Zu Hause in einem Viertel zwischen Charme und Klischee

Wie entwickeln sich die einzelnen Chemnitzer Gebiete? Welche Projekte sind geplant? Wo gibt es Sorgen? "Freie Presse" nimmt die Stadtteile unter die Lupe. Heute: Sonnenberg

Sie weiß noch genau, wo ihr Weg zur Schule seinerzeit entlangführte. Die Zietenstraße hoch, rüber zum Körnerplatz, runter zur Augustusburger Straße - und nachmittags wieder zurück, oft mit einem Zwischenstopp auf halbem Wege, im Durchgang eines der für diesen Stadtteil so typischen Gründerzeithäuser. "Dort haben wir stundenlang über Gott und die Welt diskutiert", erinnert sich Nora Seitz. Mehr als 15Jahre ist das jetzt her. Die einstige Schülerin des Agricolagymnasiums ist mittlerweile Mitte 30, Fleischermeisterin aus Familientradition und Vizepräsidentin des Deutschen Fleischer-Verbandes. Und sie ist noch immer in ihrem Stadtteil zu Hause - auf dem Sonnenberg.

"Ich würde hier auch nicht wegziehen wollen", sagt die junge Frau. Erstaunlich, hört und liest man über diese Gegend der Stadt doch seit jeher nicht nur Positives. "Ach was", winkt Nora Seitz ab. "Ich bin hier schon spätnachts, nach einer lustigen Runde unter Freunden, quer durch den Stadtteil nach Hause gegangen, und es ist nichts passiert." Und diese Schmuddelecken hier und da? Von denen gebe es immer weniger, entgegnet sie. Selbst einst so ruinöse Straßenzüge wie die Sebastian-Bach-Straße beim Lessingplatz seien mittlerweile nahezu komplett saniert. "Hier ist in den vergangenen zehn Jahren enorm viel passiert. Und wo die Häuser in Ordnung gebracht werden, sind auch die Dreckecken schnell weg."

Doch es gibt sie durchaus noch, die Straßenzüge, in denen der Sonnenberg noch immer ganz dem gängigen Klischee entspricht. An der Ecke Sonnen-/Tschaikowskistraße etwa prägen leerstehende Plattenbauten und verwahrloste Häuser aus früheren Zeiten das Bild - letztere mit Graffiti übersät, die Türen und Fenster eingeschlagen oder vernagelt, das Innere verwüstet und vermüllt. Davor türmen sich Plastesäcke mit Abfällen an der Straße. Auch gegenüber ist das, was mal Grünanlage war, übersät mit Unrat. "Wenn ich daran denke, dass hier in der Nähe eine neue Schule gebaut werden soll - da muss sich unbedingt was tun", fordert Seitz. "Viele dieser Häuser gehören irgendwelchen Erbengemeinschaften, die sich nicht kümmern", erläutert sie. Bei einigen schaue wenigstens einmal im Jahr jemand vorbei und mache sauber. "Danach aber sind sie wieder für ein Jahr weg."

Nur zwei, drei Straßen weiter eröffnet sich eine ganz andere Welt. Der Körnerplatz mit der mächtigen Markuskirche - er ist Nora Seitz' Lieblingsplatz im Stadtteil. "Da hängt Familiengeschichte dran", erzählt sie und blickt hinauf zu den beiden Türmen der Kirche. Ihre Großeltern und ihre Großtanten haben in dem Gotteshaus geheiratet, ihre Mutter wurde dort getauft. Sie selbst gehört als Beisitzerin dem erweiterten Kirchenvorstand an, kümmert sich um das Finanzielle.

"Das Schöne am Sonnenberg ist, dass man hier so viele unterschiedliche Menschen treffen kann, junge Leute wahrscheinlich mehr als irgendwo sonst in der Stadt", erzählt Seitz. Während "ihre" Gegend nördlich der Fürstenstraße eher bürgerlich geprägt sei, gehe es südlich davon etwas alternativer zu. Das dort an der Zietenstraße ansässige Lesecafé "Kaffeesatz" zähle ebenso zu ihren bevorzugten Ausgehzielen im Stadtteil wie die Hinterhofbühne "Komplex" ein paar Häuser weiter. Auch im Antiquariat Toni Salomon an der Fürstenstraße schaut sie gern vorbei. "Dort", so Seitz, "kann man die Zeit schon mal vergessen."


Das ist der Sonnenberg

Mit 15.400 Einwohnern zählt der Sonnenberg zu den drei einwohnerstärksten Stadtteilen. Obwohl städtebaulich dem Kaßberg ähnlich, ist die Sozialstruktur eine komplett andere. Die Arbeitslosigkeit ist etwa doppelt so hoch wie im städtischen Durchschnitt, gut jeder vierte Bewohner ist auf Hilfe vom Sozialamt angewiesen. Die Ausländerquote liegt mit 16Prozent weit über dem Mittel, der Altersdurchschnitt fällt mit 40 Jahren vergleichsweise niedrig aus. (micm)

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