Dinieren auf Pump

1950 bekam das Bargeld Konkurrenz: Vor 70 Jahren, am 8. Februar, präsentierte ein New Yorker Börsenmakler mit der "Diners Club Card" die erste Kreditkarte der Welt. Damit revolutionierte er das Bezahlsystem für Konsumenten und Unternehmen.

Nach dem Geschäftsessen im noblen Steakhouse "Major's Cabin Grill" in Manhattan muss der Börsenmakler Frank McNamara feststellen, dass er seine Brieftasche vergessen hat. Nach kurzer Rücksprache mit dem Restaurantmanager hinterlässt er als Garantie auf einem Stück Karton eine Art signierten Schuldschein. Zu Hause angekommen schwört sich McNamara, nie wieder in eine derartig peinliche Situation kommen zu wollen und erfindet kurzerhand die Kreditkarte.

Ob sich die bis heute in der offiziellen Diners-Firmenhistorie als Gründungsmythos "First Supper" gepflegte Geschichte tatsächlich so zugetragen hat, bleibt fragwürdig. So fragwürdig und anmaßend wie die Formulierung "First Supper" an sich, wenn man weiß, dass im angloamerikanischen Sprachraum als "Last Supper" das von allen Evangelisten überlieferte letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern bezeichnet wird. McNamaras damaliger PR-Mann Matty Simmons - später Herausgeber von Magazinen, Buchautor und Produzent in Hollywood - schreibt in seinem 1995 erschienenen Werk "The Credit Card Catastrophe": "Um das Produkt bekannter zu machen, haben wir die Entstehungsgeschichte ein wenig glamouröser vermarktet." Tatsächlich soll McNamara der Geistesblitz ganz unspektakulär am Schreibtisch gekommen sein. Gemeinsam mit seinem Rechtsanwalt Ralph Schneider und einem Kapital von 1,5 Millionen US-Dollar gründete er die erste Kreditkartengesellschaft, den "Diners Club International".

Weil PR-Mann Simmons gute Kontakte zur New Yorker Gastronomieszene pflegte, holten McNamara und Schneider ihn mit ins Boot. Später stieg er bis zum Vizepräsidenten auf. "Die Idee ist ideal für Geschäftsleute, die häufig essen gehen", sagte McNamara, "sie bezahlen nur einmal im Monat mit einem Scheck und müssen nicht viel Bargeld bei sich haben." Die ersten Karten bestanden noch aus einem Stück brauner Pappe, und zum Start konnten 200 Mitglieder in 27 Restaurants damit ihre Rechnungen bargeldlos begleichen. Ende 1950 gab es bereits rund 20.000 Nutzer, und im März 1951 hatte der "Diners Club" 42.000 Mitglieder.

Der Jahresbeitrag für den elitären Speisezirkel betrug fünf Dollar. Haupteinnahmequelle war allerdings die siebenprozentige Gebühr, die den Händlern bei jeder Transaktion in Rechnung gestellt wurde. Den Durchbruch brachte dann 1952 der Einstieg des Millionärs Alfred Bloomingdale (Enkel des Kaufhausgründers von "Bloomingdale's"), der mit seiner Reputation viele neue Mitglieder und Akzeptanzstellen anlockte. Bald konnte überall in den USA neben Restaurants auch in Bars, Hotels und vielen Geschäften mit Karte bezahlt werden.

Der Diners Club verbuchte Ende 1952 sechs Millionen Dollar Jahresumsatz. Dennoch glaubte McNamara nicht an einen langfristigen Erfolg und verkaufte seine Geschäftsanteile für 200.000 Dollar an Bloomingdale. Der Kaufhauserbe wurde Firmenpräsident und stand für die neue Geschäftsidee: Statt individueller Kredite der einzelnen Geschäfte bot Diners seinen Kunden Kredit in verschiedenen Geschäften und übernahm die Zahlungsabwicklung. 1955 erstreckte sich Diners' Netz nicht nur über die ganzen USA, sondern unterhielt auch in mehreren Ländern Europas und Asiens Akzeptanzstellen. In Deutschland gab es die Diners-Club-Karte seit 1958.

Andere Kartenanbieter wie American Express, die Bank of America (Americard) und die Chase Manhattan Bank (Bank Charge Card) kopierten Ende der 50er-Jahre McNamaras Erfolgsidee. Dabei eroberten Americard - 1977 in Visa umbenannt - und Bank Charge Card den Markt mit noch breiter angelegtem Konzept. Während die Karten von Diners Club und American Express Abbuchungskarten waren, die einmal monatlich vollständig bezahlt werden mussten, bot die Americard die Rückzahlung auch flexibel über eine längere Frist an - bis heute vor allem in den USA gängige Praxis. Das war die Geburtsstunde der im Wortsinn "echten" Kreditkarte.

