Der Garten ist mein Wohnzimmer

Mit Sichtachsen lassen sich idyllische Räume zum Leben und Ausruhen schaffen - auch in kleinen Gärten. Madeleine Metz aus Moritzburg macht es beispielhaft vor.

Lautlos schlängelt eine Ringelnatter durch den Gartenteich. Zwischen den Blättern der Teichrose duckt sie sich ab. Was wird heute auf ihrem Speiseplan stehen? Ein Molch? Eine Libelle? Verschwiegen kräuselt sich das Wasser.

Madeleine Metz steht auf der Terrasse, die über den Teich ragt. "Er hat sich von allein besiedelt. Wasser zieht Leben an. Es gehört für mich unbedingt in den Garten", sagt die Moritzburgerin und hebt den Blick. Er bleibt an einem knorrigen Walnussbaum hängen. Seine Äste spiegeln sich im Teich. Früher, als es weder Terrasse noch Teich noch Haus gab, stand er am Rand einer Streuobstwiese. Als Kind ist Madeleine Metz auf ihm herumgeklettert und hatte das Paradies vor Augen: Birnen, Äpfel, Kirschen, Renekloden. Viel hat sie im Garten ihrer Eltern seither geändert. Der Nussbaum ist geblieben. Er ist mehr als ein Hausbaum. Er ist gestalterisches Element, "unsere Skulptur", sagt sie.

Unter den Händen der Keramikerin und ihres Mannes ist der Nutzgarten zu einem Landschaftsgarten geworden. Seit 30 Jahren gestalten sie ihn um. Zwei bis drei Stunden ihrer Freizeit investieren sie von Frühling bis Herbst täglich. "Die Natur ist ein interessanter Gedankengeber. Ein Ende nimmt das nie", sagt Metz. Sie lächelt nachdenklich, als würden sich in ihrem Kopf neue Gestaltungsideen formen. Nichts ist hier dem Zufall überlassen. Alles ist genau durchdacht, aufeinander abgestimmt. "Zwischen geordnet und wild", umschreibt sie den Zustand. Setzen will man sich, und schauen.

Denn zu sehen gibt es viel. Metz' Garten spielt mit dem Blick, täuscht Nähe oder Tiefe vor, weckt Neugier auf Bereiche, die nicht einsehbar sind. Er leitet zu entfernt stehenden Vasen, Amphoren oder Gewächsen, die eine besondere Blütenintensität oder Laubfärbung haben. Im Frühling sind das Rhododendren, im Sommer Schneeballhortensien, Eisenholzbaum und Fächerahorn im Herbst. Von gut gewählten Sitzplätzen aus lässt sich der Garten mit den Augen erschließen. Je nach Tageszeit bieten sie Sonne oder Schatten, laden zum Essen oder Ausruhen ein, manchmal bis spät in die Nacht. "Hier halten wir uns auf. Die Plätze sind keine Deko", sagt Metz.

Entlang von Säulengängen und Kolonnaden lenkten Sichtachsen schon in der Antike den Blick auf Besonderes: auf Heiligtümer, Opferplätze oder Götterstatuen. Als Point de vue - Blickpunkt - wird dieses Besondere in der Zeit August des Starken bezeichnet. In barocken Parkanlagen wandert das Auge entlang schnurgerader Wege, Alleen oder Wasserbecken zu Palais, Orangerien, mitunter bis zum Horizont. Im Barockgarten Großsedlitz bei Heidenau funktioniert das noch jetzt auf eindrucksvolle Weise. Manchmal geht der Blick auch zu einem Pavillon oder einer Insel. Im Barockgarten Zabeltitz bei Großenhain steht der Pavillon sogar auf der Insel. Wer sich dem Park auf dem Röderradweg aus dem Wald kommend nähert, dem eröffnet sich unerwartet eine 300 Meter lange und 20 Meter breite Schneise, ein visuelles Ereignis. Der Blick steigt von einer Wiese über Wege, an Hainbuchenhecken vorbei zu Wasserbassins, die Treppe zum Palais hinauf und richtet sich durch eine zentrale Flügeltür quasi dorthin, wo früher repräsentiert und getafelt wurde. Der Ausdruck spontaner Bewunderung, der manchem dabei entfährt - aha! - , ist namengebend geworden für die Art der Sichtachse: Sie ist ein Aha. Fürst Pückler hat diese geschickte Verführung des Auges in seinem Muskauer Park perfektioniert.

