Durchaus auch mal Musik hören beim Lesen

Tobias Blumenberg schreibt über das eigene bewegte Bücherleben

Auf dem Klappentext dieses Wälzers steht, dass sein Autor über eine "unermesslich große Bibliothek" verfügt. Was ist das? 50.000 Bände? Ein Haus voller Bücher, wie die Bibliothek von Umberto Eco, die man im Internet besichtigen kann? Nun, wir wissen es nicht, aber dieser "Lesebegleiter" zeigt, dass Tobias Blumenberg nicht nur, wie man von Ibsen erzählt, in Regalen ungelesene Klassiker und dahinter Krimis hatte: Blumenberg, Zahnarzt von Beruf, kommt aus einer Bücherfamilie.

Sein Vater war der Philosoph Hans Blumenberg, dessen 100. Geburtstag wir in diesem Jahr begehen, und von dem jüngst ein Teil seiner Bibliothek nach Marbach gegeben wurde. Aber wie man an diesem Buch des Sohnes sehen kann, scheint es in der Familie noch genügend Bücher zu geben. Und über sein Bücherleben schreibt er nun. Hunderte, ja Tausende von Büchern werden genannt und etliche von ihnen ausführlicher vorgestellt.

Das beginnt in der Kindheit, da dankt er dem Vater für die Geschenke von "Moby Dick", "Don Quijote" und "Der Idiot". Damit ist eine Richtung der Lektüre gegeben, die wird nun durchforstet von den griechischen Klassikern bis in die Moderne. Mit Vergnügen kann man in dem "Lesebegleiter" auch die eigenen Lieblinge finden, freilich mit Verwunderung wird man aber auch lesen, dass Blumenberg von Karl May oder Jules Verne nicht viel hält, die zu unserer frühen Kindheitslektüre gehörten.

Blumenberg kennt viel, aber ob er auch alles gelesen hat, was er hier aufzählt, darf man bezweifeln. Arno Schmidt, der gern seinen Buchkonsum arithmetisch ordnete, meinte einmal in einem langen Leserleben könne man nur so um die 6500 Bücher lesen. Blumenberg konfrontiert uns mit weitaus mehr Bänden. Und er hat eine schöne Eigenart beim Lesen. Er hört dabei Musik. Also Beethovens Klaviersonaten und Stifters "Nachsommer", das wäre für einen selbst ein schwer genießbares Gemisch.

Er erzählt uns vielmehr, wie sich bestimmte Bücher mit bestimmter Musik verbinden, das kann vielleicht doch eine unterhaltsame Belehrung aus der Welt der Kunst sein. So geht das also über 720 Seiten, und wollte man all die Kommentierungen Blumenbergs kommentieren, hätten wir noch einen weiteren Lesebegleiter. Aber in aller Bescheidenheit darf ich darauf verweisen, dass ich vor einem Jahrzehnt meine Lieblingsbücher und Autoren beschrieben habe ("Was soll man lesen? Ein Leseverführer"). Und in diesem Buch findet sich gegen Schluss ein Satz, der auch das Resümee zu Blumenbergs Band sein könnte: "Dieses Buch ist ein Beispiel. Manch einer wird sich wiederfinden, in solchen Literaturverhältnissen, manch einer nicht. Aber so ist das eben - in der Literatur wie im Leben."


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