Die Menschen im Gespräch halten - "Freie Presse" erhält Lokaljournalistenpreis für Dialog-Format

Einer schweigenden, verunsicherten Mitte Gehör zu verschaffen, das ist gerade in emotional aufgewühlten Zeiten wichtig. Die "Freie Presse" hat das mit dem Format "Chemnitz diskutiert" geschafft.

Chemnitz.

Chemnitz - die drittgrößte Stadt in Sachsen - beklagt mitunter, dass sie zu oft im Schatten ihrer größeren Schwestern Leipzig und Dresden steht, dass sie überregional nicht so richtig wahrgenommen wird. Im Herbst 2018 wurde sie wahrgenommen - aber ganz anders als erwünscht. Nach dem Tod eines 35-jährigen Chemnitzers, mutmaßlich verursacht von Asylbewerbern, und den sich anschließenden zum Teil gewalttätigen und fremdenfeindlichen Demonstrationen war Chemnitz plötzlich in jeder Nachrichtensendung die Spitzenmeldung - nicht nur national.

Die Stadt war zerrissen, gespalten, sie suchte nach dem richtigen Umgang mit dieser in vielerlei Hinsicht extremen Situation. Mittendrin die Redaktion der "Freien Presse". Je aufgewühlter und aufgeheizter die Stimmung, desto sachlicher und genauer die Berichterstattung - das war deren Credo. "Es war unser ehrlicher Wille, der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen. Wir haben aber eingeräumt, was wir nicht genau wissen", erinnerte Chefredakteur Torsten Kleditzsch am Donnerstagabend an die fordernde wie aufwühlende Zeit vor reichlich einem Jahr. Was die Kolleginnen und Kollegen in diesen Monaten gezeigt haben, sei konstruktiv im besten Sinne gewesen. Es habe die Menschen der Stadt im Gespräch gehalten. Damit bezog er sich vor allem auf das von der "Freien Presse" initiierte Gesprächsformat "Chemnitz diskutiert", für das die Zeitung am Donnerstagabend bei einer Festveranstaltung im Veranstaltungs- und Kongresszentrum "Kraftverkehr" den wichtigsten deutschen Preis für Regionalzeitungen erhielt - den Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

"Der Redaktion ist gelungen, was in polarisierenden Debatten oft untergeht: auch der verunsicherten, schweigenden Mitte Gehör zu verschaffen", würdigte der Vorsitzende der Stiftung und frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert das Debattenformat. Unter dem Leitgedanken "Der andere könnte recht haben" hätten Akademiker und Arbeiter, Rentner und Unternehmer, Flüchtlingshelfer und Gegner der Migrationspolitik miteinander über das gesprochen, was geschehen ist - und darüber, wie es weitergehen kann in der Stadt, um die Gräben zu überwinden.

Wie wichtig das in dieser Zeit gewesen sei, betonte der Kulturbürgermeister der Stadt Chemnitz, Ralph Burghart. "Das Diskussionsformat der Zeitung hat eindrucksvoll gezeigt, wie man eine gespaltene Stadtgesellschaft wieder zusammenführen kann, indem man den Austausch zwischen Menschen fördert, die ganz unterschiedlicher Meinung sind", so Burghart. Für ihn war es auch ein Beispiel dafür, wie Journalisten Verantwortung übernehmen können, ohne sich mit der Stadt und der Politik gemein zu machen. Dieser Einsatz für Meinungsvielfalt sei wichtig in einer Demokratie.

Genau dort setzte auch der Festredner des Abends an - Werner Schulz, der als Bürgerrechtler aktiv die politische Wende in der DDR vor 30 Jahren miterkämpft hat und für die Grünen in der Volkskammer, im Bundestag und im Europäischen Parlament gesessen hat. Ohne das kritische Gespräch - gerade mit denen, die anderer Meinung sind - gebe es keine Aussicht auf Verständigung, auf Kompromisse. Dadurch würden die Gräben in der Gesellschaft nur noch tiefer. "Die Demokratie braucht den Streit. Und eine lebendige Demokratie braucht einen kritischen, qualitativ hochwertigen und unabhängigen Journalismus", so Schulz. Dabei sollten sich die Journalisten möglichst nicht an den Eliten orientieren, sondern vor allem auch dort hinhören und hinschauen, wo die Menschen mit ihren Alltagsproblemen ringen. Auf jeden Fall aber, so seine Erfahrung, müsse der Meinungsstreit offen, ehrlich und sachlich geführt werden. Toleranz sei da von allen Seiten gefordert - aber die Toleranten dürften nie hinnehmen, dass sie von Intoleranten ausgenutzt werden.

Für ihr Format "Chemnitz diskutiert" hatte die Redaktion viele Partner und Unterstützer in der Stadt, aber auch in der Leserschaft gefunden. Ohne sie sei dieses Projekt gar nicht möglich gewesen. "Wir haben ganz mutige Menschen gefunden, nicht zuletzt jene, die sich am Abend mit der Kanzlerin vor die Kameras dieser Republik auf die Bühne gestellt und dort mit ihr diskutiert haben. Das ist nicht selbstverständlich. Ich danke Ihnen allen dafür, dass Sie uns in dieser Situation vertraut haben", sagte Torsten Kleditzsch am Ende der Veranstaltung.



Journalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2018 

"Freie Presse": Leserdialog- Format "Chemnitz diskutiert"

Nach den Ereignissen vom August 2018, als in Folge des Todes eines 35-jährigen Mannes in Chemnitz die Stadt zwischen zum Teil gewalttätigen Demonstrationen und aufgeheizten Diskussionen gespalten und zerrissen wirkte, hat die Redaktion das Leserdebatten-Format "Chemnitz diskutiert" initiiert. Damit machte die Zeitung den Menschen in der Stadt ein Angebot zu einem offenen, kontroversen und respektvollen Austausch.


Weitere Preisträger 

"Pforzheimer Zeitung": In einer Multimedia-Reportage und in einer Serie in der Zeitung wird an den Tornado in der Region 1968 erinnert.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": Drei Redakteure der Rhein-Main-Redaktion der FAZ haben mit ihrer Recherche Fehler bei der Landtagswahl in Hessen aufgedeckt.

"Kreiszeitung Syke": Den Volontärspreis erhält Katia Henriette Backhaus für das Projekt "Klimawandel in der Region".

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