Wollenes Glück - Ein Loblied auf das Schaf

Einem Schaf kann man sich nicht nur nähern, indem man es zu Ostern in die Pfanne haut. Man kann es auch einfach mal friedlich betrachten. Es ist sanft, mitunter mutig und cleverer als sein Ruf. Ein Loblied.

Nein, es kann nicht behauptet werden, dass Alfred Brehm ein inniges Verhältnis zum gezähmten Hausschaf hatte. Der Naturwissenschaftler und Schriftsteller, der von 1829 bis 1884 lebte und das bekannte Nachschlagewerk "Brehms Tierleben" verfasste, beschrieb das wollene Geschöpf als willenlos, charakterlos und dumm. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Er beließ es nicht bei diesen drei Wörtern, er walzte seine Antipathie sätzeweise aus - einem "kaltblütigen Rufmord" gleich, schreibt Journalist Eckhard Fuhr in seinem Büchlein "Schafe". Fuhr, 1954 geboren, geht hingegen als Schaffreund durch. Und das heißt was! Fuhr hat Kultur: Er hat zum Beispiel das Feuilleton - also den kulturellen Teil - der Zeitung "Welt" geleitet.

Lassen wir den Brehm Brehm sein und sagen lieber: Das Schaf gehört zu all diesen wundervollen Geschöpfen, die die Natur hervorgebracht hat. Und was hat dieses Tier den Menschen bisher beschäftigt! Es gilt mit als eines der ältesten Haustiere, seit rund 10.000 Jahren ist es an des Menschen Seite. Es hat Eingang gefunden in die Religion als "Opferlamm", als Symbol für Christus, der sich für die Menschheit opferte. Es hängt in den Kunstmuseen dieser Welt, weil Maler es für würdig empfanden, es in ihre Landschaftsidyllen zu platzieren. Und auch die Wissenschaft hat es (leider) nicht übersehen und an Klonschaf Dolly ein Exempel statuiert: Wir können auch Schöpfung! Das Schaf gibt uns Fleisch, Wolle, Milch, Käse und pflegt Grünflächen. Ach Herr Brehm, wenigstens etwas mehr Dankbarkeit!

Torsten Kleditzsch

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Grünflächen pflegen zum Beispiel auch die Schafe von Schäfer Schmidt. Steffen Schmidt, aus Hartmannsdorf bei Chemnitz, setzt auf verschiedene, auch alte und bedrohte Rassen. Da ist das Schaf nicht nur weiß, sondern manchmal fast so schwarz wie jenes aus der Redensart. Die Skudden sind zwar tatsächlich weiß, aber vor allem klein, sie kommen wie eine Art zu groß geratenes Lamm daher. Die Fuchsschafe haben einen braunen und die Rhönschafe einen schwarzen Kopf und weißliche Wolle, die Pommernschafe sind im Ganzen grau-braun-schwarz und haben eine schwarz-blaue Zunge, etwa wie ein Chow-Chow. Auf einem Acker in Topfseifersdorf stehen die Tiere in der Sonne und zupfen das Ackergras aus dem Boden. Gras ist generell eher nährstoffarm. Aber das Schaf als Wiederkäuer schickt auch den letzten dürren Stängel durch seine vier Mägen und behält so jeden Krümel Nährwert bei sich. Das reicht ihm - theoretisch. Praktisch hält das Schaf beim Fressen wenig von Zurückhaltung. Es frisst viel, viel Gras, und wenn man es hier ließe, so Schmidt, auch gern Klee und Raps auf den Nachbarfeldern und das eine oder andere Stiefmütterchen in den Gärten im Dorf. Schmidt weist aber auf ein Missverständnis hin, dem manche Hobbyschäfer unterlägen. Wenn sie es besonders gut meinen und dem Schaf energiereiches Getreide als Futter geben, würde es krank, es vertrüge diese Art Energieschub einfach nicht. Das rettet es aber auch vor "intensiver" Haltung, davor, im Stall eingepfercht auf Ertragsmaximierung getrimmt zu werden. Es hat sich bis heute "fabrikmäßiger Nutzung" entzogen, schreibt Eckhard Fuhr, weil bei ihm durch Intensivierung keine nennenswerte Ertragssteigerung zu erzielen sei. Und ein Kulturmensch wie Fuhr spinnt diesen Gedanken natürlich fein weiter: "So ist das Schaf ein Weidetier geblieben und deshalb in seinem Dasein elementar verbunden mit dem Wechsel der Jahreszeiten und den Vegetationszyklen. Und deshalb vermittelt der Umgang mit Schafen auch elementares Wissen über das Land und seine Nutzung und damit über die stofflichen Grundlagen unseres Daseins." Das Dasein des Schafes als Weidetier ist auch Schäfer Schmidts Glück: mit dem Himmel über dem Kopf, Wind und Wetter im Gesicht, wenn er bei seiner Herde wacht und Zeit zum Nachdenken hat und die Freiheit spürt. Mit diesem Beruf will der 43-Jährige alt werden, auch wenn sich nicht viel verdienen lasse. Geld komme aus dem Verkauf der Lämmer zum Schlachten und dem Einsatz der Tiere als Rasenmäher auf Grünflächen von Firmen und Institutionen. Schafe grasen sanft, sodass Insekten und Vögel noch Nahrung finden, und an unwegsame Stellen kommen sie zudem. Wenn sie aber wie jetzt Ackergras zupfen, dann ist das eine Art kostenloses Winterfutter, das landwirtschaftliche Betriebe dem Schäfer überlassen. Heute geht es weiter, müssen die Tiere eine knappe Stunde zu einer anderen Wiese getrieben werden. "Kooomm! Kooomm!", ruft der Schäfer seine Schafe.

