Was Chemnitz mit dem Tierpark vor hat

"Eine Zeitreise durch die Erdgeschichte" - nach diesem Leitgedanken soll der Tierpark Chemnitz grundlegend umgestaltet werden. Auch Arten, die längst ausgestorben sind, spielen dabei eine Rolle. Besucher müssen sich auf steigende Preise einstellen.

Anliegen: Obwohl der Tierpark Umfragen zufolge die bei den Chemnitzern beliebteste städtische Freizeiteinrichtung darstellt, weist er seit vielen Jahren einen erheblichen Investitionsrückstau auf. Anders als im Wildgatter Rabenstein, das vom Tierpark mit betreut wird, blieben die Besucherzahlen zuletzt oftmals hinter den Erwartungen zurück. Ein vom Stadtrat Ende vergangenen Jahres verabschiedeter Masterplan sieht nun ein grundlegend neues Konzept für den Tierpark vor. Es soll bis zum Jahr 2032 schrittweise umgesetzt werden, für deutlich mehr Attraktivität und mehr Besucher sorgen. Kostenvolumen: knapp 40Millionen Euro.

Umgestaltung: Der Masterplan sieht vor, den Tierpark in seinen aktuellen Grenzen in großen Teilen umzugestalten. So soll unter anderem an der Nevoigtstraße ein völlig neuer, einladender Eingangsbereich mit Souvenir-Verkauf und neuer Tierpark-Schule entstehen. "Als ich das erste Mal im Tierpark Chemnitz war, habe ich den Eingang nicht gefunden", verdeutlicht Jörg Adler, früherer Direktor des Zoos Münster und einer der Väter des Masterplans, das Problem. Ebenso vorgesehen ist der Bau eines neuen Gastronomie-Komplexes im Stil einer afrikanischen Lodge mit bis zu 40 Sitzplätzen im Innen- und 200 Plätzen im Außenbereich, mit Anschluss zum Spielplatz und Blick auf benachbarte Anlagen. Das Spielplatz-Areal am Weg zum Pelzmühlenteich soll Teil des Tierparks werden.

Leitidee: Der Grundgedanke des Tierparks lautet künftig "Eine Zeitreise durch die Erdgeschichte". Er knüpft damit an andere Chemnitzer Sehenswürdigkeiten an, wie den Versteinerten Wald im Tietz oder das staatliche Archäologiemuseum im früheren Kaufhaus Schocken. Vorgesehen ist, die Geschichte der Entwicklung des Lebens bis zur Entstehung des Menschen nachzuerzählen - mithilfe detailreich gestalteter Landschaften, spannend inszenierter Tieranlagen, Erlebnis-Spielplätzen, Lernstationen sowie moderner Multimediatechnik, wie 3D-Simulationen und Angeboten fürs Smartphone.

Komplex "Entstehung des Lebens": Mit dem Vivarium - einer großen Sammlung lebender Amphibien aus aller Welt - besitzt der Tierpark ein internationales Alleinstellungsmerkmal, das künftig noch mehr in Szene gesetzt werden wird, unter anderem mit mehreren Freilandterrarien. Am neuen Eingangsbereich neben der Tierpark-Villa angesiedelt, steht es im Tierparkkonzept für die Entstehung des Lebens im Wasser und die spätere Landnahme durch die ersten Amphibien. Als zusätzliche Attraktion wird die Aufnahme sogenannter Goliathfrösche erwogen. Die in Westafrika beheimatete Gattung umfasst die größten Frösche der Welt. Mit ausgestreckten Hinterbeinen kommen sie auf 60 bis 80 Zentimeter Körpergröße. Laut Konzept-Autor Jörg Adler wäre der Chemnitzer Tierpark wohl der erste Zoo in ganz Europa, in dem solche Frösche zu sehen sind.

