Der vergessene Aufstand und die Jugend

Am 17. Juni 1953 wehrten sich Demonstranten gegen Unterdrückung in der DDR, auch in Sachsen, auch in Freiberg. Lange schienen sie vergessen zu sein. Schüler der Ohain-schule haben sich jetzt auf eine ungewöhnliche Spurensuche begeben.

Freiberg.

Es war keine Schulaufgabe wie jede andere. Oliver Jacob sollte einen Brief schreiben - an einen Mann, der bereits seit 67 Jahren tot ist. "Lieber Alfred Diener", schrieb Oliver Jacob, "...zum 17.06.1953. Es sind rund 50 Menschen gestorben und über 10.000 wurden verhaftet. Leider hatte dieser Tag keinen Einfluss auf die Regierung und deshalb wurde er auch der ,vergessene Aufstand' genannt. Du bist jedoch nicht ganz so vergessen..."

Alfred Diener war ein Schlosser, er arbeitete in einer Autowerkstatt in Jena. Seine Geschichte hat die Bundeszentrale für politische Bildung zusammen mit Deutschlandradio und dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam recherchiert.

Am 17. Juni 1953 demonstrierte Diener mit 20.000 anderen Menschen auf dem Jenaer Holzmarkt. Zusammen mit Arbeitern im ganzen Land wehrten sie sich gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen und die brutale Unterdrückung durch das moskautreue Regime. Einige Demonstranten stürmten das Gebäude der SED-Kreisleitung. Es ist nicht bekannt, dass Alfred Diener politisch organisiert gewesen wäre. Wohl eher zufällig gehörte er zu den drei Männern, die dem Ersten Sekretär der Staatspartei die Forderungen der Demonstranten überbrachten. Er wurde verhaftet, ins Gerichtsgefängnis von Weimar transportiert, misshandelt, von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt und am nächsten Tag hingerichtet. Per Lautsprecher, mit Plakaten und Zeitungsmeldungen verkündeten die Machthaber die Urteile über sogenannte Rädelsführer. Alfred Diener war 26 Jahre alt.

Oliver Jacob ist gerade mal zehn Jahre jünger. Er lernt in der Klasse 9a der Oberschule "Gottfried Pabst von Ohain" in Freiberg. Zusammen mit seinen Mitschülern hat er sich mit dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 beschäftigt. Im Unterricht hatten die Jugendlichen die historischen Fakten gelernt. Dann aber näherten sie sich den Opfern auf einer persönlichen Ebene: Sie schrieben Briefe oder fiktive Tagebucheinträge. "Es geht darum, dass Geschichte erlebbar bleibt und nicht so weit weg rückt", sagt Geschichtslehrerin Saskia Holtz, die das Projekt leitete. Das Thema sei für die meisten Schüler neu gewesen. Bei der Gedenkveranstaltung am Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus auf dem Donatsfriedhof werden Oliver Jacob und zwei weitere Schüler der 9a ihre Texte vorlesen.

Die Initiative kam von Freibergs Oberbürgermeister Sven Krüger (parteilos): "Oft werden Gedenkveranstaltungen heute nur noch von öffentlichen Einrichtungen und Opferverbänden organisiert und leider auch stark von politischen Vereinigungen benutzt. Unser Projekt ist für mich ein wichtiger Bestandteil, um die Schüler in die Erinnerungskultur einzubeziehen."

Eine Idee, die bei den jungen Leuten gut ankam, erzählt Lehrerin Saskia Holtz: "Ich war beeindruckt, wie gut die ganze Klasse mitgemacht hat." Und das unter erschwerten Bedingungen. Wegen der Schulschließung mussten die Jugendlichen zu Hause über die Opfer vom 17. Juni recherchieren; in Büchern und im Internet. Ihre Briefe schickten sie dann an die Lehrerin. Außerdem erstellte jeder Schüler eine Collage aus historischen Fotos; Saskia Holtz fügte sie zu einem großen Ganzen zusammen. Die Jugendlichen werden auch ihre Collage bei der Gedenkveranstaltung präsentieren.

Das Schreiben sei ihm nicht schwer gefallen, sagt Oliver Jacob, aber: "Man kann sich vorstellen, wie die Leute sich gefühlt haben, wenn man weiß, was damals in der Welt los war." Alfred Diener war verlobt und hatte einen Sohn, der gerade ein halbes Jahr alt war. Am 19. Juni 1953 sollte seine Hochzeit sein. Die Gäste waren geladen.

Ein persönlicher Zugang zu den dunklen Kapiteln der Geschichte - das ist das Ziel der Patenschaften, welche die drei Freiberger Oberschulen ab diesem Jahr in Abstimmung mit der Stadt übernehmen. Als nächste ist die Oberschule "Clemens Winkler" dran: Zum Mauerbau am 13. August 1961 bereiten die Neuntklässler Interviews mit Zeitzeugen vor. Schüler der Oberschule "Clara Zetkin" werden die Gedenkveranstaltung zum Bombenabwurf über Freiberg am 7. Oktober 1944 mitgestalten. Für Oberbürgermeister Sven Krüger geht es darum, die Jugendlichen für Geschichte zu begeistern und ihr Demokratieverständnis zu schärfen. Oliver Jacob hat sich bereits damit auseinandergesetzt. In seinem Brief an Alfred Diener schreibt er: "Leider konntest du es nicht miterleben, aber Deutschland ist ein gerechter und freier Staat geworden."

Das Gedenken zum 17. Juni 1953 beginnt am heutigen Mittwoch um 10 Uhr am Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus auf dem Freibergere Donatsfriedhof.


17. Juni 1953: Der Volksaufstand in Sachsen

Anfang der 1950er-Jahre führten Zwangskollektivierungen und die Ausrichtung auf die Schwerindustrie zu einer schlechten Versorgung. Die Erhöhung der Arbeitsnormen löste Proteste aus: Am 16. Juni 1953 streikten Berliner Bauarbeiter in der Stalinallee, am 17. Juni demonstrierte rund eine Million Menschen für bessere Lebensbedingungen und Freiheit.

In Sachsen waren Dresden, Leipzig und Görlitz Zentren des Aufstands.

In Freiberg versammelten sich am 18. Juni auf der Baustelle der Zinkhütte im heutigen Gewerbegebiet Saxonia Bauarbeiter und forderten höhere Löhne und freie Wahlen. Der Militärkommandant des Kreises hatte den Ausnahmezustand verhängt.

In Chemnitz streikten Arbeiter unter anderem im VEB Vereinigte Gießereien, VEB Textima, Büromaschinenwerk und im VEB Schleifmaschinenbau. Die Lage eskalierte nicht. In Zwickau beteiligten sich Wismut-Bergarbeiter am Streik. Bei einem Zusammenstoß mit der kasernierten Volkspolizei und sowjetischen Soldaten am 21. Juni wurden 36 Demonstranten verhaftet. (eva)

Quelle: Landeszentrale für politische Bildung/Archiv "Freie Presse".

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