Zwischen Beethoven und Protestparolen

Freitagabend im Zentrum: Tausende Konzertgäste auf dem Theaterplatz, 2300 Demonstranten bei Pro Chemnitz, etwa halb so viele bei Chemnitz Nazifrei - und dazwischen massives Polizeiaufgebot.

Rund 5000 Menschen erlebten am Freitagabend auf dem Theaterplatz die Aufführung von Ludwig van Beethovens 9.Sinfonie unter der Leitung von Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo.
Einem Aufruf von Pro Chemnitz folgten zur gleichen Zeit etwa 2300 Menschen. Viele Teilnehmer waren von außerhalb angereist. Foto: Toni Söll

Von Benjamin Lummer und Michael Müller

Größer kann der Kontrast kaum sein: Auf dem Theaterplatz erklingt die Ode an die Freude - Beethovens 9.Sinfonie soll vor allem Hoffnung geben in diesen Tagen. Schätzungsweise 5000 Besucher sind gekommen, nicht zuletzt um ein Zeichen zu setzen für die Stärke der Gemeinsamkeit und gegen die Instrumentalisierung des Tötungsverbrechens am Sonntag vor zwei Wochen.

Einige Hundert Meter entfernt - vor dem Marx-Kopf - skandieren derweil 2300 Teilnehmer der Kundgebung der rechtspopulistischen Vereinigung Pro Chemnitz "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen." Gegenüber, im Stadthallenpark, treffen sich etwa 1000 Anhänger der Bewegung Chemnitz nazifrei. Die beiden Kundgebungen werden von einem massiven Polizeiaufgebot getrennt. Eine Barriere aus Polizeiwagen zieht sich über nahezu die gesamte Brückenstraße und weiter bis auf die Straße der Nationen. Ein Polizeihubschrauber kreist über der Stadt; abseits des Geschehens werden Wasserwerfer bereit gehalten.

Die Sprechchöre der Demonstranten - von welcher Seite sie kommen, ist nicht auszumachen - dringen später bis auf den Theaterplatz. Für eine "Kultur der Offenheit und Vielfalt" wollen die Chemnitzer Theater dort werben. Das Konzert der Robert-Schumann-Philharmonie und zahlreicher Gastkünstler aus Ensembles von Nürnberg bis Berlin - es soll ein Angebot sein vor allem für jene, die sich Gedanken machen um ihre Heimatstadt, die sich von Kundgebungen und Demonstrationen aber nicht angesprochen fühlen. "Natürlich geht es hier nicht nur um die Musik und darum, einen schönen Abend zu haben", sagt eine junge Frau aus dem Publikum. "Das Thema ,Chemnitz und wie weiter?' beschäftigt doch alle."

Das Konzert, so erläutert Intendant Christoph Dittrich, sei als Ort der Begegnung gedacht für alle besorgten Bürger der Stadt. "Angst und Sorge müssen artikulierbar bleiben, aber ohne Gewalt und Hass", betont er zu Beginn des Abends - und erhält dafür Applaus. "Wir vertrauen der Kunst und möchten, dass ein anderes Bild von Chemnitz um die Welt geht."

Viel Beifall gibt es auch für einen Überraschungsgast: Stefan Heym (1913-2001), der Chemnitzer Ehrenbürger, trat in Gestalt einer Puppe des Figurentheaters auf - ein ihm gewidmetes Stück hat Anfang kommenden Monats Premiere. Zitate aus seinen Reden und seiner Publizistik (etwa: "Zu seufzen und zu jammern ist einfach nicht genug") honoriert das Publikum als Kommentare von hoher Aktualität.

Vom Kundgebungsort am Marx-Kopf brechen gegen 19.15 Uhr die Teilnehmer der Pro-Chemnitz-Demonstration zu einem etwa einstündigen Protestmarsch auf. Der führt über Mühlenstraße, Brühl, Müller- und Nordstraße zurück zum Marx-Monument. Unterwegs skandieren sie unter anderem "Das ist unsere Stadt", "Kriminelle Ausländer raus" "Lügenpresse" und "Festung Europa- macht die Grenzen dicht". Erstmals wird mit "Ludwig muss weg"-Rufen der Rücktritt der Oberbürgermeisterin gefordert. Kundgebung und Protestmarsch, die kurz vor 21Uhr enden, bleiben laut Polizei weitgehend störungsfrei. Am Ende stehen sechs Anzeigen wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz zu Buche. Für kommenden Freitag kündigt Martin Kohlmann von Pro Chemnitz eine weitere Kundgebung am Marx-Kopf an.