Komplex "Zeitalter der Giganten": Dieser vergleichsweise kleine Themenbereich wird - für einen Zoo einigermaßen untypisch - aller Voraussicht nach ohne lebende Exponate auskommen müssen. Denn dort dreht sich alles um das Leben und Aussterben der Dinosaurier. Das Kernelement soll ein stilisiertes Forschungscamp bilden, das am Wegesrand die Ausgrabung eines Dinosaurierskeletts nachempfindet. Die Autoren des Masterplans erhoffen sich davon nicht zuletzt ein besonderes Erlebnis für Kinder. Sollten Teile des angrenzenden Geländes der früheren Diamant-Werke eines Tages für eine Erweiterung des Tierparks zur Verfügung stehen, wäre eine Ergänzung um eine Anlage denkbar, die die Welt der Dinosaurier über große Projektionen und Hologramme nacherlebbar macht.

Komplex "Entwicklung der Säugetiere": In diesem Bereich des Tierparks sollen die Besucher den Tieren besonders nahe kommen können. Kern ist das bestehende Tropenhaus. Dessen Flusspferdanlage soll perspektivisch so ausgebaut und umgestaltet werden, dass die Tiere - wie in vielen anderen Zoos üblich - auch aus einer Unterwasserperspektive betrachtet werden können. Unterhalb des Tropenhauses ist eine völlig neue Anlage geplant: Ein begehbares Waldstück, in dem Lemuren leben - auf Madagaskar beheimatete Halbaffen, die in vielen Zoos bereits zu den Publikumslieblingen zählen. So gibt es unter anderem im Dresdner Zoo eine begehbare Insel mit Kattas, der wohl bekanntesten Lemurenart. Die Chemnitzer Anlage könnte nach den bisherigen Planungen als eines der ersten Umbauvorhaben überhaupt in Angriff genommen werden. Dafür soll die bestehende Tierparkschule abgerissen werden. Sie wird künftig in einem neuen Gebäude am Eingang zum Tierpark zu finden sein.

Komplex "Entwicklung der Vögel": Auch in diesem Bereich soll eine begehbare Anlage ein besonders intensives Tierpark-Erlebnis ermöglichen. Als Standort der Großvoliere ist jene Anlage nahe der Tropenhalle vorgesehen, wo bis zu seinem Umzug in einen Zoo in den USA im Frühjahr vergangenen Jahres Lippenbär Bodo zu Hause war. Ein steinernes Skelett eines Ur-Vogels Archäopteryx - einer Übergangsform zwischen Dinosauriern und Vögeln - soll verdeutlichen, aus welchen Anfängen heraus sich die heutige Artenvielfalt der Vogelwelt entwickelte.

Komplex "Eiszeit": Mit fast drei Hektar Fläche und zwei Teilbereichen wird diesem von Raubtieren und Steppenbewohnern dominierten Themenbereich der größte Raum auf dem Tierparkgelände eingeräumt. Er erstreckt sich vom Tiger-Gehege bis zur Hirschanlage am westlichen Ende des Areals. Neben diesen Arten sollen auch Geier, Trampeltiere, Kulane, Schneeziegen, Steinböcke und Rentiere zu sehen sein - auch als Beispiele dafür, wie sich Tiere an ein verändertes Klima mit zum Teil extremen Lebensbedingungen anpassen können. Als Besonderheiten ins Auge gefasst sind eine Eiszeithöhle mit Hologramm-Darstellung eines Höhlenbärs, ein Neandertaler-Lager, ein Abenteuergrillplatz und ein Spielplatz zum Thema Mammut.

Komplex "Entwicklung des modernen Menschen": Der ostafrikanische Grabenbruch gilt als der Ort auf der Erde, an dem sich die ersten Vorfahren des modernen Menschen (Homo sapiens) entwickelten. Eine Vorstellung von der Natur dort soll ein zentraler Savannen-Bereich im Herzen des Tierparks vermitteln. Für die großzügige, naturnah gestaltete Anlage sind unter anderem Zebras, Strauße, Flamingos, Somali-Wildesel, Erdmännchen, eventuell sogar Giraffen oder Nashörner vorgesehen. In das seit dem Tod des Publikumslieblings Malik verwaiste Löwengehege sollen Tüpfelhyänen einziehen - möglicherweise bereits in diesem Jahr. Ein Spielplatz in afrikanischem Stil mit kleinem Kiosk rundet den Bereich ab.

