Der seltsame Herr Nocken

Als der Verfassungsschutz in Hessen einen Bericht zum NSU für 120 Jahre zur Geheimsache erklärte, galt das als unerhört. Personen gelte es zu schützen - und ihre Nachkommen. Wer muss so lange geschützt werden? Vor was? Eine Spur führt von Wiesbaden über Erfurt nach Kassel.

Erfurt/Kassel.

Runden mit dem Fahrrad über Amtsflure, relaxte Dienstbesprechungen mit nackten Füßen auf dem Tisch, romantische Dinner bei Kerzenlicht, zu denen der Chef des Nachts Mitarbeiterinnen ins Büro geladen haben soll. Über Helmut Roewer, den von 1994 bis 2000 amtierenden Präsidenten des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz, wurde im Zuge der Aufdeckung der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) viel geschrieben. Zu kurios muten sie an, die aus seiner Behörde kolportierten Anekdoten über seine Umgangsformen. Auch bewies der Geheimdienstchef schon mal Geschichtsbewusstsein, indem er bei einem offiziellen Termin als General Erich Ludendorff auftrat, samt Weltkriegs-Wintermantel und Pickelhaube. In Bezug auf die NSU-Entstehung - die rechte Szene Thüringens radikalisierte sich schließlich in Roewers Amtszeit - scheint indes eher sein späteres Engagement von Interesse. Roewer publiziert inzwischen in neu-rechten Magazinen.

Bei Versäumnissen des Thüringer Verfassungsschutzes war der öffentliche Fokus vor allem auf Helmut Roewer gerichtet. Das erkannte auch der erste Thüringer Untersuchungsausschuss zum NSU. Doch mahnten die Aufklärer in ihrem Bericht, man möge Roewers Stellvertreter nicht übersehen. Der aus Hessen importierte Geheimdienstler Peter-Jörg Nocken sei "kein unbeschriebenes Blatt". In der Tat hatte Nocken bereits vor seinem Wechsel nach Thüringen einige Blätter gefüllt - in Ermittlungsakten.

Im Fall der bis heute ungeklärten Ermordung des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, stand Nocken im Verdacht, eine falsche Spur zur angeblich dritten Generation der "RAF" (Rote Armee Fraktion) gelegt zu haben. Mit fragwürdigen Methoden.

Der Banker Herrhausen war 1989 in seinem Wohnort Bad Homburg durch einen Bombenanschlag getötet worden. Unter dem Tarnnamen Mike Nordmann soll der damals hessische Verfassungsschützer Nocken zusammen mit einem weiteren Mitarbeiter seiner Behörde einen vormaligen V-Mann, ein früherer Spitzel in der linksextremen Szene, zu einer Falschaussage erpresst haben. Der Ex-V-Mann hieß Siegfried Nonne und wohnte in Bad Homburg. Seine - angeblich erpresste - Aussage: Er habe vier Attentätern in seiner Wohnung im Haus Hessenring 116 Obdach gewährt. Der per Lichtschranke gesteuerte Sprengsatz sei in seinem Keller entstanden. Das habe er nur zu Protokoll gegeben, weil ihm die Geheimdienstler gedroht hätten, räumte Siegfried Nonne später vor laufender Kamera in einer ARD-Sendung ein. Die Herren Nordmann (Nocken) und Schultheiß hätten angekündigt, ihn in einer psychiatrischen Anstalt verschwinden oder augenscheinlich Selbstmord begehen zu lassen, wenn er die gewünschte Spur nicht liefere, betonte der in der Tat psychisch angeschlagene Zeuge. Der "Monitor"-Reporter Ekkehard Sieker beleuchtete den Fall im Buch "Das RAF-Phantom".

2013 zitierte der Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss einen 20 Jahre alten Bericht der "Thüringer Landeszeitung", in dem Insider orakelten, man habe Nocken "elegant" aus Hessen "loswerden" wollen, als man ihn nach Thüringen delegierte. Ganz "los" war man Nocken an der alten Wirkungsstätte aber nicht. Im Zuge der NSU-Aufklärung sagte Nocken als Zeuge im Thüringer Ausschuss aus, er pflege nach wie vor Kontakt nach Hessen. Nicht nur zum Verfassungsschutz - auch zu anderen Diensten. Konkret nannte er den Bundesnachrichtendienst (BND). Von Thüringen aus hatte Nocken dem BND Besuche abgestattet, um sich zusammen mit einem ebenfalls aus Hessen importierten V-Mann-Führer in der Gründung von Tarnfirmen unterweisen zu lassen. Auch private BND-Kontakte aus seiner Zeit in Hessen räumte er ein.

