1300 Euro: Schlüsseldienst zockt Familie ab

Eine Firma hat ein Marienberger Ehepaar um viel Geld erleichtert. Es wurde Opfer eines alten Tricks - jedoch in neuem Gewand.

Marienberg.

Es sollte ein gemütlicher Einkaufsbummel werden. Stattdessen erlebte eine Familie aus Marienberg einen Albtraum. "Wir wollten nur noch ein paar Sachen für den bevorstehenden Urlaub besorgen", sagt die Mutter über jenen Samstag, an dem sie ihren Haustürschlüssel verlor - und dafür um 1240,34 Euro erleichtert wurde. Erspartes, das fest für den Trip nach Österreich eingeplant war.

Am Abend bemerkte die Frau, dass der Reißverschluss ihrer Tasche offen war. Der Schlüssel: weg. Noch im Auto suchte sie mit dem Handy im Internet nach Hilfe. "Wir wussten, dass es in Marienberg den Schlüsseldienst Gentsch gibt. Doch der hatte nach Angaben im Netz bereits geschlossen", erklärt die Marienbergerin. Also wählte sie die Handynummer, die in der Suchmaschine unmittelbar oberhalb auftauchte. "Ich fragte, ob ich bei Schlüsseldienst Gentsch gelandet bin. Die Antwort war Ja." Eine Lüge, wie sich herausstellen sollte.

Eine Stunde und 40 Minuten später fuhr ein Mercedes mit Essener Kennzeichen vor. Der Mann füllte einen Kostenvoranschlag aus. 189 Euro plus 30 Euro Fahrtkosten: "Für Samstagabend fanden wir das in Ordnung", sagt die Mutter. Widerwillig musste sie mit ansehen, wie der Mann das Schloss aufbohrte, den Schließzylinder demolierte, die Tür nur provisorisch reparierte und vor dem Gehen weitere Kostenposten auf der Rechnung ergänzte. Nur für den Zylinder verlangte er 495 Euro - 5,50 Euro pro Millimeter Länge. Unterm Strich standen plötzlich 1240,34 Euro. "Der Mann bedrohte mich. Ich sollte sofort bezahlen. Ein EC-Kartenlesegerät hatte er auch. Ich hatte Panik. Mein Mann ist pflegebedürftig, mein Sohn erst 13. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, gab ihm das Geld", schildert die Frau.

Sie rief anschließend sofort die Polizei, erstattete Anzeige und meldete sich beim richtigen Schlüsseldienst Gentsch. "Über die Suche im Internet landet man nicht zwangsweise bei uns", sagt Gero Gentsch von der Geschäftsführung. Auch die betroffene Familie geriet so statt an den hiesigen Dienstleister an eine Firma, die in den alten Bundesländern sitzt, ein Netzwerk aus Subunternehmern beschäftigt und überzogene Preise verlangt. Sie wurde Opfer eines alten Tricks in neuem Gewand, bestätigen sowohl Verbraucherschutz als auch Rechtsanwalt Christian Mauritz. Früher suggerierten solche Anbieter mit falschen Angaben in Telefonbüchern den Kunden, regional ansässig zu sein. Heute zahlen sie Suchmaschinenbetreibern Geld, um bei der Suche im Internet oben zu stehen. "Sie bringen die Branche in Verruf. Gegen diese schwarzen Schafe ist kein Kraut gewachsen", sagt Gero Gentsch.

Er reparierte der Familie die von der Firma aus Essen geöffnete Tür. Kosten: rund 250 Euro. "Mehr hätte auch das Öffnen bei uns nicht gekostet", erklärt Gentsch. Stattdessen seien Laien am Werk gewesen. Die Krönung: der Preis für den Schließzylinder. "Der kostet sonst 50 Euro. So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt Gentsch. Seine Firma biete übrigens rund um die Uhr Notdienstbereitschaft an. Hätte das die Familie gewusst, hätte sie sich viel Ärger und Geld sparen können. Stattdessen hat sie nun Rechtsanwalt Christian Mauritz eingeschaltet: Er kennt die Masche, bestätigt die Tricks. "Die Erfolgsaussichten vor Gericht stehen dann gut, wenn mehr als 100 Prozent des marktüblichen Preises bezahlt wurde und wir uns im Bereich des Wuchers befinden."

Sachsens Verbraucherzentrale kämpft schon länger gegen unseriöse Schlüsseldienste. Der Erfolg: überschaubar, sagt Stefanie Siegert. Die Firma aus Essen ist Verbraucherschützern auch aufgefallen. Im Forum von Stiftung Warentest warnen andere Opfer. "Freie Presse" hat den Schlüsseldienst kontaktiert. Man gab sich als ortsansässiger Betrieb aus. Nachfragen: unerwünscht.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...