Zum Jahresende wieder daheim

Unter dem Motto "Coming Home" zeigt die Galerie Borssenanger neue Arbeiten ehemaliger Chemnitzer Künstlerinnen und Künstler. Ob sie wirklich Heimweh haben, bleibt ziemlich offen.

Die Bilder handeln oft vom Unterwegssein, erzählen vom Reisen in die Ferne - von Ankunft erzählen sie kaum. Jetzt aber sind sie angekommen, für einige Zeit zumindest. "Coming Home: Neues von Ehemaligen" heißt die aktuelle Ausstellung in der Galerie Borssenanger, die Arbeiten von 18 Künstlerinnen und Künstlern zeigt, die ihre Wurzeln in Chemnitz oder Karl-Marx-Stadt haben. Und wie es Weihnachten Tradition ist, sind sie Weihnachten nach Hause gekommen und erzählen, wie es ihnen ergangen ist.

"Sailing the seven seas" heißt eine Arbeit von Ronny Szillo, rostiges Besteck scheint auf den Meeresboden gesunken, ist schon fast verschwunden. Man weiß nicht, ob die Ursache ein Schiffsunglück war oder ob es einfach als Müll vom Deck geworfen wurde - aber es war wohl keine glückliche Reise.

Die Künstlerinnen und Künstler entstammen fast alle der Ende der 1960er- bis in den 1970er-Jahren geborenen Generation. Geboren oder aufgewachsen in Karl-Marx-Stadt, sind sie hier in eine lebendige Kunstszene hineingewachsen, die sie mitgeprägt hat und die sie mitgeprägt haben. Christiane Wittig, Olaf Rauh, Sven Braun und Till Exit zum Beispiel. Sie alle zog es, teilweise auf Umwegen und über andere Stationen, nach Leipzig, wo sie auch ihren neuen Arbeits- und Lebensmittelpunkt fanden. Till Exit zeigt eindrucksvolle Fotos von Räumen, die sich auf merkwürdige Weise verdoppeln und so den Blick verändern. Sven Braun experimentiert in seinen Gemälden ebenfalls schon lange mit Sehgewohnheiten, mit Schein und Sein - oft mit einer Reduktion auf das Notwendigste, und wenn es die blanke Leinwand ist, durch die sich ein Keilrahmen abzeichnet. Auch Olaf Rauhs Fotos spiegeln eine Welt, der es an Schärfe fehlt.

Da haben es die plakativ arbeitenden Doppeldenk und Benjamin Badock einfacher. In den piktogrammartigen, knallfarbigen Bildern herrscht Klarheit, wie auch die Fotos der solitären Weihnachtsbäume von Andreas Mühe eine ganz klare Botschaft senden: Ohne das familiär-menschliche Weihnachtschaos um den Baum herum ist die schönste Tanne wertlos.

Viele der Künstlerinnen und Künstler haben sich auf dem Kunstmarkt etabliert, bestreiten große Ausstellungen weltweit. Einige von ihnen haben für die Ausstellung ganz bewusst Arbeiten ausgewählt, die auf Chemnitz oder Karl-Marx-Stadt Bezug nehmen. Jörg Waehner zum Beispiel, der sich schon in vielen Arbeiten mit seiner "Chamtzer" Jugend auseinandergesetzt hat: die allgegenwärtige Überwachung durch die Staatssicherheit, dokumentiert in vielen Fotos und Protokollen. Auch Yvonne Dippmann, Teil des Berliner Duos Friedrich-Dippmann, nimmt in ihrer Modekollektion Bezug auf die Stadt und verwendet darin mehrfach Stilisierungen des Marx-Denkmals. Sie hat ihrer Stadt sogar ein Lied gewidmet, in dem es heißt: "Überhaupt scheint das Sehnen fester Bestandteil meines Charakters zu sein. Wohin denn sich sehnen? Ins Heute, ins Gestern, ins Morgen, nach jemandem, zu jemandem, in sich hinein?"

Am ungewöhnlichsten sind die textilen Strick- und Näharbeiten von Bea Meyer, die Raumskulpturen von Jay Gard, aber auch die Porträt-Keramiken von Rosi Steinbach, am bewegtesten ist der Film von Beate Kunath über ihren Weg zur Arbeit.

Besonders berührend ist ein Foto von Christiane Wittig: Grieslig, körnig, wie von einem verblichenen Farbfilm vor fünfzig Jahren, zeigt es ein Ruderboot ohne Ruder mit einem Mädchen auf einem ruhigen, etwas unheimlichen Wasser treibend. Obwohl der Ausschnitt ganz eng gefasst ist, vermittelt das Foto den Anschein von Weite und Verlorenheit, von Unsicherheit, Ausgeliefertsein und Gefahr. Vielleicht ist dies die häufigste Erfahrung des Unterwegsseins, der Reisen in die nähere und weitere Ferne - zumindest wenn man ohne Kompass und Ruder unterwegs ist. Weggehen hilft eben auch nicht immer.

Die Ausstellung "Coming Home" ist noch bis 10. Januar in der Galerie Borssenanger, Eingang Johannisplatz, zu sehen. Geöffnet Mittwoch bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr. www.borssenanger.de

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