Wie es zu privaten Verbindungen des hessischen Verfassungsschützers zum Auslandsgeheimdienst mit Sitz im bayerischen Pullach kam, blieb im NSU-Ausschuss weitgehend unerörtert. Immerhin unterhielt der BND einen Standort in Hessen. Auch in Mainz, nur durch den Rhein getrennt von Hessens Hauptstadt Wiesbaden, ist der BND ansässig. In der Kurmainz-Kaserne liegt seine geheime Verbindungsstelle 61. Diese pflegt Kontakte zu ausländischen Partnern, etwa zum US-Geheimdienst CIA, der in einer Wiesbadener Kaserne residiert. In Wiesbaden hatte Nocken die Verfassungsschutz-Abteilung Beschaffung geleitet. Das gleiche tat er in Thüringen vor seinem dortigen Aufstieg zum Vize-Chef des Landesamtes. Als Beschaffungsleiter war er es, der das später gescholtene V-Leute-System in Thüringen erst aufbaute.

V-Leuten eine besondere Behandlung angedeihen zu lassen, dessen stand Nocken auch in Thüringen unter Verdacht, wenngleich in anderer Form als bei Siegfried Nonne in Hessen. Bei Razzien, die am 12. September 2000 zum Verbot der Neonazi-Organisation "Blood & Honour" bundesweit stattfanden, fiel Einsatzkräften bei der Durchsuchung beim Thüringer "Blood-&-Honour"-Chef Marcel D. in Gera besonders eins auf: dessen "klinisch saubere" Wohnung. Später kam heraus: Marcel D., der Kontakt zum Chemnitzer Helfernetz des abgetauchten NSU-Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe unterhielt, war V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes - mit offenbar engem Draht zu Peter-Jörg Nocken.

Wie der Thüringer Untersuchungsausschuss anhand alter Berichte herausarbeitete, hatte Nocken kurz vor den Razzien einen wichtigen Termin zugunsten einer spontanen Reise nach Gera abgesagt. Den V-Mann Marcel D. vor den bevorstehenden Razzien gewarnt zu haben, bestritt Nocken, obwohl andere Thüringer Geheimdienstler solches Vorgehen zuvor als völlig normal bezeichnet hatten.

Am selben Tag, an dem sich die Ermittler in Gera über V-Mann "Hagels" "klinisch saubere" Wohnung wunderten, kam am Rheinufer in Wiesbaden eine Geheimdienstler-runde zusammen, zu deren Kreis nach Erkenntnissen des hessischen NSU-Untersuchungsausschusses auch Peter-Jörg Nocken gehört hatte. Ob er an jenem 12. September dabei war, ist nicht verbrieft, doch vermuteten Mitglieder des hessischen Ausschusses, es handele sich um genau jene informelle Runde, auf die der Thüringer NSU-Ausschuss bereits in Zusammenhang mit Nockens fortdauernden Westkontakten hingewiesen hatte. Von einem behördenübergreifenden Kreis aktiver und früherer Geheimdienstler und Polizisten war da die Rede gewesen, die regelmäßig "im Rhein-Main-Gebiet" zusammenkamen. Die Ortsangabe passte genau zu den Wiesen der Maaraue neben der Mainmündung, wo mit Blick auf Rhein, den dahinter aufragenden Mainzer Dom und die Rheingold-Halle die Grillfeier der Geheimdienstler auf dem Gelände des Wasserpolizei stattfand.

Augenreibend hatten die Mitglieder des hessischen NSU-Ausschusses aufgedeckt, dass im hessischen Verfassungsschutz seit Jahrzehnten ein inoffizieller "CDU-Arbeitskreis" existierte. Darauf war man durch einen Zufall gestoßen, der dem Ganzen merkwürdige Bedeutsamkeit verleiht. Den Hinweis auf den Geheimdienstlerkreis fand man in Tagebuchaufzeichnungen des V-Mann-Führers Andreas T. aus Kassel. Und der war im Jahr 2006 selbst Verdächtiger in einem Mordfall, den man jetzt dem NSU zuschreibt.

