Wo Schüler im Unterricht Texte tanzen

Seit 100 Jahren werden Kinder an Waldorfschulen unterrichtet. Was viele Eltern begeistert, ruft bei anderen Skepsis hervor. In dieser Woche gibt es Gelegenheiten, sich mit dem Konzept zu befassen.

Borna-Heinersdorf.

Ja, Waldorfschüler können ihren Namen tanzen. Als "Worte in Ausdruck umformen", beschreibt Steffi Graupner die Methode der Eurhythmie, die mehr als den Namen umfasst. Ganze Texte und Gedichte können getanzt werden. Graupner ist Lehrerin für Biologie und Chemie und kam aus Überzeugung zur Chemnitzer Waldorfschule an der Sandstraße. Wie sie sagt, sei ihr Kind dort zur Schule gegangen und später habe sie sich selbst für den Schuldienst entschieden - nachdem sie jahrelang an staatlichen Schulen unterrichtet habe. "Es gehört viel Idealismus dazu", sagt sie. Wie ihre Kollegin Jacqueline Weirauch ergänzt, beträfe das nicht nur die Inhalte.

Auch die Lehrkräfte seien besonders gefordert. "Unsere Arbeit erschöpft sich nicht darin, unsere Stunden vor- und nachzubereiten und zu halten. Bei uns gehört auch die Selbstverwaltung dazu und intensiver Kontakt mit den Eltern", erklärt Weirauch. Ihr gefällt am Waldorf-Konzept besonders, dass die Kinder nicht nach der 4. Klasse getrennt werden, sondern alle bleiben bis zur 8. Klasse zusammen. "So entsteht für viele Kinder eine Art Heimat", sagt Weirauch. Außerdem werden von Anfang an zwei Fremdsprachen gelehrt und alle Kinder - Mädchen wie Jungen - erlernen Handarbeiten wie Häkeln oder Stricken und später Handwerke wie Schmieden oder Schnitzen.


Gerade im Zusammenhang mit dem 100. Jubiläum der Waldorfpädagogik, das die Chemnitzer Schule in dieser Woche mit mehreren Veranstaltungen begeht, sehen sich die Bildungsstätten deutschlandweit immer wieder Kritik ausgesetzt. Ein Punkt dabei ist die Skepsis gegenüber Rudolf Steiner, dem Begründer der sogenannten anthroposophischen Menschenkunde, der Grundlage der Waldorfpädagogik. Dabei handelt es sich um eine Theorie zur ganzheitlichen und spirituellen Entwicklung der Menschen. Steiners Anhängern, auch Pädagogen wird oft eine fast sektenartige Hörigkeit zugeschrieben. Die beiden Chemnitzer Lehrerinnen sehen diese an ihrer Schule nicht. "Die Anthroposophie hat vor allem etwas damit zu tun, welches Menschenbild ich habe", erklärt Graupner.

Die Lehrer sind laut Graupner dazu angehalten, sich zumindest mit dem Konzept der Anthroposophie zu befassen. "Es ist aber Usus, dass das, was Steiner gesagt hat, nicht in den Unterricht gehört", sagt sie. Auch den oft gehörten Vorwurf, dass Waldorfschulen elitär und nur Kindern aus Akademikerfamilien vorbehalten seien, wollen die beiden Lehrerinnen für ihre Schule nicht gelten lassen. Da es sich nicht um eine staatliche Schule handele, werde Schulgeld verlangt, dabei lege man aber Wert auf soziale Verträglichkeit. "Manche Eltern zahlen solidarisch Schulgeld über das Soll hinaus", sagt Graupner. Für Kinder aus weniger begüterten Elternhäusern versuche man Lösungen zu finden. Wie die Pädagogin erklärt, seien unter den aktuell knapp 500 Schülern, die an der Sandstraße unterrichtet werden, Kinder aus sämtlichen Schichten und auch mit Migrationshintergrund. Ein Problem sei eher, dass die Schule nur begrenzte Kapazitäten habe, obwohl ständig ausgebaut werde. Dass das System funktionieren kann und seit Jahren funktioniert, zeigen laut Graupner die Abschlussprüfungen in Chemnitz. Diese müssen an staatlichen Schulen abgelegt werden. Das bedeutet, Haupt- und Realschulabschluss sind für alle gleich, egal von welcher Schulform sie kommen. Laut Weirauch ist es den Schülern freigestellt, ob sie einen dieser Abschlüsse machen wollen, ansonsten bekommen sie einen sogenannten Waldorf-Abschluss. Die Mehrheit würde sich aber für einen zusätzlichen staatlichen Abschluss entscheiden. Wer sein Abitur ablegen will, muss noch ein 13. Jahr die Schulbank drücken.


