Wo in den Kunstsammlungen 25.000 Bilder ruhen

Die Leiterin der Grafischen Sammlung hat Besuchern ihren Arbeitsplatz gezeigt. Dabei verriet sie auch, was ihr schlimmster Albtraum ist.

Hinter dem Selbstbildnis von Oskar Kokoschka, das im ersten Stock links der Kunstsammlungen an einer Säule hängt, ist normalerweise Schluss. Doch am Freitag hatte der normale Museumsalltag Pause. Für die Besucher öffnete sich die Tür in der Wand hinter dem Kokoschka-Gemälde. So viele wollten diesen Blick hinter die Kulissen erleben, dass Kerstin Drechsel, Leiterin der Grafischen Sammlung, die sich hinter der Tür befindet, ihre Führung gleich zweimal anbot. Denn rund 60 Neugierige hatten sich dafür im Museum eingefunden.

Grund für dieses spezielle Angebot ist das Jubiläum, das die Kunstsammlungen 2020 feiern. Denn vor 100 Jahren wurden sie als städtische Einrichtung gegründet. Jeden ersten Freitag im Monat stellt nun ein Mitarbeiter seinen Bereich den Besuchern vor und gewährt somit einen Blick hinter die Kulissen. Drechsel machte am Freitag den Anfang.

Rund 25.000 Arbeiten auf Papier werden in der Sammlung aufbewahrt, erklärte sie, dazu gehören Zeichnungen, Druckgrafiken und Aquarelle, die allesamt vor Licht geschützt werden müssen. "Darum nenne ich die Sammlung auch Black Box", so Drechsel. Aufgrund der Lichtempfindlichkeit sei es auch nicht möglich, die Werke in der Dauerausstellung zu zeigen, erklärte die Expertin. Ein großer Teil ihrer Arbeit sei der Leihverkehr. Denn oft werden Bilder, die den Kunstsammlungen gehören, an andere Museen verliehen. Kommt ein Bild zurück, muss es genau begutachtet und ein Protokoll über den Zustand geschrieben werden. Nach einer Ausstellung müssen Arbeiten im Dunkeln ruhen. Aufgabe von Kerstin Drechsel ist es auch abzuwägen, ob ein angefragtes Werk, das in jüngster Zeit häufiger ausgestellt war, verliehen werden kann. Manchmal müsse sie dann absagen, manchmal genüge es aber auch, die Intensität des Lichts im Museum, wo es gezeigt werden soll, einzuschränken. "Nur im Schrank liegen sollen die Werke ja auch nicht", so Drechsel.

Eine weitere Aufgabe sei es, die Sammlung zu erweitern. 2019 habe die Sammlung über 100 Blätter als Schenkung erhalten. Die gelte es alle zu inventarisieren. "Es wäre der absolute Albtraum, wenn man ein Blatt nicht mehr findet", so Drechsel. Ein Kraftakt sei die Inventarisierung des gesamten druckgrafischen Werkes von Wolfgang Mattheuer gewesen, das der Sammler Hartmut Koch dem Haus 2002 schenkte. Es handelte sich um 860 Blätter.

Als Highlight des Depots präsentierte Drechsel dann einen Raum mit Schränken, die 2017 komplett erneuert wurden, weil die alten mit Formaldehyd verseucht waren. Die Blätter werden in den Schränken in Schubladen übereinander gelagert. Sobald ein Bild ausgestellt wird, erhält es ein Passepartout und nimmt damit mehr Platz ein. "Unser Platzbedarf steigt nach jeder Ausstellung", so Drechsel.

Blick hinter die Kulissen: Am 7. Februar um 17 Uhr stellt Anna Peplinski die Schwerpunkte im Bereich der Bildungs- und Vermittlungsarbeit der Kunstsammlungen vor.


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