen Wohnungsgesellschaft GGG ab 1. April 1999, erinnert sich Frank Neumann, der die Einrichtung von Anfang an leitet. Dazu gekommen war der jetzt 64-jährige gelernte Büromaschinenmechaniker, als er seine Stelle als Betriebsrat bei Ascota verloren hatte und der Verein Neue Arbeit Chemnitz als Träger einen Koordinator für das Bürgerhaus suchte.


Seit dem Aufbau des ersten Stadtteiltreffs dieser Art in Chemnitz arbeite der Trägerverein eng mit dem Sozialamt im Rathaus zusammen, erklärt Neumann. Die 13 Wohnungen in den oberen Etagen dienten zunächst dem Sozialamt dazu, Wohnungslose unterzubringen. Seit einigen Jahren werden sie von der Ausländerbehörde der Stadt als Übergangsquartiere für Migranten genutzt, die auf ihre Aufenthaltsgenehmigung warten. Doch vor allem sollte das Haus Anlaufpunkt für Probleme und Ausgangspunkt für Initiativen von Bürgern sowie Treffpunkt für Nachbarn sein.

Das sei gelungen, ist Neumann überzeugt. Laut der vom Sozialamt geführten Statistik haben im vergangenen Jahr rund 8400 Menschen das Bürgerhaus und von ihm organisierte Veranstaltungen besucht. Ein Großteil davon kam zu verschiedenen Englisch- und Computerkursen. Auch zu Skat und Gesellschaftsspielen, zum Klöppeln und anderen Handarbeiten treffen sich gern Leute in der Müllerstraße 12, um in Gesellschaft zu sein. "Teilnehmer kommen auch aus dem Heckertgebiet, aus Auerswalde und Flöha", erzählt Neumann und ist etwa 20 Ehrenamtlichen dankbar, die im Haus mitarbeiten. "Von den Eigenmitteln, die wir selbst erwirtschaften müssen, können wir leider keine zweite Stelle finanzieren", bedauert er. Gerade bei alleinstehenden älteren Menschen beliebt sei auch das preiswerte Mittagessen in Gemeinschaft jeden Montag und Donnerstag sowie das gemeinsame Frühstück einmal im Monat.

Für Einwohner von Hilbersdorf und Ebersdorf steht Gemeinwesenkoordinatorin Tatjana Schweizer im Bürgerhaus als Verbindungsfrau ins Rathaus zur Verfügung. Zudem ist das Bürgerhaus regelmäßiger Treffpunkt mehrerer Selbsthilfegruppen, so der für Betroffene von Alzheimer und von Angehörigen von Menschen, die Suizid begangen haben, eines Malzirkels, eines Chores, des Fotoclubs Gablenz und eines Seniorengesprächskreises. Auch wer sich um eine neue Stelle bewerben oder eine eigene Existenz aufbauen möchte, kann sich dazu im Bürgerhaus beraten lassen. Darüber hinaus werden wechselnde Foto- und Kunstausstellungen gezeigt, Wanderungen und Bowlingturniere veranstaltet. Für Leute, die gern lesen, gibt es eine kostenlose Tauschbibliothek. Und das Bürgerhaus ist Sitz der Redaktion der ältesten Chemnitzer Stadtteilzeitung "Biss", die von Unternehmen finanziert wird.

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