Wenig später ist auch auf dem Theaterplatz der letzte Takt verklungen. Etwas später als geplant; wegen eines heftigen Regengusses hatte das Konzert für kurze Zeit unterbrochen werden müssen. Auf dem Heimweg, vorbei an berittener Polizei und jeder Menge Blaulicht, treffen die Konzertbesucher auf Teilnehmer der Pro Chemnitz-Demo. Man geht sich aus dem Weg. (mit dy)

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17Kommentare
👍0👎2 Hinterfragt 11.09.2018 "...Das Konzert, so erläutert Intendant Christoph Dittrich, sei als Ort der Begegnung gedacht für alle besorgten Bürger der Stadt...."
Gute Idee Herr Intendant, allerdings waren die "besorgten Bürger" ja gemäß aktuellem Political Correctness-Sprech, alle auf der Demo vorm Monument ...
👍1👎3 ralf66 10.09.2018 @Submain, kein Wort habe ich in meinem Beitrag zu einem Herrn Kohlmann geschrieben, diesen Namen kannte ich bis jetzt ehrlich gesagt gar nicht, mein Beitrag bezog sich auf andere Fakten, kann sein, dass ich mich bisschen falsch ausgedrückt habe. 2016 zum Beispiel, sind ca. 281.411 Menschen aus Deutschland ausgewandert, jetzt glauben Sie nicht, dass waren Menschen die 2015 kamen, nee, dass sind Deutsche gewesen, die ziehen nämlich ins zum großen Teil ins europäische Ausland, weil sie die Nase vom Multi-Kulti Modell Deuschland voll haben, wo man buckeln kann bis zum umfallen, wenig verdient, unmengen Steuern zahlen darf und vor allem, wo die einen abgeknöpften Steuern, immer mehr zweckentfremdet verschleudert werden aber immer weniger für die, die sie erarbeitet haben eingesetzt werden.
👍7👎2 submain 09.09.2018 Zitat ralf66
>

Also sorry, aber das was du schreibst ist total Müll. Als ob es in anderen Ländern, wenn Kohlmann mit seiner Sippe dort hin kommt und einen eigenen Staat gründet, mehr Deutsch zugeht, als in Deutschland.
Ich denke mal, du willst damit sagen, dass er eine Sekte gründet und mit dieser aus Deutschland verschwindet, um wonanders eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Um ehrlich zu sein, finde ich diese Idee ziemlich cool. Weil dann sind wa den wenigstens los. Ich glaub, den wird auch keiner vermissen.
👍10👎3 submain 09.09.2018 Naja, ob die Teilnehmer der Pro Chemnitz Demo ihr Land wirklich mögen, bezweifel ich. Wie ja unten schon geschrieben, ist Kohlmann davon überzeugt, dass es den Sachsen oder Chemnitzern besser geht, wenn diese aus Deutschland austreten. Diese Meinung vertritt er auch nicht erst seit gestern, sondern schon seit Jahren.

Kohlmann hat früher mit blödsinnigen Verschwörungstheorien Propaganda betrieben. Jetzt verpackt er diese Inhalt in den Mantel der derzeitigen Lage. Trotzdem ist und bleibt seine Weltanschauung abstrakt und unsinnig. Man sollte sich mal mit seinen Reden und Theorien in der Vergangenheit auseinander setzen, was er damals gefordert und erzählt hat. Dann würden viel weniger diesem Kerl hinterrennen. Der nutzt die jetzige Situation in der Stadt, um seine Meinung endlich vor mehr als 50 Leuten kundzutun. Die, die ihm zustimmen hören entweder nicht zu oder sind völlig verblendet.

Jedoch ist das ganze auch kein Platz für linke Parolen. Es ist zwar gut, dass es Gegendemonstranten zur Kohlmann-Veranstaltung gibt, aber mit Antifaschistischen Rufen und Aussagen erreicht man überhaupt nix. Weil sich so beide Seiten nur noch mehr anstacheln und gegenseitige Vorwürfe machen.

Deshalb ist es vielleicht das beste, gar nicht erst zu diesen Kundegebungen zu gehen, solange ein Spinner auf der einen und Unverbesserliche auf der anderen Seite stehen. Da ist das Klassik-Konzert die vernünftigste Alternative, wenn man Flagge zeigen will.