Doch wollte oder konnte jeder vierte Karteninhaber sein Konto nicht ausgleichen, und die Bank machte Millionenverluste. Trotzdem war die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. Schnell gehörten die nun aus Kunststoff hergestellten Kreditkarten zum modernen Lebensstil. Im August 1966 brachte das Bankenkonsortium Interbank Card Association (ICA) ebenfalls eine Kreditkarte heraus, die 1979 in Mastercard umbenannt wurde. Pannen bei der Erstausgabe, wie der Kartenversand an Verstorbene oder sogar an Hunde, bescherten der Bankengruppe auch hier rund 25 Millionen Dollar Schaden.

1968 wurde durch ein Kooperationsabkommen mit Eurocard International, einer Gesellschaft europäischer Banken, die Kartenausgabe und -akzeptanz in Europa sichergestellt. 1987 gelangten die Karten bis nach China, im Jahr darauf in die UdSSR. Die von der Konkurrenz längst überholte Urkarte von Diners wurde 1970 vom Finanzkonzern Continental aufgekauft. Seit 2008 gehört Diners Club dem Zahlungsdienstleister Discover Financial Services. Bekannt sind bis heute die exklusiven Airport-Lounges der Kreditkartenmarke in aller Welt.

Der Umsatz der großen Kreditkartengesellschaften Mastercard, Visa, American Express und Diners Club - seit 2017 ist auch die Barclay Card am Markt - ist allein in Deutschland von 43 Milliarden Euro 2010 auf mehr als 108 Milliarden Euro 2018 angestiegen. Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der Kreditkarten von 25Millionen auf über 35 Millionen zu. 36 Prozent der Deutschen besaßen 2018 eine solche Karte. Nur etwa ein Viertel der Deutschen glaubt jedoch, dass bargeldlose Zahlungen sicher sind.

Die Deutschen lieben weiter ihr Bargeld. Drei von vier Einkäufen werden bei uns bar bezahlt. Eine Kreditkarte nutzen die meisten vor allem im Ausland. Geht kein Cash über die Ladentheke, kommt die Girocard zum Einsatz. Mit dieser Debitkarte, die bis 2007 EC-Karte hieß, wird das Konto des Inhabers nach Zahlung sofort belastet. Weil dabei kaum Gebühren anfallen, freuen sich Händler über das für sie im Vergleich zur Kreditkarte günstigere Zahlungsmittel.

Für die Nutzung von Bargeld spricht, dass durch die Anonymität die Privatsphäre gewahrt bleibt. Es ist zinslos und ein Grund, warum Notenbanken mit ihren Leitzinsen nicht beliebig weit in den negativen Bereich gehen können. Anders als Buchgeld bei Banken bietet es außerdem Insolvenzschutz. Argumente gegen Scheine und Münzen sind höhere Kosten für Geschäfte wegen der Erfordernis, sie bei Banken einzuliefern und Wechselgeld vorzuhalten. Außerdem gibt es keine Sicherheit bei Verlust oder Diebstahl. Die Anonymität des Bargeldes nutzen überdies Kriminelle zur Steuerhinterziehung und für illegale Geschäfte.

In Skandinavien, den angelsächsischen Staaten und den Schwellenländern wächst das bargeldlose Zahlen rasant. Pro Kopf gerechnet sind die Kreditkartenumsätze eines US-Amerikaners im Schnitt mehr als siebenmal so hoch wie die eines Deutschen. Selbst kleine Beträge werden dort mit Karte oder mobil per Smartphone bezahlt. Mit dem Nahfunkverfahren NFC (Near Field Communication) ausgerüstet, ermöglichen sie das Zahlen "im Vorbeigehen". Diese Art des Bezahlens nimmt auch bei uns zu. Schweden will das Bargeld bis 2030 komplett abschaffen. 4000 Bewohner haben sich sogar einen Chip in die Hand implantieren lassen, um ihre Geschäfte bargeldlos zu erledigen.

Obwohl in Deutschland bei den meisten immer noch der alte Leitspruch "Nur Bares ist Wahres" gilt, ist der frühere Deutsche-Bank-Chef John Cryan der festen Überzeugung: "Binnen zehn Jahren wird das Bargeld verschwinden."


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