Mitmach-Bauernhof: Streicheln, Füttern, Anfassen erlaubt, heißt es künftig auf dem bislang vor allem von Eseln bewohnten Gelände oberhalb des Tierpark-Spielplatzes. Das Verhältnis des Menschen zu Tier und Natur soll dort über Einblicke in die moderne Landwirtschaft bis hin zur Massentierhaltung dargestellt werden. Ein erzgebirgischer Bauernhof mit Hofladen könnte zudem regionale Produkte anbieten; weitere Attraktionen sind denkbar. In der vor allem mit heimischen Haustierrassen besetzten, möglichst begehbaren Anlage wird es den Plänen zufolge auch Angebote für Gruppen geben - vom gemeinsamen Füttern bis zum Ausmisten.

Kosten und Eintrittspreise: Das Konzept geht von Investitionskosten in Höhe von knapp 40 Millionen Euro aus, verteilt auf zwölf Jahre. Durch steigende Besucherzahlen (angepeilt werden mehr als 250.000 Besucher pro Jahr), stufenweise angehobene Eintrittspreise (bis auf ca.15 Euro) und mittelfristig kostenpflichtige Besucherparkplätze soll der Tierpark später etwa 70Prozent seiner Kosten selbst erwirtschaften. Derzeit liegt die Einrichtung sowohl bei Erwachsenen, aber auch bei Kindern unterhalb der durchschnittlichen Eintrittspreise vergleichbarer Zoos und Tierparks in Deutschland. Weiteres Geld soll über Patenschaften und Sponsoren fließen. Die Autoren des Masterplans gehen davon aus, dass ohne dessen Umsetzung auf Dauer weit höhere jährliche Zuschüsse notwendig werden als bislang, ohne dass der Tierpark dabei attraktiver würde. Steigerungspotenzial sehen sie nicht zuletzt bei Jahreskartenbesuchern, die bislang eher unterrepräsentiert seien.


Die Dicken

Goliathfrösche sind die größten Frösche der Welt. Sie bringen zum Teil mehr als drei Kilogramm auf die Waage. Ihre Aufnahme ins Vivarium könnte dem Tierpark zu einer weiteren Attraktion verhelfen, da Goliathfrösche auch in Zoos extrem selten sind. Foto: Paul Zahl/National Geographic/Getty


Die Niedlichen

Lemuren, auf Madagaskar beheimatete Halbaffen, könnten als eine der ersten künftigen Attraktionen im Tierpark Einzug halten. Der Masterplan sieht den Bau einer begehbaren Anlage vor, die einen direkten Tierkontakt und damit ein besonderes Besuchserlebnis bietet. Foto: Jens Wolf/dpa/Archiv


Die Bedrohten

Sibirische Tiger gehören seit den 1970er-Jahren zum Bestand des Tierparks. Auch im künftigen Konzept spielen die stark gefährdeten größten Katzentiere der Welt eine Rolle - als Teil des Themenkomplexes zu Raubtieren und Steppenbewohnern der Eiszeit. Foto: Stempf/Stadt Chemnitz


Die Großen

Giraffen sind als Teil der künftigen großen Savannen-Anlage zumindest im Gespräch. Die Haltung der langbeinigen Paarhufer aus Afrika gilt wegen ihrer empfindlichen Anatomie allerdings als nicht unkompliziert. Alternativ wird über Nashörner nachgedacht. Foto: Federico Gambarini/dpa/Archiv


Was Besuchern wichtig ist

Bei der Ausarbeitung des Masterplans für den Tierpark stützten sich die Autoren der auf die Tourismus- und Freizeitbranche spezialisierten Unternehmensberatungsgesellschaft Pluswerte aus Markkleeberg bei Leipzig unter anderem auf eine Online-Befragung vom November 2016. Die mehr als 1000 Teilnehmer durften dabei Schulnoten vergeben.

Am besten bewertet wurden die Orientierung und Beschilderung im Tierpark (60 Prozent gut bzw. sehr gut), Sauberkeit, Tierbestand und die Kundenorientierung und Freundlichkeit der Mitarbeiter (je knapp 50 Prozent). Besonders negativ bewertet wurden Angebote für Kinder (50 Prozent Note 4 und schlechter) sowie die Attraktivität der Tieranlagen und die Serviceangebote (je 42 Prozent).

