Einflussgewaltiger Wechselbalg

Er singt wie eine Reinkarnation von Elvis und hat die harte Rock-Subkultur der 80er und 90er maßgebliche geprägt: Nun wird der Amerikaner Glenn Danzig 65 Jahre alt.

Lodi.

Stellen Sie sich vor, das Telefon reißt Sie mitten in der Nacht aus dem Schlummer und eine wuchtige Stimme schreit Ihnen ins schlaftrunkene Ohr: "Ich habe gerade einen unglaublichen Song geschrieben. Wahrscheinlich der beste, den ich je komponierte. Es ist genau das Lied, das ich immer schreiben wollte!" Genau dies widerfuhr Produzenten-Ikone Rick Rubin anno 1987. Anrufer war Glenn Danzig, seines Zeichens Miterfinder des Genres Horrorpunk mit den legendären Misfits und späterer Pionier einer Richtung, die zu gleichen Teilen aus Blues, Hardrock und Gothic zum dämonischen Sud verrührt. Die Misfits werden zudem von vielen Hardcore- und Metalmusikern verehrt und beeinflusste unter anderem Größen wie Metallica oder NoFX - was ein Grund dafür ist, dass frühe Misfits-Singles heute bei Sammlern drei- bis vierstellige Dollarpreise erzielen.

Sobald es jedoch um den am 23. Juni 1955 in Lodi im US-Bundesstaat New Jersey geborenen Glenn Allen Anzalone geht, scheiden sich regelmäßig die Geister. Den einen eine musikhistorisch wichtige Erscheinung, verkörpert er als Sänger für andere eine Reizfigur. Unrecht haben beide Seiten nicht. Danzig ist sowohl als Mensch wie auch in seinem künstlerischen Wirken eine zutiefst widersprüchliche Erscheinung. Einerseits angetrieben von immensem Ehrgeiz, andererseits gelegentlich an eigener Selbstdemontage scheiternd. Einer Handvoll brillanter Rockalben stehen ebenso viele qualitative Rohrkrepierer gegenüber. In menschlicher Hinsicht eine Art Wechselbalg, dessen Charakter sprunghaft zwischen provokantem Egomanen und freundlich-selbstironischem Zeitgenossen pendelt: Der Mann ist eben auch Comic-Autor ("Death Dealer") und -Verleger.

Zu guter Letzt ist da sein politisch höchst widersprüchliches Gedankengut: Zum einen geprägt von absoluter Freigeistigkeit und idealistischem Eintreten für Kunstfreiheit, zum anderen ein Verkünder extrem konservativer Thesen, der öffentlich die Todesstrafe pries. Wie passen all diese Gegensätze zusammen? Gar nicht! Doch scheint genau diese Zerrissenheit jene Reibung zu befördern, die Danzigs inneres Feuer mitunter zu großer Musik führt.

Einer dieser Geniemomente ist der im eingangs erwähnten Telefonat angesprochene Signatursong "Mother": Staubtrocken, zupackend und in dramaturgischer Perfektion baut sich eine Melodie auf, die man getrost als einen der besten Rocksongs aller Zeiten bezeichnen darf. Auch textlich überzeugt Danzig hier mit doppelbödiger Raffinesse. Vordergründig kann man den Track als Schauergeschichte im Serienkiller-Chic begreifen. Daneben ist es jedoch eine direkte Ansprache an die damals einflussreiche Zensuraktivistin Tipper Gore, die den berühmten "Parental Advisory"-Sticker auf Tonträgern einführte: Ein Lied, dass gleichzeitig mit Gruselstory und Plädoyer für Kunstfreiheit aufwartet, findet man nicht alle Tage.

Die ersten Alben "Danzig" (1988), "Danzig II - Lucifuge" (1990) und "Danzig III - How The Gods Kill" (1992) und "Danzig IV" (1994) sind Zierden des Rock. Danzigs Gesang erinnert hier an seine Vorbilder Jim Morrison und Elvis Presley. Stücke wie das akustische "I'm The One", das atmosphärische "How The Gods Kill" oder den Ohrwurm "Cantspeak" sind nur drei von etlichen Highlights. Seine fünfte Scheibe ist etwas für Freunde derben Elektrorocks und hat mit dem hypnotischen "Come To Silver" auch eine Killerballade in petto. Nebenbei schrieb er Johnny Cash das charismatische "Thirteen" für dessen Comeback "American Recordings".

Nahezu alles danach kann man im Vergleich nur als Totalabsturz einordnen. Halbgare, mies bis dilettantisch produzierte Songs verströmen den Eindruck, Danzig habe so urplötzlich wie unerklärlicherweise fast alles verlernt. Erst mit dem aktuellen Coveralbum "Danzig Sings Elvis" gewinnt die Darbietung einen - wenn auch trashigen - Teil des früheren Charmes zurück. Der Mann ist und bleibt ein Rätsel.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.