"Morgen fahre ich eventuell mit FF nach Wiesbaden. Bei der WaPo in Mainz-Kastel ist eine Grillfeier vom CDU-Arbeitskreis im Amt." Tags darauf die Vollzugsmeldung: "Um 11.30 Uhr dann mit FF nach WI gefahren ... Danach Grillfeier in der Maaraue bei der Wasserschutzpolizei." Die Eintragungen vom 11. und 12. September 2000 fanden die Polizisten rund sechs Jahre nach der Grillfeier in Andreas T.s Tagebuch. Wegen Mordes am Internet-Café-Betreiber Halit Yozgat ermittelten sie gegen T., der sich durch sein Verhalten verdächtig gemacht hatte. Er war zum Zeitpunkt des Mordes am Tatort gewesen, hatte Yozgats Internet-Café aber unerkannt verlassen. Zeugen beschrieben ihn. Die Polizei richtete einen Aufruf an ihn, sich zu melden. Er reagierte nicht. Über Internetprotokolle des von ihm genutzten Computers im Café machte man ihn ausfindig. Fortan behauptete Andreas T., nur rein zufällig am Tatort gewesen zu sein. Wenn T. nicht selbst Täter gewesen war, hätte bei seinem Verlassen des Ladens das Opfer aber bereits in seinem Blut hinterm Tresen gelegen haben müssen. Davon will T. nichts bemerkt haben. Immer wieder verstrickte er sich in Widersprüche. Manche entpuppten sich als regelrechte Lügen.

"Fest steht, dass T. immer wieder gelogen hat, nämlich wenige Tage nach dem Mord gegenüber seinen LfV-Kollegen sowie später gegenüber der Polizei und vor dem Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages", hielten Mitglieder der Linken im Bericht des hessischen NSU-Ausschusses fest. Die von T. behauptete Version, er habe nichts gewusst, er habe nichts bemerkt, hielten die Abgeordneten für "die unwahrscheinlichste" aller möglichen. Für nicht ausgeschlossen, wenngleich nicht wahrscheinlich, befanden sie jene Variante, die die Ermittler schon 2006, also vor dem NSU-Bezug des Mordes, verfolgt hatten: die von Andreas T.s Tatbeteiligung. "Es kann abschließend nicht beantwortet werden, ob T. an der Tat beteiligt gewesen ist oder nicht", hielt die Linke im hessischen Ausschuss fest.

Auch dem "CDU-Arbeitskreis" der Geheimdienstler schenkte der Ausschuss Aufmerksamkeit, doch galt der Fokus eher dem Umstand, dass beim Treffen am 12. September 2000 Hessens damaliger Innenminister, der heutige Ministerpräsident Volker Bouffier, dabei gewesen war. Als Innenminister hatte Bouffier 2006 während der Ermittlungen gegen Andreas T. unterbunden, dass die Kasseler Kripo von T. geführte V-Männer verhörte. Nun argwöhnte man, möglicherweise könne nicht der einst vorgebrachte Informantenschutz allein, sondern eine wie auch immer geartete Bekanntschaft Bouffiers mit T. als Grund für die Verhinderung vorgelegen haben.

Weniger Augenmerk als einer Verbindung Andreas T.s zu Bouffier galt dem Umstand, dass der "Arbeitskreis" eine Verbindung Andreas T.s zu Peter-Jörg Nocken nahelegt - und damit eine Spur darstellt, die vom Abtauchen des NSU 1998 bis zum Kasseler Tatort 2006, dem letzten der nach der Tatwaffe Ceska 83 benannten Ceska-Mordserie, reicht. Laut seinem Kollegen Franz F., mit dem Andreas T. am 12. September 2000 zur Geheimdienst-Grillfete gefahren war, nahm T. fortan immer wieder an Treffen der Runde teil. Wenn die NSU-Ausschüsse in Thüringen und Hessen richtigliegen, dürfte er damit über eine längerfristige Schnittstelle zu Nocken verfügt haben, jenem Nestor des Thüringer V-Mann-Wesens, gegen dessen Behörde der Thüringer NSU-Ausschuss 2013 sogar "den Verdacht gezielter Sabotage und bewussten Hintertreibens eines Auffindens" des flüchtigen NSU-Trios laut machte.

Was Andreas T. am 6. April 2006 an den Tatort trieb, bleibt vorerst rätselhaft. Ebenso, warum die Mordserie an ausländischstämmigen Opfern danach endete. Immerhin waren die mutmaßlichen Täter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach dem Kasseler Mord noch mehr als fünf Jahre unerkannt auf freiem Fuß. Erst dann fand man ihre Leichen im ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach.

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