Ich hoffe die Teilnehmer der Kohlmann-Demo wissen, wen sie sich ins Boot holen. Damit meine ich auf das Amt des Bürgermeisters hiefen. Das wäre nämlich ein Schaden, der unabsehbare Konsequenzen nach sich zieht. Die protestierende Mittelschicht würde auch am wenigsten davon profitieren, ich hoffe das wird denen irgendwann klar...
👍3👎12 ralf66 08.09.2018 @cn3boj00, da kann man doch ganz deutlich sehen, dass Sie den Kern der Sache nicht verstehen! Wenn ein Deutscher fordert, sich als Bundesland Sachsen, an andere nichtdeutsche Staaten anzuschließen, dann nicht deswegen, weil er Deutschland nicht mehr liebt, sondern nur deswegen, weil er das Gefühl hat, dass es in Deutschland in breiter Hinsicht nicht mehr deutsch zugeht und in den Ländern wohin er den Anschluss wünscht, diese Probleme nicht herrschen, man dort als Deutscher mit seiner Kultur, Religion und Lebensweise eventuell besser akzeptiert wird und leben kann, als wie es heute in Deutschland der Fall ist!!!
👍6👎4 ralf66 08.09.2018 Es ist völlig unverständlich, wie man den roten Daumen setzen kann, wenn ich hier kritisiere, dass der linke Ausspruch ''Deutschland verrecke" nicht in Ordnung ist!!!
👍6👎6 ralf66 08.09.2018 Diese hier im Artikel beschriebene Veranstaltung, stand doch auch unter dem Motto: , nun aber mit sehr deutlich weniger Teilnehmern! Lag das nun etwa an der Musikrichtung, oder an dem was man politisch und menschlich zum Ausdruck bringen will? Ich denke, nur an der Musikrichtung, die linke Krawallmusik, der Bands am Montag, zog doch angeblich 65.000 Teilnehmer nach Chemnitz, nun bei Beethovens 9. Sinfonie, bringt man es nur noch auf ca. 5000 Teilnehmer! Was wollten denn die 65.000 Teilnehmer am Montag nun politisch und menschlich zum Ausdruck bringen, außer Party, wenn unter dem gleichen Motto bei einer kulturell anspruchsvollen Musik von Beethoven, die sich leider nicht zum Party machen eignet, 60.000 Teilnehmer weniger erscheinen?
👍7👎13 BlackSheep 08.09.2018 @cn3boj00, warum gehen dann nicht die Linken die "Deutschland verrecke" gröllen?
Die die gegen massenhafte Einwanderung, gegen Ausländerkriminaltät usw. sind lieben Ihre Land um einiges mehr als die oben genannten Krawallmacher. Allerdings ist dieser Staat entgegen landläufiger Meinung nicht auf dem rechten Auge, sondern auf dem Linken völlig blind.
👍9👎9 ArndtBremen 08.09.2018 Es wäre auch langsam an der Zeit, mal zum Kernthema zurückzukehren. Dem feigen und hinterhältigen Mord an einem Menschen. Erinnern sie sich noch?
👍4👎10 ArndtBremen 08.09.2018 @cn3...: Sie haben den Sinn nicht begriffen oder Sympatisant der Linksterroristen. Mehr fällt mir zu Ihnen nicht ein.
👍3👎5 Interessierte 08.09.2018 Von 5.000 Menschen sprach man heute .....
👍9👎10 ralf66 08.09.2018 Wenn die Linken ''Deutschland verrecke" schreien dann ist das leider keine verfassungsfeidliche, oder strafbare Handlungen! Man brüstet sich gerne damit, dass die Straftaten der Linken in der Statistik geringer ausfallen, als die der Rechten, dass hängt unter anderen damit zusammen, dass das einfache zeigen von Zeichen, Abzeichen, dass rufen von Aussprüchen aus der Nazizeit verboten ist und unter Strafe steht, also wenn ein Rechter eine verfassungsfeindliche Parole in der Öffentlichkeit schreit, wird er bestraft, der Linke, hat hier den größeren Spielraum und kann die Fahne mit Hammer und Sichel so lange schwenken, ein rotes Liedl dazu singen, bis ihm die Arme abfallen, es passiert ihm nichts! Es wird höchste Zeit, dass man solche Ausspprüche der Linken wie ''Deutschland verrecke" einmal genauer unter die Lupe nimmt, denn mit solch einem Ausspruch meint man alles was mit dem Land zusammenhängt u.a. auch das Staatsvolk und das ist höchst unverständlich solche Aussprüche der Linken straffrei durchgehen zu lassen!!!
👍12👎8 cn3boj00 08.09.2018 @ArndtBremen, schön dass sie den Spruch von der Liebe zu Deutschland zitieren. Vor gut einer Woche, Donnerstag an der Fischerwiese, hat dieser heimatliebende Herr Kohlmann in seiner Rede gefordert, Sachsen solle aus Deutschland austreten und sich den Visegrad-Staaten anschließen. Schon vergessen? Sieht so die Liebe zu Deutschland aus? Wo war da Ihr Kommentar?
Wer Deutschland nicht liebt, soll nach Ungarn oder Polen auswandern!
👍6👎14 ArndtBremen 08.09.2018 @mathausmike: auch für Sie gilt "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen".
👍17👎9 CPärchen 08.09.2018 @ArndtBremen: Recht haben Sie! Der Spruch der linken Spinner dient rein der Provokation. Das ist auch der Punkt, der mich ärgert. Die Demonstranten, welche gewaltbereite Rechte unter sich haben, wirft man vor dort mitzulaufen, aber wenn gewaltbereite Linke sich unter die Leute mischen, wirft man dies diesen Beteiligten wiederum nicht vor.
So lange die Menschen friedlich für ihre Anliegen auf die Straße gehen, ist das zu tolerieren.
👍6👎13 mathausmike 08.09.2018 Im Artikel irritiert mich die Zahl, der ohne die Sonne braun gewordenen,welcher dort 2300 Leute zählte,der Liveticker nennt aber 1500 dieser rechten Verherrlichung!
👍22👎9 ArndtBremen 08.09.2018 Ein gelungenes Konzert, eine absolut friedliche Demo von Pro Chemnitz. So geht Demokratie, so funktioniert die Vielfalt in unserer Stadt. Trotzdem bin ich entsetzt. Entsetzt von Rufen aus dem Lager der Linksterroristen "Deutschland verrecke". So geht es nicht.
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