"Die Tragweite hatte damals vermutlich niemand begriffen"

Geschäftsführer Stefan Fraas sieht ein Minus von einer halben Million Euro für die Vogtland Philharmonie

Keine Proben, keine Auftritte - auch die Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach wurde durch das Coronavirus schwer getroffen. Allmählich kann sie ihren Betrieb wieder aufnehmen. Welche Auswirkungen hatte die Zwangspause? Gunter Niehus sprach darüber mit Geschäftsführer Stefan Fraas.

Freie Presse: Können Sie sich noch an den letzten Auftritt vor der Coronakrise erinnern?

Stefan Fraas: Oh ja! Das war die Filmmusik am 7. März in Schwarzenberg. Am 13. März wären 16 Uhr Proben und 18 Uhr der Jahresempfang des Landkreises Greiz gewesen. Um 14 Uhr kam an diesem Tag die Nachricht, dass alles ausfällt. Denn es hatte den ersten Coronafall im Landkreis Greiz gegeben. Danach war lange Schluss mit allem.

Konnten Sie sich damals vorstellen, was wegen Corona auf die Philharmonie zukommt?

Nein, die Tragweite hatte damals vermutlich niemand begriffen. Zumindest auf kleinere Auftritte hatte ich schon gehofft - über Ostern vielleicht. Einige Veranstaltungen wurden damals vom März erst mal in den September verlegt. Jetzt werden sie noch mal verlegt. Keiner konnte sich vorstellen, was da wirklich auf uns zukommt.

Können Sie schon sagen, wie viel Geld der Philharmonie dadurch entgangen ist?

Von März bis August sind uns Einnahmen in Höhe von 530.000 Euro entgangen. Wie viel es bis Ende des Jahres sein wird, kann jetzt niemand seriös einschätzen. Denn niemand weiß, welche Auflagen künftig gelten. Die Musiker sind nach wie vor in Kurzarbeit. 75 Prozent. Ohne diese Möglichkeit könnten wir finanziell wahrscheinlich nicht überleben.

Seit einigen Wochen treten Ihre Musiker wieder im kleinen Rahmen auf. Ist das für die Kasse oder für die Ehre - ist da die Brühe nicht teurer als das Fleisch?

Große Einnahmen bringt das tatsächlich nicht. Aber es ist auch kein Verlustgeschäft. Die kleineren Auftritte helfen uns zumindest, das Minus nicht noch zu vergrößern. Es geht dabei aber nicht nur ums Geld. Wie wollten den Leuten in der Region auch zeigen: Wir sind wieder da! Und auch für die Musiker selbst ist es wichtig. Wir können endlich wieder spielen! Das ist für uns wie eine Befreiung!

Konzerte können zurzeit nur unter Auflagen stattfinden. Gibt das böses Blut beim Publikum?

Überhaupt nicht. Die Leute sind sehr diszipliniert, tragen Masken, halten Abstand, keiner beschwert sich. Das macht auch Mut, neue Formate auszuprobieren.

Was meinen Sie mit neuen Formaten?

Na ja, früher mussten wir einfach einen Saal mieten, Plakate aufhängen und die Leute sind gekommen - jetzt mal vereinfacht ausgedrückt. Das geht in Coronazeiten nicht. Also müssen wir überlegen, was stattdessen möglich ist. Die Krise ist also auch eine Chance. Beispielsweise findet am 3. Juli ein Open-Air-Konzert im Park der Generationen für 340 Besucher statt. Ohne Bühne, ohne Dach. Weil unsere Musiker einen Abstand von 1,5 Metern zueinander halten müssen, bräuchten wir für sie ein Zelt, das 17 mal 19 Meter groß ist. So etwas gibt es aber nicht, deshalb spielen sie unter freiem Himmel. Wir werden die Bäume mit bunten Scheinwerfern beleuchten, das wird bestimmt sehr stimmungsvoll. Aber natürlich muss das Wetter mitspielen. Wenn es regnet, fällt die Veranstaltung aus.

Können Sie auch im größeren Rahmen Open-Air-Konzerte veranstalten?

Richtig große Open-Air-Konzerte wird es in diesem Jahr überhaupt keine mehr geben. Da wäre das Risiko viel zu groß. Wir sollten dem Virus keine Chance geben, sich wieder zu verbreiten.

Und wie sieht es bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen aus? Beispielsweise bei den Sinfoniekonzerten im Neuberinhaus?

Oh, das Neuberinhaus bereitet uns gerade sehr großes Kopfzerbrechen. Durch die Coronaauflagen passen jetzt 122 Besucher in den großen Saal und 20 in den kleinen. Wir haben aber fast 1000 Abonnenten in Reichenbach und Greiz. Wir müssten also statt einmal dann zwei- oder dreimal auftreten. Das heißt aber dementsprechend zwei- oder dreimal Gema, zwei- oder dreimal Saalmiete, zwei- oder dreimal Kosten für Solisten und so weiter. Wir können die Karten aber natürlich nicht dreimal so teuer machen. Dazu kommt, dass die Musiker durch die Abstandsregeln gar nicht alle auf die Bühne passen. Ganz ehrlich: Wir wissen noch nicht, wie wir das technisch lösen. Ein bisschen Zeit haben wir zum Glück noch. Das erste Sinfoniekonzert findet erst Mitte September statt. nie

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