Auf die Frage hin, "Was wäre das Wichtigste, was Sie im Tierpark Chemnitz ändern würden?", sprachen sich 70 Prozent der Teilnehmer für mehr Attraktivität aus. 51 Prozent mahnten Verbesserungen beim Zustand der Gehege an, fast ebenso viele forderten Augenmerk auf den Tierschutz und eine artgerechte Haltung zu legen.

Bei den Eintrittspreisen (aktuell 6Euro für Erwachsene) scheint es Spielraum nach oben zu geben. Der Umfrage vom Herbst 2016 zufolge liegt der als "teuer, aber angemessen" empfundene Preis im Durchschnitt bei 8,64Euro, die als "zu teuer" eingestuften Preise beginnen bei 12,84Euro. Im Schnitt hatten die Teilnehmer bei ihrem letzten Besuch im Tierpark 16,50 Euro pro Kopf ausgegeben. Gut ein Drittel gab an, mehr als 20 Euro ausgegeben zu haben.

Die Park- und Verkehrssituation rund um den Tierpark stellt sich nicht nur aus Sicht der Besucher als problematisch dar. Laut zuständigem Bürgermeister Miko Runkel wird der Bau einer Parkgarage erwogen. Auch die Umwandlung der Nevoigtstraße in eine Einbahnstraße sei denkbar. Tierpark-Direktorin Anja Dube (Foto) empfiehlt überdies, stärker öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Die Anbindung bewertet sie als sehr gut.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 5 Bewertungen
4Kommentare
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  • 3
    2
    Kröterich
    21.02.2019

    40 Millionen dafür, einen doch recht schönen Tierpark gleich komplett neu zu erfinden? Geldverschwendung. Hätte man einen Bruchteil davon in den Erhalt und die Verbesserung des Bestehenden gesteckt, wäre allen mehr gedient. Jetzt kommt eine endlose Baustelle auf uns zu. Und was der Herr Adler da zu verzapft...: Also, ich komme auch von außerhalb und habe den Tierpark immer sofort gefunden. Scheint ein persönliches Problem von Herrn Adler zu sein. In Zeiten von Navis sowieso zu vernachlässigen. Goliathfrösche: Nein, nicht der erste. Dresden hatte früher welche, Berlin, Duisburg, . Die lassen sich nicht gut halten und sind alle irgendwann eingegangen. Sollte Adler wissen. Aber der hat auch erzählt, die "Zeitreise" sei ein einzigartiges neues Konzept - dann war er offenbar noch nicht im Gaiapark bei Aachen und in einem halben Dutzend weiterer Parks in Europa. Auf solche teuren "Experten" können wir gut verzichten! Ansonsten lese ich nur Gastronomie, Spielplatz, Shop, Camp, Dinosaurier - offenbar soll der Tierpark zum Freizeitpark mit Tieren als nebensächlicher Zierde werden. Das ist dann nicht mehr unser Tierpark und zudem wird er den dreifachen Eintrittspreis kosten! Nein danke.

  • 4
    11
    ArndtBremen
    20.02.2019

    @Cn3: Der Bus hält fast vorm Tierparkeingang. Falls Sie eine Straßenbahn bis ins Ponygehege benötigen, sollten Sie mit dem Baubürgermeister Kontakt aufnehmen.

  • 14
    3
    cn3boj00
    20.02.2019

    Es ist schon lange nicht mehr zeitgemäß einfach Tiere im Käfig auszustellen, deshalb ist es sehr begrüßenswert, dass eine Umgestaltung erfolgt die einem Leitgedanken folgt, und auch auf Tiere zu verzichten, wenn es dafür keine geeignten artgerechten Haltungsmöglichkeiten gibt. Der Chemnitzer Tierpark ist nun mal in seiner Fläche begrenzt. Deshalb ein Lob für diese Pläne.
    Einzig die Aussage, dass die Verkehrsanbindung gut sei würde ich so nicht unterstreichen. Gut wird sie erst wenn eine Straßenbahn dort vorbeifährt.

  • 18
    3
    Mike1969
    20.02.2019

    Finde ich sehr gut, dass man für den Tierpark mal endlich Geld in die Hand nimmt und diesen Neu mit neuen Ideen gestaltet. Gut. Weiter so!



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