Streift der Besucher durch solche Anlagen, hat er "oftmals nur einen kurzen Moment, um die Sichtachse zu entdecken. Schwatzt er zu viel oder ist abgelenkt, verpasst er den Blick", sagt Wolfgang Friebel. Ziel sei, die Aufmerksamkeit des Betrachters zu fesseln, weiß der ehemalige Gartenmeister des Pillnitzer Schlossparks. Das hat eine philosophische Dimension. Die Chance, die Sichtachse wahrzunehmen, ist kurz - vergänglich wie der Tag, die Natur, das Leben selbst.

Im Hechtkraut von Madeleine Metz' Teich tummeln sich Wasserläufer. Eine Libelle sonnt sich auf einer Flatterbinse. Die Ringelnatter ist lautlos abgetaucht. Hinter dem Teich steigt ein Hang leicht an. Er wird eingefasst von einer sanft geschwungenen Staudenbeetinsel rechts. Dahinter verbirgt sich im Dickicht ein altes Bienenhaus mit spitzem Giebel. Niedrige Ziegelmauern gleichen Höhenunterschiede in der Mitte des Hanges aus und strukturieren ihn optisch. Dahinter bescheint die Vormittagssonne die alte Streuobstwiese. Der Klarapfel, der dort eine Liege beschattet, ist 60 Jahre alt. Am oberen Grundstücksrand sorgen hohe Nadelbäume und Heckenpflanzen für tiefe, dunkle Farbtöne. Die Azaleen davor fesseln in ihrer Blütenpracht den Blick aufs Neue, bevor er weiter wandert zu den Staudenrabatten, die sich links am Anbau vorbei zum Haupthaus hinmäandern. Anders als Hauslinien und Mauerreihen sind Wege und Beetsäume geschwungen. Ein spannender Kontrast.

Immer wieder fangen Details den Blick ein: Eine ausgefallene Blattform hier, liebliche Blüten da, dort ein Dekorband im Ziegelweg oder ein Spülstein, aus dem Wasser sprudelt. Die Trockenmauer ist nicht einfach nur aus gleichen Ziegeln gesetzt, sondern ein Sammelsurium unterschiedlicher Oberflächen, Dicken und Beschaffenheiten - geschmückt mit eigenen Tonkreationen. Das macht sie zum Blickfang für den Menschen und Lebensraum für Eidechsen und Insekten. Überall lockt Interessantes. Dadurch erscheint der Garten größer und abwechslungsreicher, als er ohnehin ist. Ein Trick, den sich auch Besitzer kleinerer Außenflächen zunutze machen können.

"Die Gartengröße ist egal. Jeder lässt sich in Räume einteilen, überall kann man mit Hilfe von Sichtachsen Nischen zum Verweilen schaffen", sagt Cathrin Petrik, Landschaftsgärtnerin aus Oberwiera im Landkreis Zwickau. Gelingt das, fühlt sich der Gartenbesitzer behaglich wie in seinem Wohnzimmer - nur eben open air. Selbst rechteckig geschnittene Reihenhausgärten ließen sich so verändern, dass das Grundstück größer wirkt. "Im Gegensatz zu großen alten Gärten müssen dafür in kleinen Anlagen die Sichtachsen geschlossen werden", erklärt Petrik. Funktionieren könne das etwa, in dem man anschließend an die Terrasse, die viele solcher Grundstücke haben, links ein flaches Blumenbeet anlegt, dahinter an der Seite quer ein Hochbeet mit Sitzbank aufstellt, und dahinter ein Heckenelement pflanzt. "Das kann auch ein anderer Sichtschutz sein wie bepflanzte Torbögen oder Pergolen", so Petrik. Rechts von der Terrasse könnten Trittsteine im Rasen einen neuen optischen Raum erschließen, der hinten von einem Obstspalier oder weiteren Hochbeeten begrenzt wird. Hinter der Hecke links ließe sich eine Sonnenliege aufstellen. "Ziel ist, dem Auge immer etwas Neues und Schönes anzubieten", sagt sie. Das könnten auch einzelne Objekte wie Pflanzbehälter, eine Kräuterschnecke oder ein besonderes Gehölz sein. Deren Wert weiß Madeleine Metz zu schätzen. "Ich liebe Charakterbäume" sagt sie. Ihr Jeanshemd hat die Farbe eines heiteren Sommerhimmels, die Hose leuchtet in warmem ziegelorange - Lieblingsfarben, die sich in Wegen, Mauern und Blüteninseln wiederfinden.

Buchtipps: Andrea Christmann: Kleine Gärten gestalten. Blv, 168 Seiten, 16,99Euro; Tanja Minardo: Kleine Gärten vergrößern. Becker Joest Volk Verlag, 176 Seiten, 39,90 Euro

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