Festwoche bis Samstag

Die erste Waldorfschule wurde vor 100 Jahren in Stuttgart gegründet, mittlerweile gibt es weltweit um die 1200 Schulen in 80 Ländern.

Die Chemnitzer Waldorfschule beherbergt aktuell 490 Schüler in den Klassen 1 bis 12 und Klasse 13 (Abiturklasse), außerdem besteht die Parzifalschule als Förderschule.

Die Festwoche dauert bis zum Samstag. Das weitere Programm steht im Internet unter www.waldorfschule-chemnitz.de. (saho)

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 3 Bewertungen
6Kommentare
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  • 2
    2
    Malleo
    08.10.2019

    Sicher ohne Kopfnoten....

  • 5
    1
    DTRFC2005
    08.10.2019

    @ArndtBremen: Nein, aber dafür Walzer, Foxtrott, Boogie usw. . Warum ist das für Sie wichtig ? Wöllten Sie mir damit durch die Blume sagen, der von BlackSheep den Waldorfschulen unterstellte Sektencharakter, würde damit belegt, wenn die Eltern ebenfalls ihren Namen tanzen könnten? Da kann ich Sie beruhigt in den Abend entlassen. Vielleicht beschäftigen Sie und BlackSheep sich mit dem Thema Sekten und deren Charakter. Keines der Schüler oder Lehrer muss oder wird gezwungen einen irgendwie gearteten Glaubensrichtung nach zugehen. R. Steiner hat dies nie verlangt. Es wird niemand nach außen oder innen abgeschottet. Die Schüler können die Schule verlassen, wann immer sie der Ansicht sind, das diese Schulmodel nicht passt. So und nun werde ich mich auch in den wohlverdienten Feierabend begeben.

  • 5
    7
    ArndtBremen
    08.10.2019

    @DTRFC: Können Sie Ihren Namen auch tanzen?

  • 7
    3
    DTRFC2005
    08.10.2019

    @BlackSheep: Sie wollen also allen Ernstes behaupten, das jede Waldorfschule so tickt, wie es der Lehrer im Artikel beschrieb?

  • 7
    8
    DTRFC2005
    08.10.2019

    Ich möchte mich bei der Gelegenheit bei den Lehrern, Betreuern und allen die diese schöne Schule am laufen hält bedanken. Ja, die Kinder können ganze Texte tanzen, aber das ist es nicht nur was das Schülerleben ausmacht. Das sind Lehrer, die ihren Schülern zuhören, sie bei Problemen ebenso empathisch, wie konsequent begleiten. Eltern, die das Schulleben mit gestalten dürfen und Schüler, die gern in die Schule gehen und noch sehr viel mehr lernen als NUR ihren Namen zu tanzen. Danke auch an Herrn Haas, der nicht nur den Chor leitet, sondern seit Jahren auch dafür sorge Trägt, das die Küchwaldbühne mit sehr inspirierenden Stücken zum Leben erweckt.

  • 10
    7
    BlackSheep
    08.10.2019

    https://www.sueddeutsche.de/bildung/100-jahre-waldorfschule-erfahrung-kritik-1.4588339?utm_source=pocket-newtab
    Dieses Urteil von einem ders kennt reicht vielleicht schon.



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