Sie heben die Köpfe, manche weichen ein paar Schritte zurück, von hinten kommen andere Schafe nach vorn. Eine Herde mit mehreren hundert Tieren wie diese habe zehn bis 15 Leitschafe, solche, die immer vorn beim Schäfer mitgehen. Ein "heller Fuchs" ist dabei, ein hübsches Exemplar mit hellbraunem Kopf, der in der Sonne schimmert, und einer dicken, sauberen, weißlichen Wollkugel auf den vier dünnen Beinen. Die Wolle schützt vor Sonne und Regen. Wasser dringt wegen des Fettes in der Wolle kaum durch. Und schwitzen, so Schmidt, könnten Schafe nicht, weil sie kaum über Schweißdrüsen verfügten. Den Wärmeaustausch regulieren sie wie Hunde übers Hecheln. Wie jetzt, als es zur neuen Wiese geht.

Dazu hat Fine, Schmidts Altdeutscher Schäferhund, die Tiere umkreist und als Herde eng zusammengetrieben. So geht es über Wiesen und einen asphaltierten Weg durch die Landschaft. Läuft man den Schafen voran, hört man im Rücken das leise Trappeln ihrer Hufe, hier und da das sanfte Hecheln und glaubt, gar ein Rauschen der aneinanderreibenden Wollberge vernehmen zu können. Ein bisschen Vogelgezwitscher. Sonst Ruhe. Ein Spaziergang wie eine Meditation. Und schaut man sich um, sieht man in gutmütige Augen. Schafe gelten als friedlich, doch wehrhaft. Das merkt ein Schäfer beim Scheren, das zeigt sich aber auch bei der Wanderung dieser Herde. Eine kleine Skudde läuft mit ihrem Lamm am Ende der Herde, dort, wo ein zweiter Hund, Blake, für Ordnung sorgt. Ein Border Collie, der geduckt im Gras liegt und die Schafe mit fixierendem Blick zusammenhält. Die Skudde sieht ihr Lamm bedroht und hat den Nerv, dem Hund die Stirn zu bieten. Sie stellt sich vor ihm auf, geht mutig zwei Schritte auf ihn zu. Was hatte Herr Brehm geschrieben? Zahme Schafe seien ihren Lämmern gegenüber gleichgültig?! Blake fokussiert weiter Skudde und Lamm, die sich zögernd zurück in die Herde trollen. Dass Blake die Skudde nicht angreift, dafür sorgt Corinna Dorn, die ihm präzise Befehle gibt. Ihr gehört Blake, sie züchtet die Hunde und ist mit Schäfer Schmidt befreundet, der sie und Blake bei seiner Herde trainieren lässt.

Auch wenn dem Schäfer in dieser Herde mal "du dummes Schaf" über die Lippen rutscht, meint er es doch nicht. Seine Schafe, sagt er, erkennen ihn, sie erkennen sich untereinander, sie können sich Wege merken, auf denen sie die Wiesen wechseln, und manche behielten dabei auch die Standorte von Eichen in Erinnerung - kaum kämen sie denen näher, beschleunigten diese Schafe wegen der Aussicht auf frische Eicheln ihren Schritt. Zudem merken sie, so Schmidt, wenn er oder Fine sie ein bisschen aus den Augen ließen: Zack, geht das eine oder andere Schaf links und rechts in den Raps oder den Klee. Also dumm ist was anderes. Die Tierschutzorganisation Peta schreibt, Studien hätten gezeigt, dass die Größe der Schafhirne mit der Größe der Gehirne von Rhesusaffen vergleichbar sei, und dass sie die gleichen komplexen Strukturen besitzen wie die Gehirne anderer Primaten.

Schafe werden im Schnitt um die zehn, zwölf Jahre alt. Sie dürften bei ihm, sagt Schmidt, auch eines natürlichen Todes sterben. Manche erwachsenen Tiere würden aber auch geschlachtet, weil sich ihr Fleisch hervorragend in Wurst mache.

Kann man essen. Man kann sich dem Schaf aber eben auch anders nähern. Den Frieden einer Herde aufs Gemüt wirken lassen; einen Schäfer finden, den man mit den Tieren ein Stück begleiten darf. Fürs viel zitierte Entschleunigen. Oder wie schreibt Eckhard Fuhr: "Wer weiß, vielleicht steht dem Schaf in postindustriellen Zeiten eine grandiose Zukunft bevor als Daseinsstütze für die entwurzelten Bewohner urbaner Zonen." Auch davon fehlte Herrn Brehm jede Vorstellung!

Einen Lämmer-Markt veranstaltet Steffen Schmidt am 1. Mai am Stall in Taura, Köthensdorfer Straße 15, von 9 bis 17 Uhr. Hobbyschäfer können Lämmer kaufen, zudem gibt es Erzeugnisse vom Schaf.

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